Freitag, 29. April 2011

Freiheit? Gleichheit? Bruederlichkeit?

Ein Freund stellte an anderer Stelle vor Kurzem folgende Frage:
 
"Ist der freie Wille nur ein Trick unserer Hoffnung, mit dem wir uns täuschen?"

Ich denke, nein. Ich kann jederzeit, in jedem Moment aus einer unendlichen Zahl von Handlungsoptionen waehlen und dann auch versuchen diese Wahl in die Tat um zu setzen. Bei diesem Versuch werde ich aber mit Grenzen konfrontiert, die zum einen in mir und meinen Faehigkeiten begruendet liegen, sowie auch in einem endlichen Potential an Mitteln, das mir zur Umsetzung zur Verfuegung steht. Wege die nun dieses endliche Potential an Mitteln zur Umsetzung meiner freien Entscheidungen moeglichst weit auszudehnen suchen, sind Irrwege in einer Welt, die durch endliche materielle Resourcen gekennzeichnet ist. Denn dann wird sehr leicht eine Grenze ueberschritten die meine Freiheit zur Unfreiheit eines Anderen macht. Ein Freiheitsstreben, das dies nicht erkennt und anerkennt, ist zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig muss ich mir bewusst sein, das meine Wahrnehmung hoch selektiv ist und damit meinem Denken und dem Auswahl- und Entscheidungsprozess einen Fokus verleiht. Die Entstehung dieses Filters und die daraus folgende Ausformung des Fokus, ist wahrscheinlich eine der interessantesten Sachen ueberhaupt. Es fliessen sehr viele Dinge ein, vom aktuellen Kontext in dem man sich zu befinden glaubt, ueber die eigene Geschichte/Erfahrung und den eigenen kulturellen Hintergrund bishin zu dem was man fuer sinnvoll haelt und was nicht, um nur einige der relevanten Elemente zu nennen. Menschenfuehrung beschaeftigt sich z.B. mit dieser Fokusbildung und hat zum Ziel eine Gruppe von Menschen (die Gefuehrten) auf ein gemeinsames Ziel das ihnen sinnvoll erscheint zu fokusieren, um so den Drang zu handeln in eine gemeinsame Richtung zu lenken. D.h. eine wirksame Methode Macht auszuueben, ist die Einflussnahme auf diesen selektiven Wahrnehmungsprozess der zur Fokusbildung fuehrt.Denn diese Fokusbildung ist zum einen eine Notwendigkeit, da sie die unendliche Freiheit auf ein fuer den Menschen "handhabbares" Mass reduziert, zum anderen aber auch ein Einfallstor fuer fuehrende bis manipulative Eingriffe in die "freie" Willensbildung. Die dabei zum Einsatz gebrachten Methoden sind vielfaeltig und tragen entsprechend viele Namen. Erziehung ist ein Beispiel, Werbung ein anderes. Es gibt subtile Methoden und offensichtliche, langfristig wirksame und kurzfristig wirksame. Es existiert ein ueberwaeltigendes Spektrum, was nicht verwundert in einer Welt, in der viele Menschen von der Machtausuebung ueber andere Menschen leben. Es herrscht geradezu ein Methodenwettbewerb, der im Ziel seines Strebens im direkten Widerspruch zu den offiziell verkuendeten Idealen der Freiheit, Gleichheit und Bruederlichkeit steht. Denn der effizienteste Methodenmix obsiegt und die Freiheit (selbst die der Gedanken) geraet immer mehr in Gefahr, wenn sie nicht schon vollends sediert darnieder liegt.
