Donnerstag, 28. Januar 2010

Warum neoklassische Wirtschaftstheorien in die Irre fuehren.


Jede Politikberatung und jede Ideologie, die sich auf die neoklassischen Wirtschaftstheorien stuetzt, muß sich als fatale Fehlleitung erweisen, da diese Theorien auf einem fehlerhaften Verstaendnis der realen Wirtschaft als System beruhen. Zwar haben die Klassiker viele Phaenomene (Smith „magische Haende”: Selbstorganisation, Emergenz von Strukturen und Prozessen, Pareto skaleninvariante Verteilung der Vermoegens- und Einkommensverhaeltnisse) richtig erkannt, waren aber nicht in der Lage, die richtigen Schluesse daraus zu ziehen.
In der Folge entstanden daher untaugliche Modelle, die in ihrer Summe und durch ihre allgemeine Verbreitung
zu einer unendlichen Zahl von Entscheidungen mit unbefriedigendem Ergebnis gefuehrt haben.  Die Dramatik
dieser Fehlentwicklungen kulminierte in juengster Vergangenheit in einer globalen Wirtschaftskrise gigantischen Ausmasses.
Nur dann, wenn Menschen ein zutreffendes und umfassendes Verstaendniss der Dinge haben und dieses Wissen ueber die Dinge bei ihren Handlungen auch respektieren, sind sie in der Lage grossartiges zu leisten und gluecklich
und im Einklang mit den Dingen zu leben. Immer dann, wenn dieses Wissen fehlt oder im grossen Stil nicht respektiert wird, kommt es zu fatalen Katastrophen. Die Geschichte wiederholt sich an solchen Stellen regelmaessig
(vorhersehbar) solange, bis das notwendige Wissen erarbeitet und erlenrt wurde bzw. bis der notwendige Respekt vor diesem Wissen hergestellt ist und zu konformen Handlungen fuehrt. Das gilt im Kleinen wie im Grossen.
Die neoliberale Ideologie auf Grundlage der neoklassischen Wirtschaftstheorien ist eine dieser Respektlosigkeiten grossen Stils mit fatalen Folgen fuer grosse Teile der Menschheit.
Der grundlegende Fehler der neoklassischen Wirtschaftstheorien besteht in der Annahme, dass freie Maerkte eine funktionierende Regelung fuer auf nahe Gleichgewichtszustaende zustrebende Prozesse darstellt. Mit dieser Annahme werden die meisten Modelle und die haeufigen in ihnen enthaltenen Linearisierungen gerechtfertigt. Da diese Modelle Grundlage der alltaeglichen wirtschaftlichen Entscheidungen sind, subsummieren sich die Fehler
zu Summen gigantischen Ausmasses.
Die Respektlosigkeit (man koennte auch sagen Anmassung) der neoliberalen Ideologie besteht darin, dass dieser grundlegende Fehler wider besseren Wissens dogmatisiert und damit unendlich fortgeschrieben wird.
Wohlwissend, dass die Phaenomene der Wirtschaft auf ein dissipatives System fernab von Gleichgewichten hindeuten, wird an den neoklassischen Gleichgewichtstheorien festgehalten und gleichzeitig eine Immunisierung gegen jegliche Kritik und Hinterfragung installiert, die aufgrund ihrer Penetranz schon als Gleichschaltung betrachtet werden kann. Sollte sich die diesbezuegliche Starre in den fuehrenden Koepfen unserer Gesellschaft nicht bald loesen bzw. loesen lassen, ist mit weiteren Katastrophen bei steigender Frequenz und Amplitude zu rechnen.
Wuerde man hingegen Wirtschaft als ein dissipatives System betrachten, in das auf der einen Seite Energie in Form von immer produktiver werdender menschlicher Arbeit und seit 200 Jahren damit einhergehend in stark ansteigender Form von hauptsaechlich fossilen Brennstoffen einfliesst und auf der anderen Seite Entropie in Form von
 „Abfaellen” abfliesst, wuerde dies zu einem ganz anderen Oekonomieverstaendnis fuehren. Die meisten Mainstream Modelle und die daraus abgeleiteten Entscheidungshilfen muessten wohl ueber Bord geworfen werden, weil augenblicklich klar wuerde, welche reale Komplexitaet diesen groben Vereinfachungen gegenueber steht.
Es wuerde sofort klar werden, dass Derivate und komplexe Finanzinnovationen diese Diskrepanz exponentiel erhoehen und damit nur das Problem „Kontrollverlust” durch „Kontrollillusion” ersetzen. Es wuerde sofort klar werden , das eine sehr simple archaisch anmutende Finanzwirtschaft schon ein nichtlineares dynamisches System darstellt, dessen Dynamik bei entsprechenden Parametern eine unueberschaubare Komplexitaet entwickeln kann. Es wuerde sofort klar, dass wir uns durch den sog. Fortschritt Hebel in die Hand gegeben haben, deren Auswirkungen in Bezug auf komplexe Folgen unsere geistigen Kapazitaeten schon bei weitem uebersteigen.
Es wuerde klar, dass die selbsternannten  „Master of the Universe” und ihre Adjudanten in Form Nobelpreis dekorierter Oekonomen  uns seit Jahrzehnten des Kaisers neue Kleider mit dem Label Armani vorfuehren. Eine Umkehr zum Prinzip KISS und zu dezentralen Strukturen menschlichen Ausmasses waeren das Diktat der Vernunft. Und es wuerde schlagartig klar, welche Weisheit in den folgenden Worten liegt:

„Stable order is always provisional and threatened by complexity.
We should finally start thinking that we all live on the edge of chaos.
For this reason, if they were truly digested, the theories of complexity
and chaos could change our way of seeing what happens in our cultures.
They lead us to mistrust all the totalising and totalitarian conceptions
which have the pretension of telling us with certainty what the world
will be like and which therefore supply us with the instruments to
dominate as we may please – or to help us submit to those who, in their
opinion, will dominate us. Living on the edge of chaos is also an
aesthetic choice: the acceptance of living joyously with the
unpredictable, the new and the unknown. Rather than being simply
the humiliation of our arrogance, it is the renunciation of the
imaginary "regular income" of determinism and the transformation of
our uncertainties into a genuine wealth to help us to survive.

Sergio Benvenuto

Die Wahl die uns bleibt ist die Wahl zwischen dem Prokrustesvirus in Form von Festhalten an neoliberalen Ideologien und grob vereinfachenden neoklassischen Theorien oder einer Oeffnung hin zu einer wissenskonformen
vernuenftigen wirtschaftlichen Handlungsweise, die das System Wirtschaft als dissipatives System angetrieben durch menschliche Arbeit fernab von Gleichgewichtszustaenden versteht und respektiert. Fuer den ersten Fall prognostiziere ich die Wiederholung der Krankheit mit steigender Frequenz und die daraus folgenden Amputationen. Im zweiten Fall erwarten uns erhebliche Unsicherheiten aber auch die Chancen fuer ein Ueberleben.

Georg Trappe, Dezember 2009

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