Donnerstag, 5. Februar 2009

Der wahre Wert von 10 US$

----- Original Message -----

Sent: Tuesday, April 08, 2008 7:59 AM
Subject: Der wahre Wert von 10 US$


> Hallo Norbert,
>
> erstmal vielen Dank fuer Deine schnelle Antwort.
> Es ist also eine Sache der Bewertung. In Deinem
> Beispiel schreibt der Haendler, der feststellen muss,
> das er Heizreis anstatt Essreis fuer sein Geld
> bekommen hat, die vermeintliche Wertdifferenz ab.
> Wer aber sagt mir, das die neue Bewertung richtiger
> ist als die alte? Vielleicht gibt es ja Leute die fuer
> ein Kilo ranzigen Heizreis das doppelte Zahlen wie
> fuer ein Kilo wohl duftenden Essreis.
> Ich denke ich kenne deine Antwort auf diese Frage.
>
> Es ist der Markt, der die Bewertung vornimmt.
>
> Wenn der "arme" Heizreisbesitzer jetzt aber so kreativ
> ist aus der Not eine "Tugend" zu machen und wie
> oben angedeutet nicht nur einen Markt sondern
> auch einen Hype fuer Heizreis kreiert, dann ist er
> doch wieder fein raus, oder? Und alles ist wieder
> in bester Ordnung, oder? Bis die Welt entdeckt,
> das der Heizreishaendler ein Scharlatan war, weil
> man genausogut "billigen" Essreis zum Heizen nehmen
> kann als doppelt so teuren stinkigen Heizreis.
>
> Am Ende bleibt die Frage, ob der Markt eine
> genuegend vernuenftige Instanz ist, der man alleine
> solche Bewertungen und damit auch Allokationsentscheidungen
> (Essen oder Heizen) ueberlassen kann?
>
> Und dieses Fragezeichen wird noch groesser,
> wenn man bedenkt, das nachdem dieser Markt
> den Preis ermittelt hat, sich der Preis in Lohn fuer
> die entlang der Wertschoepfungskette geleistete
> Arbeit, Gewinn fuer die Besitzer der Wertschoepfungskette
> und Steuern fuer den Staat indem die Wertschoepfung
> statt fand, aufteilt. Das heisst naemlich, das der Markt
> und dieser Aufteilungsalgorithmus die Wertschaetzung
> menschlicher Arbeit vornimmt. Da es Menschen geben
> soll, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren und sich
> zum Teil ueber ihre Arbeit definieren und dabei Gefuehle
> wie Stolz und Befriedigung entwickeln frage ich mich,
> ob die "Wertschaetzung" (manchmal sind die Worte der
> deutschen Sprache geradezu genial) dieser Menschen
> und der durch sie geleisteten Arbeit beim Markt alleine
> in guten Haenden ist.
> Das ein Bauer, der durch harte Arbeit ein in seinen Augen
> wertvolles Lebensmittel erzeugt hat, sauer wird, wenn er
> erfaehrt, das der Lohn den er dafuer erhalten hat, so
> gering ist, das sich auf der anderen Seite der Erde
> Leute leisten koennen damit zu heizen, ist mir zumindest
> klar.
> Damit haetten wir dann den zweiten ganz offensichtlichen und
> schwerwiegenden Mangel des als Allheilmittel propagierten
> Marktes neben den frueher benannten mechanischen Maengeln.
> Der Markt ist bestenfalls eindimensional und wird den Menschen
> und der zu Recht von ihnen erwarteten Wertschaetzung (nicht nur
> ihrer Arbeit) nicht gerecht.
> Nun aber zurueck zu den Haendlern, seien es nun Heizreishaendler
> oder (Wert)Papierhaendler, denen der Markt erlaubt fuer kreative
> Kreationen jeder Art einen Hype zu entfachen, der offenbar zu
> massiven Fehlallokationen fuehrt, die die Geldversorgung bzw.
> Lebensmittelversorgung ernsthaft gefaehrden koennen und damit die
> Fundamente einer jeden modernen Gesellschaft untergraben koennen.
> Wer solchen Gaunern nicht das Handwerk legt, sondern vielmehr
> ihnen den Zugang zum Markt garantiert und sie letztendlich fuer
> solche Machenschaften belohnt, der nimmt wissentlich Krisen
> vom Ausmass einer Weltwirtschaftskrise und all dem damit
> verbundenen Elend in Kauf. Das diejenigen, die das tun und die
> grenzenlose Freiheit des Marktes predigen, gleichzeitig Buergerrechte
> massiv beschneiden und eine Kontroll- und Bespitzelungsmanie
> entwickeln, die ihres gleichen sucht, erscheint mir ebenfalls
> bemerkenswert.
> Daher zu Deiner Frage nach dem wahren Wert von 10 US$
> hier mein Beispiel:
> Wenn ich mich auf der Wall Street als Schuhputzer betaetige,
> am besten mit geschwaerztem Gesicht, dann erhalte ich fuer
> das Putzen von zehn paar Schuhen von den feinen Bankern,
> je einen Dollar. Zusammen also besagte 10 US$. Damit haetten
> wir eine erste Bewertung, nicht nur meiner Arbeit sondern auch
> des Dollars. Mit diesen 10$ kann ich seit kurzem einen Anteil
> an Bear Stearns kaufen oder aber 5 Optionen a 2$ die mir das
> Recht verbriefen Bear Stearns in einem Jahr zum Preis von
> 10$ zu kaufen. Ich koennte auch um die Ecke gehen und mir
> ein supersized BigMac Menu rein ziehen oder bei Starbucks
> ein Cafe Late im extra grossen Papbecher und ein klebriges
> Croissant dazu kaufen. Jenachdem wie die zehn Banker so drauf sind
> nachdem ich Ihnen die Schuhe geputzt habe, kann es sein das
> morgen der eine oder andere der genannten Deals nicht mehr
> funktioniert. Vielleicht weil einer von Ihnen bei JP Morgan das
> Angeot fur BS erhoeht hat, dann waeren die Optionen ja schon
> im Geld ;-), oder weil ein anderer so richtig Geld in den Kaffeemarkt
> gepumpt hat und die naechsten 1000 Schiffsladungen nach
> Europa umgeleitet hat. Der Entscheidungsdruck ist also enorm.
> Nehmen wir an, ich entscheide mich klassisch fuer das supersized
> BigMac Menu, da gibts auch ne Cola dabei und der Duennpfiff
> danach ist auch nicht schlecht. Dann waren 10$ heute 10 mal
> Schuhe putzen und ein supersized BigMac Menu wert. Was sie
> morgen wert sind weiss ich noch nicht, das haengt von den Bankern
> ab, aber ich werd mein Bestes geben und ihre Schuhe auf Hochglanz
> putzen und hoffentlich dafuer wieder jeweils einen Dollar bekommen.
> Ob wieder zehn Banker kommen ist zur Zeit nicht sicher, wie man
> hoert schmeissen die da gerade kraeftig Leute bei den Banken raus.
> Aber irgendwo zwischen 5 und 10 werdens schon werden. Was also
> den wahren Wert von 10$ betrifft kann ich nur sagen 10 mal
> Schuhe putzen, den Rest machen die feinen Kerls mit den blanken
> Schuhen fuer uns aus.
>
> Sapere aude!
>
> Georg
>

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