Samstag, 2. April 2011

Ersparnisse = Investitionen

Dieser Ansatz der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist ein Teil des Problems. Denn eine Investition wird nicht dadurch zur Investition, dass sie auf einem Konto mit dem Namen Investition verbucht wird.

Aus der Sicht eines Investors ist eine Investition nur dann eine solche, wenn sie nach einer Zeit x sich selbst plus einen Ertrag wieder eingespielt hat. D.h. jede Investition ist aus dieser Sicht spekulativ, da auf eine unsichere Zukunft bezogen.

Nun muss man noch eine wichtige Unterscheidung treffen, die fuer den Investor, mit dem Ziel einen Kapitalrueckfluss plus Gewinn zu erzielen, aber von untergeordneter Bedeutung ist. Es gibt Investitionen in Nullsummenspiele, in denen nichts geschaffen sondern nur bereits Geschaffenes umverteilt wird, und es gib Investitionen, die darauf gerichtet sind sog. Externalitaeten, wie z.B. Rohstoffe, zu internalisieren, um so Werte zu schaffen = Transformation von Umwelt in Dinge die den Menschen Nutzen (im weitesten Sinne) bringen.

Eine potentielle Investition, die nicht in ein Nullsummenspiel geht, wird aus dieser Sicht zu schlichtem Verbrauch, wenn sie keinen Gewinn erzielt.Sie muss dann ganz oder in Teilen abgeschrieben werden. In einer hochentwickelten Wirtschaft wird die Wahrscheinlichkeit, dass die potentielle Investition, die nicht in ein Nullsummenspiel geht, eine tatsaechliche Investition wird, also die Transformation von z.B. Rohstoffen zu nuetzlichen Dingen bewirkt UND dabei einen Gewinn erzielt wird, immer geringer, da die niedrig haengenden Fruechte bereits abgeerntet sind. Dies loest  Kostensenkungs- und Konzentrationsprozesse aus, die die qualitative Entwicklung der betroffenen Volkswirtschaft beeintraechtigt. Die Auswege fuer Investoren sind die von der Finanzindustrie organisierten Nullsummenspiele, in denen nur bereits vorhandenes Kapital umverteilt wird oder aber die Investition in eine weniger entwickelte Volkswirtschaft, in der die niedrig haengenden Fruechte noch nicht abgeerntet sind, z.B. in den BRIC Staaten. Das Perverse ist aber, dass die Gewinne, die in diesen aufstrebenden Volkswirtschaften erzielt werden, zu einem grossen Teil in die bereits entwickelten Volkswirtschaften zurueckfliessen und dort nach "sicheren" Investitionsmoeglichkeiten suchen.

Beispiel China und seine enormen Reserven in US Treasuries oder auch die oelexportierenden Laender der arabischen Welt, die ihre Oelertraege in den USA "reinvestieren". Dies hat den entwickelten Volkswirtschaften, allen voran den USA einen systemisch "aufgezwungenen" Konsum = Kapitalvernichtung ermoeglicht, der auch noch durch den Vertrieb von triple A rated Buchstabensuppe Papieren, die auf faulen Hypothekenkrediten beruhten, zum Geschaeftsmodell der Wallstreet Banken wurde und so beschleunigt Richtung Wand gefahren wurde.

Sie haben recht, wenn z.B. die Babyboomer entdecken, das ihre potentiellen Investitionen sich als bereits verkonsumiert herausstellen, dann haben wir eine Offenbarung mit dem Namen Weltwirtschaftskrise! Denn dann wird vielen, wenn nicht allen schlagartig klar, dass zwar auf dem Konto mit dem Namen Investition verbucht wurde, die Realitaet aber in den seltensten Faellen diese Bezeichnung verdiente, da keine nutzbringende UND gleichzeitig gewinnbringende Anlage des Kapitals stattgefunden hat. Der neoklassische Sand in dem die verantwortlichen Koepfe immer noch stecken, verstellt den Blick auf diese Realitaet durch sein Postulat des endlosen endogenen Wachstums. Das dumme ist, die Realitaet hat keine neoklassischen Wirtschaftswissenschaften studiert und scheint ziemlich ignorant gegenueber Loesungsansaetzen zu sein, die aus dieser Denkschule kommen. Wer dies konsequent zu Ende denkt, wird auch erkennen muessen, das die aktuelle Reaktion der Zins- und Geldpolitik auf die Weltwirtschaftskrise angemessener war und ist, als sie es Ende der zwanziger Jahre war, wo durch ein rigides Sparen die Krise nur verschaerft wurde. Aber Geld- und Zinspolitik alleine koennen keine Loesung der zugrundeliegenden strukturellen Probleme bewirken. Das wird im nun vierten Jahr der Krise ueberdeutlich sichtbar werden.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.:
Ich habe dazu vor etwa einem Jahr mal zwei Artikel verfasst. Auch die Kommentare dazu sind lesenswert.
Ich behaupte inzwischen. Die Wirtschaftsteile der gaengigen Medien sowie Handelsblatt, FTD etc. haben vorrangig eine Aufgabe. Diesen Sachverhalt mit viel heisser Luft und schwulstigem Fachgeschwurbel zu vernebeln.

