Montag, 9. Mai 2011

Eine vergleichende Analyse

Mit dieser vergleichenden Analyse moechte ich darlegen, wie sich mir die aktuelle wirtschaftliche Situation aus Blickrichtung der Märkte im vergleich mit der vor und zur Zeit des Lehman Zusammenbruchs darstellt. Ich sehe inzwischen zwei, drei wesentliche Unterschiede.
Der eine ist der Baltic Dry Index. D.h. vor dem Lehman Crash brummte der Welthandel und die Realwirtschaft tatsaechlich. Das tut sie z.Zt. ganz offensichtlich nicht, auch wenn man uns anderes einreden möchte. Der zweite wesentliche Unterschied scheint der zu sein, dass sich die Akteure auf den Märkten
bisher sehr sicher zu sein scheinen. Von Nervositatet keine Spur, siehe auch VDAX und VIX.
VDAX

VIX
Das war seinerzeit in dieser Ausprägung nicht der Fall. Im Gegenteil, die
Nervosität war über 2007 hin im wachsen begriffen. Der dritte Unterschied, und der steht in einem vordergründigen Widerspruch zu den zwei erst genannten Beobachtungen, ist der aktuelle Stand und nach wie vor dramatische Verlauf des Goldpreises = breiter stetig steigender Vertrauensverlust vieler Anleger.
Meine Interpretation ist, dass die Märkte für Aktien und Rohstoffe (ohne
Gold) in den Händen der "Profis = Finanzindustrie" sind und die Preise
dort mit billigem Geld aufgeblasen wurden und weiterhin aufgeblasen werden. Die Fundamentaldaten = Gewinne der Unternehmen sehen aufgrund des Basiseffekts (Wachstum aus der Talsohle, Kostenreduktion durch krisenbedingte Entlassungen) fuer Aktien gut aus und unterstützen diese "Euphorie" der "Profis". Voraussichtlich aber nicht mehr lange. Denn bei den Rohstoffen hat man es in der letzten Woche schon gesehen, auf welch tönernen Fuessen die Sache steht. Die ängstlichen Naturen, die sich nicht als die "Master of the Universe" sehen, trauen dem Braten nicht und bleiben in bzw. schichten weiter um in als "sicher" geltende Anlagen, wie Staatsanleihen und eben Gold. Für die Realwirtschaft bedeutet dies, das sowohl Nachfrage wie auch
Investitionen (die den Namen verdienen) nicht in der Breite wachsen, wie
es nötig wäre um einer deflationaeren Entwicklung der Realwirtschaft zu entkommen. In dem Moment, wenn die Grundlage dieser rein durch ueberbordende Liquidität getriebene Inflation von Vermögenswerten (Aktien, Rohstoffkontrakte) die Grundlage entzogen wird, entweder durch spürbare Zinserhöhungen oder durch die
"ploetzliche Erkenntnis" (siehe Kippbildvergleich), dass es sich mal wieder nur um
eine Blase ohne reales Fundament handelt, kollabieren die Aktienkurse, so wie es die Rohstoffpreise in der vergangenen Woche schon getan haben. Was bisher dieser "Erkenntnis" im Wege steht, ist die Tautologie der Quantitaetengleichung und die bisherige, konsequente Unterstützung dieser merkwuerdigen "Theorie" durch die Notenbanken und die Staaten. Allerdings erschöpfen sich die Spielräume auf dieser Seite ebenfalls von Tag zu Tag mehr. "Meine Mathematik", und die regelmaessigen Leser wissen, mit welchen Vorbehalten ich die "Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit" von prinzipiell
chaosfaehigen Systemen betrachte, sagt mir, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2013 die Talsohle eines nächsten Abschwungs erreicht sein wird. Das heißt, der Kipppunkt würde demnach vermutlich 12 bis 15 Monate vorher, also zum Jahreswechsel 2011/12 ± 3 bis 5 Monate erfolgen. Im Moment nähern sich VDAX und VIX ihrem unteren Tiefpunkt an und werden in den kommenden Monaten, Wochen (VIX hat bereits begonnen) einen Aufwaertstrend starten. Sobald diese Indizes die Marke von 20 ueberschreiten und ihre gleitenden Durchschnitte deutlich und mit der
Dauer von ein paar Wochen ueberschreiten , wie 2007, dann wird es kritisch. Sehr sogar! Denn insgesamt vermute ich, das diesesmal die Abläufe im Vergleich zu 2007/08 deutlich schneller sein werden, da diesesmal dem Absturz keine wirklich brummende Realwirtschaft "im Wege steht". Mal sehen, ob "meine Mathematik und Logik" eine zutreffenden Kern erkennen lassen wird.

