Sonntag, 10. Januar 2010

Folklore Reisfarm

----- Original Message -----

Sent: Wednesday, December 02, 2009 2:15 PM

Subject: Folklore Reisfarm

Hi Norbert,


tja die goldene Mitte! Die scheint es aber nicht zu geben, sonst wuerde nach gaengiger Theorie ja alles auf dieses Optimum hin konvergieren.
Entweder fehlt in den Spreizblaettern dieser Welt etwas und bleibt daher bei den massgeblichen Entscheidungen unberuecksichtigt, oder es gibt dieses etwas garnicht und die per Spreizblatt optimierten Strategien zielen tatsaechlich auf das Optimum und ich bin einer paranoid apokalyptischen Realitaetsverzerrung erlegen.

Eine durchschnittliche 2ha Reisfarm in Thailand kann nicht mit durchschnittlich 160ha grossen Betrieben in USA konkurieren. Dazu muss man wissen, dass in USA knapp ueber 50% der Betriebe unter 40ha gross sind und diese dann in der Regel wirtschaftliche Schwierigkeiten haben, weil sie mit den Monsterbetrieben, die den Flaechenschnitt dann auf 160ha heben, nicht mithalten koennen.

Ertraege von 1t pro ha, wie wir sie hier erwirtschaften, sind jaemmerlich, wenn moderne Intensivstbewirtschaftung 10t / ha ermoeglichen.
Natuerlich kann ich 100 dieser Minibetriebe fuer einen Appel und ein Ei aufkaufen
(da die Ertraege derart marginal sind, waeren Viele hier froh das Geld zu bekommen um dafuer bei der Bank Zinsen zu kassieren oder ihre Schulden abzutragen)
um dann Duenger und Maschinen einzufliegen und mit 5 Lohnarbeitern einen nach westlichen Standards akzeptable Rentabilitaet zu erwirtschaften.

Aber was mach ich mit den 95 Anderen und deren Familien, die in einer derartigen Organisation keinen Platz mehr haben?

In ein Reservat sperren? Kurzarbeiter oder Arbeitslosengeld?
Oder Solidaritaetszuschlag? Oder Qualifizierungsmassnahmen fuer das neu eroeffnete GM Montagewerk?

Und an die Professoren Sinn und Co. gerichtet. Es gibt hier kein Hartz IV und keinen Mindestlohn die im Weg stuenden. Im Gegenteil, Thailand ist bekannt fuer "the long standing tradition of free entrepreneurship". Soll heissen neofeudal bis neoliberal inkl. von Pierer Syndrom seit dem man denken kann. Was fehlt also?