Da werden Deutsche gegen Griechen aufgehetzt und umgekehrt obwohl die wirklichen Ganoven die politikberatenden neoklassischen Oekonomen sind, die uns diesen Mist als "State of the Art" ihrer Zunft verzapft und eingebrockt haben. Im Auftrag einer im Hintergrund agierenden mittlerweile transatlantisch oder sogar glogal agierenden "Harzburgerfront" von mir auch "Solidarpakt der Geld- und Machteliten" genannt. Siehe auch Power Structur Research.

http://de.wikipedia.org/w...
GT

Kommentare:

  1. Es ist ja durchaus so, dass die neoklassisch gesteuerte Wirtschaft über mehrere Dekaden Wachstum erzeugt hat - wobei man fragen muss: Zu welchem Preis eigentlich?

    Diese Frage beantwortet sich mit dem Nachweis der Realitätsferne und mangelnden Erklärungskraft dieser Theorie noch nicht. Sie wird erst beantwortbar, wenn man ihr eine andere, bessere Theorie entgegenstellen kann. Erst dann wird erkennbar, was mit der über Dekaden auf die Realität angewandten neoklassischen Theorie tatsächlich geschaffen wurde.

    "Raubtierkapitalismus" und "Monster" sind Bezeichnungen aus der Hochphase der Finanzmarktkrise. Aber sie sind m. E. durchaus treffend. Die Wirtschaft und die Finanzmärkte haben heute nichts mehr mit dem Marktideal der Theorie gemein, das Wohlfahrt und Wachstum verspricht. Das gegenteil trifft zu. Es ist zudem ein in hohem Maße instabiles System, das uns die Neoklassik beschert hat. Es kann nicht bestehen, aber erst sein Kollaps wird zeigen, wie teuer uns diese Theorie zu stehen kommt.

    So konsequent, wie der "Solidarpakt der Geld- und Machteliten" weiterhin den beschriebenen Kurs fährt - man denke nur an die beständige Eskalation der EU-Schuldenkrise und an die sich beständig zuspitzendene Lage in den USA (siehe dazu etwa: http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:staatsverschuldung-pimco-gruender-findet-die-usa-griechischer-als-griechenland/60033449.html)-, muss man sich fragen, ob dieser "Club" - so es ihn gibt - es sich leisten kann die Gefahr eines Kollapses zu ignorieren, weil er sich längst auf Crash-sicherem Territorium befindet?

    Was ist die Motivation, auf einen historischen Crash zuzusteuern - mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten?

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  2. Der folgende Kommentar wurde mir per Email zugetragen, mit der Bitte ihn hier einzustellen. Ich verstehe nicht warum dies auf so obskurem Weg geschehen soll und bitte den Kommentator in Zukunft von solchen Bitten abstand zu nehmen und die zur Verfuegung stehende Kommentarfunktion zu nutzen. Die einmalige! Ausnahme ist hiermit geschehen:
    Zitat
    "Denn eine Investition wird nicht dadurch zur Investition, dass sie auf einem Konto mit dem Namen Investition verbucht wird."

    Soweit ist es schon korrekt. Der folgende Absatz auch.

    Die Sache mit der Umverteilung stimmt auch insoweit, als es sich um die Geschichte dreht, daß aus Geld nicht mehr Geld werden kann. Allein diese primitive Einsicht wirft die Marx´sche Theorie von M-C-M' über den Haufen. Und daß die Anlagenverkäufer nichts anderes tun, als Träume zu verkaufen, ist als Erkenntnis auch nicht so besonders neu.

