Sonntag, 3. April 2011

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 2

Meine Kritik beruht im wesentlichen auf zwei Punkten, die meine regelungstechnische Analyse des gaengigen “Marktmodells” heraus gearbeitet hat.

1.) Eine Regelung die versucht mit einem Regler (=Preis(bildungsprozess)) gleichzeitig zwei Regelstrecken (Angebot und Nachfrage) so zu regeln, das diese immer ausgeglichen und in einem Gleichgewicht sind kann nicht funktionieren, wenn sich die Regelstrecken in ihrem dynamischen Verhalten und anderen wichtigen Parametern stark von einander unterscheiden.

2.) Eine Regelung die versucht mit einem Regler(=Preis(bildungsprozess)) eine Regelstrecke zu regeln, die in ihrer Uebertragungsfunktion ein wechselndes Vorzeichen der ersten Ableitung der Uebertragungsfunktion hat oder sogar ein zeitvariantes Vorzeichen der ersten Ableitung der Uebertragungsfunktion hat, kann nicht funktionieren.

Ich denke, das haben die Insider auch erkannt. Die Loesung fuer 1.) heisst naemlich eine Regelstrecke aus dem Regelkreis heraus zu nehmen und ihr ein Primat = Macht zu geben, waehrend die andere Regelstrecke im Regelkreis verbleibt und so dann funktionieren kann.
Die Frage ist nun, welche Regelstrecke erhaelt das Primat = die Macht zur Dominanz des Systems. In den Wirtschaftswissenschaften heisst das dann angebotsorientierte oder nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Die neoklassische Wahl faellt auf die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik und gipfelt im Sayschen Theorem, was da besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selber schafft. Wuerde man das in der Konsequenz durch fuehren, das in den Angebotsprozess anstatt des Preises ein Plan einfliesst (z.B.ein drei Jahresplan), dann haetten wir den Zustand einer Planwirtschaft,
mit all seinen bekannten Folgen.

Der Unterschied besteht nun darin, das zum einen der Angebotsprozess idealerweise aus vielen paralell geschalteten Anbietern besteht, die in Konkurrenz zueinander stehen, sowie der Nachfrageprozess aus vielen Nachfragern besteht, die auch in Konkurrenz zueinander stehen. Die Eingangsgroesse, die diese Angebotsprozesse steuert ist aber nicht der Preis, sondern die Renditerwartung. Angebote, die erzeugt werden ohne diese minimale Renditeerwartung (Zins) erfuellen zu koennen verschwinden, weil es angeblich risikolos =”besser” waere das Kapital auf die Bank zu bringen, anstatt es in eine Unternehmung zu stecken, die weniger Gewinn abwirft als ein Bankkonto und noch risikoreicher als ein solches ist. Faktisch wird dann, wenn das Kapital auf dem Bankkonto landet, die Allokationsentscheidung in die Haende der allmaechtigen Banken gelegt.

Es entsteht also ein Kapitalmarkt der die gleiche Struktur hat, wie der bisher betrachtete generische Markt. Allerdings mit dem Unterschied, das seine Stellgroesse nicht der Preis ist, sondern der Zins oder die daraus abgeleitete Mindestrenditeerwartung, die auch zur Steuerung des Warenangebotsprozesses dient.

Der Kapitalmarkt hat nun das gleiche Problem, wie unser urspruenglich betrachteter generischer Markt. Der Zins regelt die Kapitalnachfrage der Waren- und Dienstleistungsangebot erzeugenden Unternehmungen und die Kapitalnachfrage, allerdings mit dem Unterschied, das auf diesem Level der “staatliche” Eingriff, das Primat in Form von Zinsfestsetzungen durch die "politik unabhaengige" Notenbank erlaubt wird. Also eine Steuerung und keine Regelung stattfindet, obwohl die Eingreifenden, also die Notenbanker nicht vollkommen frei von Rueckkopplungen und Einfluessen sind, die auf sie einwirken, wenn sie die Zinsen fest setzen.
Die Fuehrungsgroesse der EZB z.B. ist der Geldwert bzw. die Inflation der Preise eines bestimmten Warenkorbs. Die US FED versucht gleichzeitig zwei Fuehrungsgroessen gerecht zu werden, was regelungstechnisch ein Unding ist, naemlich dem Geldwert bzw. dem Inflationsziel, als auch der Beschaeftigung.
Wenn man diesen Gesamtkonstrukt mathematisch abbildet, kommt man zu einem mindestens dreistufigen Lotka Volterra Raeuber Beute System, bestehend aus Konsumenten, Waren- u. Dienstleistungsanbietern und Kapitalisten. Wenn man es aber auf die Spitze treibt und die Schichtungen innerhalb der drei Spezies auch noch abbildet, dann kommt man zu einem sog. Generalized Lotka Volterra System mit N Spezies. Interessanterweise stellen sich bei einer numerischen Simulation eines solchen N-Spezies Systems relativ unabhaengig von der Parametrisierung pareto-, zipfverteilte Vermoegens- und Einkommensverhaeltnisse ein. Ich habe nach dieser “Entdeckung” versucht herauszufinden, ob noch andere zu aehnlichen oder gleichen Schluessen gekommen sind. Bisher habe ich nur Peter Richmond und Sorin Solomon gefunden, die diese Beobachtung ebenfalls gemacht und in verschiedenen Papern beschrieben haben. Allerdings scheinen sie nur von der (inuitiven?) These, dass ein Lotka Volterra System eine zutreffendes Modell sein koennte, ausgegangen zu sein. Denn die Herleitung ueber das “falsche Marktmodell” hin zu dieser Betrachtung scheint neu bzw. ihnen nicht gelaeufig zu sein.

Bemerkenswert ist weiterhin, das wissenschaftliche Untersuchungen ueber die Ursachen der pareto-, zipfverteilten Vermogens- und Einkommensverhaelnisse aeusserst rar gesaet sind. Es gibt zwar jede Menge empirische Untersuchungen, die diese Zustaende immer wieder neu bestaetigen, aber eine tiefergehende Ursachenanalyse mit belastbaren Ergebnissen ist kaum, wenn ueberhaupt zu finden.

Sehr merkwuerdig, wie ich finde!

Die Rueckschluesse auf die Wirksamkeit eines politischen Primats, wie es immer wieder diskutiert wird, sind dramatisch, wenn dieses GLV Modell tatsaechlich eine einigermassen realitaetsnahe Beschreibung darstellen sollte. Doch dazu spaeter mehr.

Sapere Aude!

Georg Trappe

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