Ich habe nicht die Ambition die Welt zu retten und auch nicht ein paar ha im Nordosten Thailands. Bei der Betrachtung des Gebildes Wirtschaft aus verschiedenen
Perspektiven fallen mir aber ein paar interessante Dinge auf. Zum einen, dass die allgemein angebotenen Erklaerungen nicht schluessig und tragfaehig sind.
Das mag an meiner Begriffsstutzigkeit liegen. Aber wenn mich mein Bruder nachvollziehbar und berechtigt darauf hin weisst, dass eine konservative Wette auf
ein 90 min Sportereigniss nach geltender Mathematik ein besseres Rendite Risiko Verhaeltniss bietet als die einjaehrige Spareinlage bei einer Bank und sich gleichzeitig die schweisstreibende Produktion eines Nahrungsmittels sich als Verlustgeschaeft darstellt, dann fange ich an nach zu denken. Ich gebe zu, das ich dabei einen Bias habe. Das liegt daran, dass diese Konstellation fuer mich nicht die erste ihrer Art ist. Vielmehr hatte ich diese Art von Diskussionen schon an prominenterer Stelle.
Mit tragischen Siegen der Spreizblattakrobaten, die wohlwollend ausgedrueckt, dem Mainstream Finanzvoodoo folgend, von einer sog. Rationalitaetenfalle in die naechste tappen.
Wenn ich mich davon aber mal loese, und ich denke das kann ich noch, und mich in die geostationaere Umlaufbahn katapultiere um die Sache von dort anzupeilen,
dann faellt mir auf, dass trotz der unbestrittenen Gueltigkeit der Hauptsaetze der Thermodynamik auf diesem Planeten das thermodynamische Gleichgewicht nicht
eintreten will (keine Angst es kommt kein Plaedoyer fuer die Existenz eines Gottes). Vielmehr bilden sich Strukturen hoechster Komplexitaet und Raffinesse, die offensichtlich weit jenseits eines thermodynamischen Gleichgewichts sind.
Soetwas gilt als typisch fuer dissipative Systeme, die in einem Fliessgleichgewicht stehen, mit Energiezufuhr auf der einen Seite und Entropieexport auf der anderen Seite. Die Struktur- und Prozessbildung innerhalb dieser Systeme erscheint spontan an sog. kritischen Punkten. Es koennte also sein, dass Wirtschaft auch ein solch dissipatives System ist, in das Energie in Form von menschlicher Arbeit und fossilen Brennstoffen einfliesst und aus dem Entropie in Form von Muell und Abgasen exportiert wird.
Ein weiteres Indiz in diese Richtung ist die Skaleninvarianz der Strukturmerkmale in solchen Systemen. Ich kann die groesste Volkswirtschaft der Welt oder die wirtschaftlichen Verhaeltnisse in der Stadt Sindelfingen analysieren. Die Verteilung der Vermoegensverhaeltnisse kommen immer auffallend nahe beim Pareto aus. Es koennte also sein, dass es etwas gibt, das diese Entwicklung von Ungleichheit bis zum naechsten kritischen Punkt antreibt, nur um von dort auf
einem anderen Niveau etwas aehnliches zu starten. Es koennte also sein, dass eine Mathematik, die in der Lage ist dynamische nicht lineare Systeme zu beschreiben,
besser geeignet ist, wirtschaftliche Phaenomene zu verstehen, als die gaengige lineare Finanzmathematik. Es koennte also sein, dass das fehlende Etwas, was die
gaengigen Spreizblattoptimierungen regelmaessig (vorhersehbar) mit zum Teil fatalen Folgen an der "goldenen Mitte" vorbei schiessen laesst, sich hinter eben dieser
linearen Finanzmathematik verbirgt und nichts anderes ist als fehlende Einsicht in die Tatsache, das freie Maerkte global betrachtet keine Gleichgewichte erzeugen,
sondern paretoverteilte Vermoegensverhaeltnisse schaffen. Das ein mehr an Freiheit eine Erhoehung der Frequenz der Bifurkationen zur Folge hat.

Vielleicht braucht man aber garnicht so hoch gestochen argumentieren sondern vielleicht ist dieses fehlende Etwas schlichtweg ein Mangel an Emphatie, der sich in nicht ausrottbarer Hoffnung auf ein perpetuum mobile und damit in einer fatalen Ignoranz gegenueber den Hauptsaetzen der Thermodynamik manifestiert.

Eine Physik, die noch immer auf dem bohrschen Atommodell und seinen inneren Widerspruechen aufbauen wuerde, wuerde in der Anwendung niemals in der Lage sein
45nm Halbleiterprodukte oder Terrabyte Festplatten im Hosentaschenformat hervor zu bringen. Dabei war das bohrsche Atommodell schon ein wahrer Geniestreich im
Vergleich zu dem "Atommodell der Wirtschaftsweisen". Der groesste Teil der Mainstream Wirtschaftstheorien duerfte wohl gequierlte Scheisse sein, da sie auf einem unrichtigen "Atommodell" basieren. Dieses unrichtige Atommodell der Wirtschaft besteht aus der falschen Behauptung, dass Maerkte eine funktionierende Regelung fuer Angebot und Nachfrage darstellen. Eine funktionierende Regelung erfordert unter anderem aber, dass die zum Regelkreis angeordneten Elemente eine Uebertragungsfunktion haben, deren erste Ableitung (Steigung) konstantes Vorzeichen hat. Dies ist bei Maerkten nicht gegeben, da auf das objektive gleiche Eingangssignal abhaengig von subjektiven Wahrnehmungen unterschiedliches Verhalten erzeugt wird. Steigende Preise koennen sowohl eine Nachfragehemmung / Angebotserhoehung zur Folge haben wie auch Nachfragesteigerung / Angebotskuerzung. Damit muss jede "Gleichgewichtstheorie", die auf dieser falschen, unhaltbaren Behauptung aufbaut, Schrott sein und in der Anwendung zu fatalen Fehlschlaegen und Fehlentwicklungen fuehren (siehe Anhaenge).
Aus meiner Sicht verhaelt sich Wirtschaft aber eher wie ein dissipatives System, das Strukturen hervorbringt, die eben weitab von einem thermodynamischen Gleichgewicht liegen. Darueber mal ernsthaft nach zu denken setzt aber voraus, sich aus dem Gravitationsfeld der neoklassischen Theorien loesen zu
koennen und den Irrsinn den diese bisher produziert haben als solchen anzuerkennen.

Gruss,

Georg

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