Mittwoch, 8. Dezember 2010

Verpflichtung zur Humanitaet

Aus meiner Sicht ist die Verpflichtung zur Humanitaet, die Verpflichtung das menschliche Mass zu respektieren, der Dreh- und Angelpunkt, wenn ich den Blick von der Klagemauer weg hin zu  moeglichen Loesungen wende.
Wenn man zur Abwechslung mal vom Unwissen ausgeht und fuer einen Moment den Stolz auf das angeblich exponentiell wachsende Wissen vergisst. Wenn man zur Abwechslung mal den Ernstfall des Scheiterns zum Mass der Dinge erhebt und nicht den antizipierten Erfolg, dann kommt man zu etwas, was ich mal Ergonomie gesellschaftlicher, politischer und sozialer Verhaeltnisse genannt habe.
So wie es keinen Sinn machte, den Menschen in den Fabriken des Fruehkapitalismus mangelnde Festigkeit ihrer Gliedmassen vorzuwerfen, wenn diese von den vollkommen ungeschuetzten unergonomischen Maschinen meiner damaligen Kollegen abgerissen wurden, so macht es keinen Sinn den Menschen in unserer Gesellschaft mangelndes Wissen oder mangelnde Vernunft in Bezug auf die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Prozesse vorzuwerfen.
Der Grund warum so viele Menschen sich nicht in das einbringen koennen, was so existenziell wichtig fuer sie ist, ist der Mangel an Ergonomie. Der Mangel am Respekt vor dem menschlichen Mass.
Dazu haben wir Ingenieure nicht unerheblich beigetragen.
Den groessten Vorwurf ueber die offensichtliche Respektlosigkeit gegenueber dem menschlichen Mass bei Bauwerken und Maschinen hinaus, den ich unserer Zunft dabei machen muss, ist der, dass wir eine wichtige Grundlage unseres "Erfolgs" nicht vermitteln. Und dies ist das Wissen ueber unser Unwissen in Bezug auf nichtlineare dynamische Systeme. Wir vermeiden Nichtlinearitaeten wie der Teufel das Weihwasser, weil wir uns der Unloesbarkeit der Probleme die daraus entstehen bewusst sind. Und wenn wir sie nicht vermeiden koennen, dann greifen wir auf Linearisierungen zurueck, die nur einen infinitesimal kleinen Geltungsbereich um den "Arbeitspunkt" fuer den wir sie machen haben.
Das Unheil, was wir durch das verschweigen unseres "Geheimrezepts" ausloesen, entsteht im wesentlichen in zwei Dimensionen. Zum einen entsteht ein Druck auf andere Bereiche, den diesem Geheimnis entsprungenen "Erfolgen" ebenbuertiges entgegen zusetzen. Daraus folgt z.B. eine Wirtschaftswissenschaft, die sich als Physik der Geisteswissenschaften versteht, und versucht Wirtschaft aus linearen Gleichgewichtsmodellen heraus zu erklaeren. Das das schief gehen muss, ist jedem Ingenieur, der sich mit den jaemmerlichen Grundlagen, auf denen die Kontrollillusion erzeugenden mathematischen Konstrukte der Wirtschaftwissenschaften aufbauen, auseinander setzt, sofort klar, wenn er sich die Muehe machen wuerde, mal einen Blick ueber den Zaun zu werfen.
Die zweite Dimension ist aber noch viel dramatischer. Denn trotz des Wissens ueber unser Unwissen ignorieren wir diesen blinden Fleck im grossen Stil, wenn wir unsere linearen Konstrukte in grosser Zahl, ueber lange Zeiten und inzwischen raeumlch global, in eine von Natur aus nichtlineare Welt setzen. Diese Ignoranz besteht darin, das wir wissen, das wir nicht wissen koennen, welche Auswirkungen diese massive Implementation linearer Konstrukte in eine nichtlineare Umwelt zeitigen wird. Und mit nichtlinearer Umwelt meine ich nicht nur die Natur im engeren Sinne sondern auch menschliche, gesellschaftliche, politische und soziale Systeme.
Sehr deutlich wird dies wenn wir uns das Glanzstueck der Ingenieurmethoden, die Finite Elemente Methode, auf ihre Faehigkeit Vorhersagen zu Vorgaengen zu machen, in denen die Bauteile massiv in den nichtlinearen Bereich hinein belastet werden, untersuchen.

Sie geht gegen Null.

Illustriert wird dies sehr schoen, wenn man sich die Bedeutung einer Entdeckung klar macht, die Edward N. Lorenz ca. 1962 machte. Er erkannte das Computer gestuetzte Vorhersagen des Wetters ein massives Problem darstellen, da das zugrundliegende aus "nur" drei gekoppelten nichtlinearen Differentialgleichungen bestehende System sehr empfindlich auf Anfangs- und Randbedingungen reagiert.
Seitdem hat sich die Rechenleistung der besten Supercomputer (lineare Maschinen) um den Faktor 1 Billion gesteigert. Die Computer gestuetzte Wettervorhersage wurde gleichzeitig bei etwas gutem Willen von 1 Tag auf 5 bis 10 Tage verbessert.
Mein Schluss daraus ist. Unsere linearen Faehigkeiten sind erstaunlich. Aber wenn wir den linearen Bereich verlassen, dann versagen unsere Methoden. Jede Abstraktion, jede Setzung, auch die einer Verfassung, ist aber eine Linearisierung. Sie funktioniert daher auch nur in der Umgebung (raeumlich, zeitlich, zahlenmaessig) in der sie geschaffen wurde. Die Ausdehnung dieser Linearisierungen ueber diese kleinen Distanzen hinaus, kann aufgrund der nichtlinearen Eigenschaften unserer Umwelt in weitesten Sinne nicht funktionieren. Sie muessen zwangslaeufig Unheil ausloesen, wenn sie mit diesem totalisierenden Anspruch auf globale Verhaeltnisse ausgedehnt werden. Daraus folgt fuer mich, Klein ist schoen!
Die "One Size Fits All" Loesungen der Weltbank, des IWF etc.
und die monokulturellen "Bigger Better King" Ansaetze sind zum Scheitern verurteilt. Auch dann wenn mit grosser Macht ihre Durchsetzung betrieben wird. Denn die Welt, in der wir leben, ist nun mal hauptsaechlich nichtlinearer Natur und daher sperrig gegen lineare Vergewaltigungen die aus einer Anmassung ohne Gleichen resultieren. Wir werden dies lernen und akzeptieren muessen, wenn wir nicht an unseren eigenen totalisierenden Utopien verbluten wollen.

Sapere Aude!

Georg Trappe

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