    Bei Ihrem Beitrag geht es (mindestens) um drei Dinge:

    1. Das Say´sche Gesetz, wo in einer Kompensationstheorie jedes Angebot eine Nachfrage beinhaltet. Klassische Tauschtheorie.

    2. Die Kontroverse um Ersparnis und Investition, wobei der Mainstream immer noch die Version vertritt, daß nur bei erfolgter Ersparnis eine Investition möglich wird.

    3. Daß Investition in produktive Anlagen etwas anderes sein soll, als in Finanzanlagen.

    Wie soll man das auseinanderfummeln?

    Ich sag´s mal so, wie ich mir das denke.

    1. Aus Geld kann nicht mehr Geld werden. Das hat schon L.A. Hahn 1920 diskutiert.

    2. Die Nullsummenspiele, die aufgrund irgendwelcher Investitions - Hypes zu einer Aufblähung von Begehrlichkeitspreisen führen, sind auch schon Hunderte von Jahren alt (Tulpenmanie).

    3. Die Frage, warum existiert so etwas wie ein (volkswirtschaftlicher) Gewinn ist deswegen als Fragestellung eine Katastrophe, weil der Unterschied von realwirtschaftlicher Theorie und geldwirtschaftlicher Saldenmechanik auch heute noch nicht geklärt ist.

    Natürlich werden die Babyboomer feststellen, daß ihre Finanzanlagen nicht den Ertrag bringen werden, den sie sich vorgestellt haben. Ist auch heute schon der Fall. Hängt natürlich keiner an die große Glocke. Ist aber Fakt. Warum? Eben: Geldanlagen schaffen weder Wohlstand noch eine originäre Verzinsung. (Letztere gibt es auch garnicht, aber das nur nebenbei!)

    Und das hat was damit zu tun, daß I=S eine spezifische Bedeutung hat: nämlich daß das Gleichheitszeichen eigentlich DREI Striche haben müßte, weil es sich dabei um eine Identität handelt und nicht um eine Geschichte, die irgendwie durch ökonomische Prozesse erst zu einer Gleichheit geführt werden müßte.

    Der Unterschied liegt darin, daß I=S entweder als buchhalterische Identität! angesehen wird, oder als realwirtschaftliches Abstimmungsdesaster. Soll heißen, entweder befinden wir uns in einer Geldwirtschaft, oder man analysiert Ökonomie immer noch im Sinne einer Tauschwirtschaft. Da muß man sich entscheiden.

    Das Unbehagen mit der neoklassischen Theorie ist verständlich; das darf aber nicht dazu führen, daß man unbesehen theoretische Kategorien durcheinanderwürfelt.

    P.S. Natürlich ist der neoklassische Ansatz hoffnungslos defizitär. Die Kritik daran darf sich aber genau dieses Defizit eben NICHT zu eigen machen!
    Zitatende

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  3. Sehr geehrter Herr Dr. Eichner,

    Sie fragen: "Was ist die Motivation, auf einen historischen Crash zuzusteuern - mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten?"

    Meine Antwort ist. Geisteskranker Abschaum, der sich der historisch belegten Gewissheit sicher sein kann, als solcher immer oben zu schwimmen, kennt nur eine Motivation. Und die besteht aus der Angst als menschenverachtender Abschaum durchschaut zu werden.

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  4. @ E-Mail-Kommentator

    Der neoklassische Ansatz ist nicht (hoffnungslos) defizitär. Er weist fundamentale Konstruktionsfehler auf, die nicht beseitigt werden können. Er erklärt viel weniger als diejenigen, die sich dieses Ansatzes immer noch für Erklärungen der Realität bedienen, offensichtlich nach wie vor glauben. Das ist gefährlich, weil es im Prinzip als Expertenrat verkaufte Kaffesatzleserei ist. Denn was diese Erklärungen letztlich taugen, wissen diese Ökonomen selbst nicht. Das ist im Jahr der Lehman-Pleite deutlich geworden und es wird wieder deutlich werden.

    Wenn man die Realität erklären will, dann braucht man dafür eine andere Theorie. Wenn man die neoklassische Theorie als Selbstzweck auffasst, dann muss man selbstverständlich exakt sein. Dann aber muss man sich mit Erklärungen der Realität auch zurückhalten, was allerdings viele definitiv nicht tun. Das hat mit Unbehagen gegenüber der Neoklassik nichts zu tun.

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