Samstag, 8. Januar 2011

Ein ernster Dialog, oder Schwarzmalerei?

Mit freundlicher Genehmigung von und auf Anregung durch Herrn Dr. Eichner veroeffentlich ich hier einen Email Dialog mit ihm zu den aktuellen Entwicklungen in den USA.

Sehr geehrter Herr Trappe,

Obama wird die USA nicht retten können. Ich war ja zuletzt immer derjenige von uns beiden, der noch einen Funken Hoffnung hatte, er könne vielleicht doch einen Kurswechsel zustande bringen. Dafür gibt es nun offensichtlich keine Grundlage mehr.
Bedenkt man im Lichte der Geithnerschen Warnung, das China nun klar Farbe für Europa und den Euro bekennt und sich das auch etwa kosten lässt, dann sieht es für mich so aus, als seien die USA politisch praktisch isoliert. Nimmt man das Revirement hinzu, dann kann man wohl folgern, dass es nun vielleicht nur noch darum geht, relativ unbeschadet aus der Verantwortung zu entkommen. Andererseits bin ich mir angesichts der Historie der neuen Männer an seiner Seite nicht mehr sicher, ob Obama politisch überhaupt noch eine Rolle spielt. Denn neben diesen bewährten Machern der Korporatokratie verblasst er beinahe zu einer Marionette.
Meine Sorge vor dem Hintergrund der machtpolitischen Verschiebungen (Europa mit China) ist, dass Geithners Warnung und das Revirement der Startpunkt für eine nunmehr verschärfte, vielleicht unerbittliche weltpolitische Gangart der USA zur Verteidigung des Status Quo gewesen sein könnte. Was die USA bisher in dieser Hinsicht alles unternommen haben, war schon nicht ohne. Aber nun stehen sie mit dem Rücken zur Wand, mit einem überaus aufmüpfigen Lateinamerika und einem China, das um die Schwäche der USA weiß und sie intelligent nutzen wird, um selbst Weltmachtstatus zu erlangen.
Vieles deutet m. E. darauf hin, das China in diese Richtung strebt: die Einkaufstour von Rohstoffen und Rohstoffquellen sowie die vielen Beteiligungen, die massive militärische Aufrüstung, die Tatsache, dass Russland China unterstützt (z. B. Energielieferungen) wie nie zuvor, die zunehmende Angst Japans vor China, Chinas demonstrative Unterstützung für den Euro, die Aktivitäten die eigene Währung zu einer Weltwährung zu machen (Honkong).
Europa wirkt angesichts dessen beinahe nur wie ein Spielball der Interessen. Nebenbei bemerkt hat die EU m. E. keine andere Option mehr, als sich bewusst, konsequent und vor allem auch sichtbar von den USA und deren Beeinflussung zu lösen. Aber noch sehe ich nicht, dass etwas in dieser Richtung unternommen wird.
Wenn aber die USA jetzt für alle sichtbar mit dem Rücken zur Wand stehen, zu was werden sie dann zur Verteidigung ihrer globalen Rolle und zur Wahrung ihrer Interessen in der Lage sein? Verzweifelte sind unberechenbar. Aber wahrscheinlich male ich einmal mehr zu schwarz.

Herzliche Grüße
Stefan L. Eichner
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Sehr geehrter Herr Dr. Eichner,

ich denke, Sie malen nicht schwarz. Ich habe in verschiedenen Kommentaren zu Artikeln in der ZEIT Online versucht darauf hin zu weisen, welche Gefahren daraus erwachsen, wenn die Welt und die US Bevoelkerung entdecken, dass die Supermacht garnicht so super ist.
Wenn eine solche Fehleinschaetzung ueber Jahrzehnte anhaelt, dann tuermt sich etwas auf, dessen friedliche Loesung ein Hoechstmass an Dialogbereitschaft und Faehigkeiten erfordert. Diese sehe ich zwischen USA und China nicht. Die Gefahr, das da die Fetzen fliegen werden, ist in meinen Augen hoechst real und wird von den meisten wohl unterschaetzt. Gleichzeitig wird von Teilen der US Bevoelkerung dieses Ende der (Selbst)Taeuschung = Entaeuschung als demuetigend empfunden. Das gibt im Innern denen auftrieb, die die Wiederherstellung der "amerikanischen Ehre" im Programm haben. Das erinnert mich an Zeiten, in denen die deutsche Supermacht nach dem WK I durch einen aehnlichen, als Demuetigung empfundenen,
Selbsterkenntnisprozess gehen musste (Vertraege von Versailles, Weltwirtschaftskrise, extreme Arbeitslosigkeit, eine fragile junge Demokratie).  Weiterhin ist es ein tief in der Gruendungsgeschichte der USA verwurzelter Glaube, sich mit ueberlegener Waffentechnologie und deren Anwendung das Objekt der Begierde zu verschaffen. Und die Ideen einer globalen Hegemonie und Pax Americana, die es erlaubt die Ersparnisse der Lieferanten zum eigenen Konsumexzess zu nutzen, sind garantiert nicht mit der Wahl Obamas auf dem Muell gelandet. Obama ist inzwischen eine Marionette. Das war er wohl von Anfang an. Denn fuer mich ist nicht erkennbar, dass er sich entschieden und mit einer Chance auf Erfolg gegen die Verursacher des Desasters gestellt hat. Warum er sich nach Powell und Rice als weiterer Afroamerikaner
diese unwuerdige Rolle antut, ist fuer mich unverstaendlich und wird wohl auch sein Geheimnis bleiben. Es koennte an einer Art "Doublebind" liegen, dem wohl viele Karriere orientierte Menschen in ihrer Jugend ausgesetzt waren.

Wie dem auch sei. Die Rolle Europas in diesem Zusammenhang ist ein Trauerspiel, da es keinen eigenen Weg aus der transatlantischen Allianz findet. Wie auch, wenn man sich so hat ueber den Tisch ziehen lassen und das dem Publikum ueber Jahre als strategische Notwendigkeit verkauft hat und dabei noch an der gleichen Krankheit leidet, ohne ein Rezept zur Kur zu haben.

Die Japaner sind zu bedauern, da sie anscheinend in dem ursaechlichen Reifeprozess den anderen Industrienationen ein paar Jahre voraus sind. Was man von ihnen lernen kann, ist, das, wenn im Innern das Potential eines technologischen Standes ausgeschoepft ist, der Konsum durch staatliche Programme nicht dauerhaft zu steigern ist und die Flucht in den Export auf Kredit ebenfalls keine tragfaehige Loesung ist, um auf Dauer deflationaeren Tendenzen zu entgehen. Und das amerikanische Rezept (s.o.) steht ihnen ja als Lieferant nicht zur Verfuegung.

Die durch den Reifeprozess entstandenen Verkrustungen muessen aufgeloest werden. Daran fuehrt wohl kein Weg vorbei. Und das wird geschehen. So oder so. Wenn nicht proaktiv in einem einigermassen kontrollierten Vorgang durch Zerschlagung der Konzerne und eine Gesetzgebung, die exklusive Eigentumsrechte an ueber Generationen akkumuliertem Megavermoegen unterbindet, dann in einem unkontrollierbaren Ausbruch von verzweifelter
Gewalt. Und das ist meiner Meinung nach leider eine durchaus reale Moeglichkeit
im neuen Jahrzehnt.

Herzliche Gruesse

Georg Trappe

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