Von Gleichheit und Bruederlichkeit ganz zu schweigen. Da kann es einem schonmal so vorkommen als gaebe es gerade in der Zeit, in der ein exzessiv anmutender (Neo)Liberalismus seinem Zenith zu strebt, die Willensfreiheit nicht mehr. Was ja ein huebsches und ueberaus interessantes Pardoxon waere. Ist es aber nicht! Denn in einer Welt endlicher materieller Resourcen ist die Freiheit des einen die Unfreiheit des anderen, wenn die Freiheit sich im wesentlichen ueber die Zahl der Optionen zu Handlungen definiert, die zu ihrer Durchfuehrung auf diese endlichen materiellen Resourcen zurueck greifen. Diese einfache Einsicht und ein evtl. vorhandenes Gewissen reichen meiner Meinung nach aus, um zu einer Lebensfuehrung zu finden, die sich am Genuegenden anstat am Moeglichen orientiert und somit Leid minimiert. Das Streben nach immer mehr Wissen erscheint mir da inzwischen der Ausdruck eines Glaubens zu sein, der auf die Moeglichkeit der Ueberwindung von prinzipieller Knappheit endlicher Resourcen abzielt. In der neoklassischen Wirtschaftsthoerie heisst das dann unendliches endogenes Wachstum durch unendlich wachsendes Humankapital=Wissen. Mit der empirisch belegten Folge, das immer effizienter die ausufernde Freiheit Weniger auf Kosten der Freiheit Vieler durchgesetzt wird und sich die Freiheit im Ganzen betrachtet in ihr Gegenteil verkehrt. Es gibt aber kein Perpetuum Mobile, auch keins der zweiten Art und es gelten die Erhaltungssaetze. Und Diejenigen, die sich dagegen auflehnen bewirken nur, das andere dafuer die Rechnung zahlen, z.B. durch Unfreiheit. Die Unfreiheit von 26000 Menschen taeglich eine fuer das Ueberleben genuegende Ration zu essen zu bekommen. Die Unfreiheit vor allen Dingen zukuenftiger Generationen ueber genuegend Energie, reine Luft und reines Wasser zu verfuegen. Und die Unfreiheit von Millionen sich in einem genuegenden und wuerdigen Mass am zentralen Lebensbereich Wirtschaft beteiligen zu koennen. Nun hinterlaesst ein Appell an die Genuegsamkeit und Bescheidenheit in einer Welt, die derart auf Konkurrenz um Resourcen zur Maximierung individueller, materieller Freiheiten Weniger ausgerichtet ist, einen schalen Beigeschmack. Denn die Selbstbescheidung und der Aufruf dazu arbeitet ja direkt in die Haende derjenigen, die sich skrupellos alles unter den Nagel reissen. So wie es die angeblichen Forschungsergebnisse, die den freien Willen und damit das Prinzip von Verantwortung in Abrede stellen auch tun. Was also tun? Sich in dieser Pyramide der freiwilligen Knechtschaft einrichten in der Hoffnung, dass man schon ein Plaetzchen in den oberen Stockwerken erwischen wird oder behalten kann? Oder den Helden spielen und sich nicht nur mit den Chancenlosen solidarisch erklaeren sondern mit ihnen heldenhaft untergehen?
Den Notausgang nehmen?
Die didaktische Aufgabe besteht aus meiner Sicht also darin, ein schon bis ins Destruktive ueberzogenes Freiheitsideal so in Frage zu stellen, dass die Minderheit, die sog. Elite, der es ueber alle Masse hinaus gelungen ist, ihre persoenlichen materiellen Freiheiten auf Kosten anderer gigantisch auszudehnen, moeglichst gewaltfrei dazu bewegt wird, von diesem Verhalten im Interesse aller in Zukunft Abstand zu nehmen. Das ist doch mal eine Aufgabe und eine Herausforderung, die den Namen auch verdient, oder? Viel Spass bei der Loesung wuenscht
wie immer mit einem freundlichen
 
Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Hallo Herr Trappe.

    Danke für diesen Post. Ihr Artikel bringt im wesentlichen die Motivation für meinen eigenen Blog zum Ausdruck.

    Sie sagen:
    "Gleichzeitig muss ich mir bewusst sein, das meine Wahrnehmung hoch selektiv ist und damit meinem Denken und dem Auswahl- und Entscheidungsprozess einen Fokus verleiht."

    Dies ist die Essenz dessen warum ich meinen Blog "dem Blick aus der Ferne" gewidmet habe.

    Nur wer an sein Denken strenge Maßstäbe setzt kann sich von der Beschränkung der Wahrnehmung auf den eigenen Kosmos lösen, und sich so von den Irrungen und Manipulationen, die von Aussen auf ihn einprasseln, lösen.

    Zum Glück müssen wir auf der Suche nach einer Befreiung des Geistes nicht von Null anfangen.

    Die Philiosophie und Wissenschaftstheorie, die meiner Ansicht nach die größte Errungenschaften des Menschen sind, geben uns die Werkzeuge zu Befreiung des Denkens in die Hand.

    Auch hier herrscht ein scheinbares Paradoxon. Nur wer seinem Denken den strengen Regeln einer Erkenntnistheorie unterwirft, hat eine Chance wirklich frei zu denken.

    Gerade bei der Analyse mit der eigenen Gesellschaft kann man den Fallstricken der eigenen Subjektivität aufsitzen.

    Vor allem, da wie sie sagen, die Möglichkeiten der Manipulation der Wahrnehmung so vielfältig geworden sind.

    Ein gutes Gewissen, Genuegsamkeit und Bescheidenheit allein schützt uns nicht. Der größte Schaden wird oft mit guten Absichten angerichtet.

    Aberglaube und Fanatismus kann aus gutem Willen, Bescheidenheit und Genügsamkeit entstehen.

    Beispiel: Der sorgsame Umgang mit Tieren und unseren Ressourcen ist Motwendig. Veganismus und übertriebener Tierschutz können jedoch leicht in eine fanatische Ersatzreligion führen.

    Das Gegenteil von Fanatismus, Ideologie und aberglaube bleibt die Wissenschaft. An ihr Ideal müssen wir uns halten.

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  2. Bei unserem Ziel für die Zukunft haben Sie meine volle Zustimmung.

    Die Reichen davon zu Überzeugen ihren Reichtum zum großen Teil aufzugeben bevor unsere Gesellschaft unter diesem Reichtum zusammenbricht ist die Not der Stunde.

    Leider, das weiss man schon seit dem Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr, ist dies eine so gut wie unmögliche Aufgabe.

    Die Reichen lassen es eher zu einer Revolution kommen als sich von ihrer Gier zu befreien. In Nordafrika kann man das gut beobachten.

    Die Alternative ist es, sich Bereit zu halten für den Zusammenbruch um dann einen Rückfall in die Barbarei zu verhindern.

    Jeder vernunftbegabte Mensch wird in naher Zukunft Partei ergreifen müssen. Um zu wissen wohin der Weg gehen soll, müssen wir erst wissen wo wir sind, was uns wieder zum Anfang ihres Textes führt.

    Nur das wissen und die Fähigkeit über das eigene ich hinaus zu Denken, kann uns wahre Freiheit bringen.

    Das ist den etablierten Eliten absolut bewusst. Für die Eliten existiert scheinbar keine größere Gefahr als Wiki Leaks und seine Nachahmer und die Eliten reagieren mit aller Härte darauf.

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  3. Hallo Alien Observer,

    vielen Dank fuer Ihre kritischen Anmerkungen, die ich als eine konstruktive Ermahnung oder besser gesagt Erinnerung empfinde. Sie haben recht, gut gemeint ist meistens schlecht gemacht und Bescheidenheit und ein Gewissen alleine genuegen nicht. Das ist von mir zu kurz gegriffen. Ich werde noch etwas daran feilen muessen, um das, was ich meinte, besser zum Ausdruck zu bringen.
    Es geht mir darum, dass ich die Loesung der sozialen Frage, also der Frage wie eine Gesellschaft mit staerkeren und schwaecheren Mitgliedern umgeht und deren Verhaeltnis zueinander gestaltet, nicht in technischen Innovationen und dadurch getriebenes wirtschaftliches Wachstum sehen kann. Aber wie so oft ist es leichter zu formulieren, was keine Loesung ist, als klar zum Ausdruck zu bringen, wo man die Loesungsmoeglichkeiten denn sieht.

    Ihre Meinung, das ein "sich bereit halten" und die aktive Ausbildung von Wissen und Faehigkeiten wichtige Kernpunkte der Alternative sind, teile ich.

    Mit freundlichen Gruessen

    Georg Trappe

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