Sapere Aude!
Georg Trappe

Update: alien observer hat mich zurecht daran erinnert, den aktuellen "Einbruch" der Rohstoffpreise im historischen Kontext zu betrachten.
CRB-Index

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,

    vielen Dank für Ihre bestechende Analyse, die ich teile, obwohl ich natürlich nicht auf mathematischem Wege dazu gelange.

    Die Unterschiede Nummer 1 und 2 sehe ich in gleicher Weise und auch ich schätze, dass dieses Mal mit einem viel rascheren Eintritt sowie Ablauf des Absturzes zu rechnen ist. Beides sind verstärkende Faktoren. Der Kippbildvergleich passt gut. Die Begründungen und Erläuterungen Ihrer Einschätzung sind schlüssig.

    Ich habe nur zwei Einwände:

    Einmal bin ich mir nicht sicher, inwieweit nicht auch der Goldmarkt in den Händen der Profis und aufgeblasen ist. Generell würde ich hier aber keinen solch großen Einfluss wie bei Aktien und anderen Rohstoffen sehen. Es dürfte kritisch sein, den Mix zutreffend einzuschätzen. Dennoch bin ich geneigt anzunehmen, dass Gold kein wirklich sicherer Hafen in dem Sinne ist, dass es zuverlässig vor Vermögensverlusten schützt.

    Ferner muss man m. E. bei der aktuellen Einbruch der Rohstoffpreise - ich habe noch nicht geschaut, wie die Märkte heute eröffnet haben - die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass er bewusst herbeigeführt worden ist. Dass plötzlich alle Rohstoffe einbrechen und scheinbar ohne schlüssige Begründung, erinnert mich stark an den Aktiencrash an der Wall Street Anfang Mai 2010. Der kurzzeitige Einbruch der Indices in NY um 10 Prozent ist meines Wissens bis heute nicht aufgeklärt. Er hat jedoch bewirkt, dass die Griechenlandkrise in den roten Bereich geriet und wir beinahe einen Absturz der Finanzmärkte hatten, der nur durch sofortiges Eingreifen der EZB und der EU (750-Mrd.-Euro-Rettungspaket) abgewendet werden konnte. Geht man einmal rein hypothetisch davon aus, dass der Crash bewusst herbeigeführt worden ist, um eine solche Zuspitzung (in der EU) zu erreichen, so ist es immerhin denkbar, dass aktuell erneut "gezündelt" bzw. der Versuch unternommen wird, irgendwo, nur eben nicht in den USA, Probleme auf die Spitze zu treiben. Ich habe diesen Gedanken nicht zu Ende gedacht, es ist ein spontaner Gedanke. Deswegen kann ich nicht sagen, ob beispielsweise den USA daraus hätten Vorteile erwachsen können. Aber eine Überlegung ist es wert.

    Im Übrigen sehe ich jetzt, dass Sie den Crash ebenfalls nicht in so weite zeitliche Ferne rücken.Jahreswechsel 2011/12 plus/minus 3 bis 5 Monate halte ich aus der Wahrscheinlichkeitsperspektive für absolut realistisch. Natürlich heißt das ja auch nicht, dass es nicht auch früher geschehen kann - irgendein unvorhergesehenes Ereignis reicht als Auslöser für die Kippbewegung.

    Nochmals vielen Dank dafür, dass Sie diesen Abgleich unserer Einschätzungen ermöglicht haben. Ich weiß das zu schätzen.

    Viele Grüße
    Stefan L. Eichner

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  2. Einbruch der Rohstoffpreise.

    Irgendwo in den mainstrem Medien habe ich tatsächlich die Aussage gehört, dass Bin Ladens Tod die Rohstoffpreise hat sinken lassen.

    Der Phantasie sind heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt wenn man das Volk belügt.

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  3. Hallo alien observer,
    das stimmt! Vielen Dank fuer den Hinweis. Daher sollte man die Verhaeltnisse bzw die Historie im Auge behalten. Siehe Grafik im Artikel Update

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