Dienstag, 9. November 2010

Neuer Goldstandard, die Formel gegen den Absturz?

Kein geringerer als der Weltbankchef Zoellick kommt mit dem revolutionaeren Vorschlag eines neuen Goldstandards zur Ueberwindung der Weltwirtschaftskrise zum Vorschein.(1) Das sollte man ernst nehmen! Denn es belegt einmal mehr die Konzeptions- und Ratlosigkeit fuehrender Oekonomen. Anstatt einzugestehen, dass die seit drei Jahrzehnten von Ihnen verbreiteten und vorherrschenden wirtschaftlichen Dogmen der neoliberalen Ideologien die Weltwirtschaft in einen instabilen Zustand getrieben haben, versucht man, nachdem die Standardloesungen dieser Ideologie offensichtlich nicht greifen, sein Glueck mit dem Rueckgriff in die Mottenkiste, indem man dem irrationalsten "Wertkonservator" in Form eines inerten Edelmetalls namens Gold wieder die Rolle des Wertgaranten zuschreiben moechte. Wie fragwuerdig dieser Vorschlag ist, wird deutlich, wenn man die Goldpreisentwicklung mit den modernsten zur Verfuegung stehenden Methoden analysiert (2). Die Erkenntnis, dass die Signatur des "log periodic power laws"(LPPL), die bisher zuverlaessigste Vorhersagemoeglichkeit fuer eine Blasenbildung und damit fuer einen potentiellen Crash darstellt, wirft ein bemerkenswertes Licht auf den Vorschlag des Weltbankchefs. Denn der Goldpreis zeigt seit einigen Jahren genau diese Signatur. Steht also die Goldblase kurz vor ihrem Zusammenbruch? Und wie ist vor dem Hintergrund dieser Frage, der Vorschlag des Weltbankchefs zu bewerten? 

Die Theorie die hinter dem LPPL, das unter anderem in der Erdbebenforschung eine Rolle spielt, steht, ist einleuchtend. Die Energie einer Schwingung steigt nicht nur mit ihrer Amplitude sondern auch mit ihrer Frequenz (Beispiel: Ultraschallbad). Wenn nun nicht nur die Amplitude
sondern auch die Frequenz einer solchen Schwingung exponentiell waechst, dann waechst ihre
Energie extrem. Eine Struktur, in der eine solche Schwingung entsteht, ist extremem Stress ausgesetzt. Das LPPL gilt daher auch als Vorbote eines Phasenuebergangs, oder eben eines Erdbebens. Ein dramatischer, da schlagartig auftretender, Wechsel der Qualitaeten der makroskopischen Eigenschaften eines nichtlinearen dynamischen = komplexen Systems. 
Wer Wirtschaft aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme betrachtet, wird daher die Bedeutung des LPPL erkennen. Dies scheint aber den fuehrenden Oekonomen, aus welchen Gruenden auch immer, nicht moeglich zu sein, denn sonst kaemen sie wohl nicht auf die Idee
ausgerechnet Gold, andem sich zur Zeit deutlichst das LPPL manifestiert als "neuen" Wertsicherungsstandard fuer Waehrungen vorzuschlagen.
Ich beobachte die Entstehung der LPPL Signatur beim Goldpreis seit einiger Zeit mit grosser Sorge. Aber sie ist nicht das einzige Anzeichen dafuer, dass wir vor grossen Umbruechen in der Weltwirtschaft stehen. Ein weiterer von den Mainstream Oekonomen uebersehener aber zuverlaessiger vorlaufender Indikator fuer wirtschaftliche Grossereignisse im Format einer Weltwirtschaftskrise ist die Entwicklung der Konzentration der Einkommen in den Haenden einer kleinen Zahl von Wohlhabenden (3). Dies ist nur durch eine massive Vermoegensakkumulation  in den Haenden der oberen 1% zu erklaeren, wie sie auch durch aktuelle Studien (4) belegt ist. 

Welche unterschwelligen sozialen Spannungen durch diese  Verhaeltnisse erzeugt wurden, ist leicht vorstellbar. Wenn diese Spannungen nun noch durch eine hyperdynamischen Schwingung der Art LPPL ueberlagert werden und am durch neoliberale Dogmen mehrfach ueberbestimmten Kaefig ruetteln, weil die problemverursachenden 1%  aus einem Angst getriebenen Reflex heraus grosse Teile ihrer gigantischen Vermoegen in aus  vollkommen irrationalen Gruenden als werthaltig eingestufte Edelmetalle umschichten, dann wird der befuerchtete Zusammenbruch zu einer sich selbsterfuellenden Prophezeiung.
Und dann bewirken absurde Vorschlaege der oben genannten Art nichts, ausser einer weiteren Verstaerkung  einer ohnehin schon beaengstigenden Destabilisierung. Wer die durch hunderte von Milliarden erkaufte Zeit ungenutzt verstreichen laesst, ohne die ursaechlichen Probleme der Krise zu beheben, rettet die Welt auch nicht mit der Wiedereinfuehrung eines Goldstandards.

Saper Aude!

Georg Trappe

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