Montag, 28. Dezember 2009

Feiertagsdiskussionen


----- Original Message -----

Sent: Sunday, December 27, 2009 6:32 PM
Subject: Feiertagsdiskussionen

Hallo Rolf,

Vielen Dank dafuer, das Du den Handschuh diesesmal aufgenommen hast und damit eine mehr als notwendige Diskussion ermoeglichst.

Ich stimme mit Dir bezueglich der drei grundsaetzlichen Optionen Love it,Change it,Leave it ueberein.

1.) Zu "Love it" nur soviel. Hinter "Love it" steckt nicht immer wahre Liebe sondern oft Bequemlichkeit und Resignation. Die Wahl des leichten
Weges, entgegen besseren Wissens und entgegen ethischer / moralischer Bedenken ist leider ein sehr weit verbreitetes Phaenomen.
(siehe Milgram Experiment und seine Wiederholung durch Jerry Burger in Santa Clara vor etwa einem Jahren).

Das Shareholdervaluekonzept hat einen ganz wesentlichen Beitrag zu den
krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geleistet.
Es ist als angewandte Principal Agent Theorie fester Bestandteil der neoliberalen Ideologie und
hat seine Fundamente in den neoklassischen Wirtschaftstheorien.
Die Bewertung eines Unternehmens vorrangig ueber den Aktienmarkt und
nur indirekt ueber den Produkt- und / oder Dienstleistungsmarkt auf dem es seine
Leistungen anbietet, fuehrt zu grotesken Fehlentwicklungen.
Was so sein muss, wenn man sich klar macht, das die klassische Frage
nach dem "nachhaltigen Beitrag" umgemuenzt wird in die Frage nachdem kurzfristigen Gewinnpotential.
Die Denke wird dadurch pervertiert, das nicht mehr vorrangig gefragt wird,
ob eine Produktidee fuer Kunden = Menschen einen langfristigen Beitrag liefert,
sondern ob sie fuer anonyme Shareholder (der Grossteil der Aktien befindet sich
im institutionellen Besitz) kurzfristig profitabel erscheint.
D.h. das Milgramexperiment findet jeden Tag nicht nur im Labor sondern in Banken
und Unternehmen weltweit statt. Ueber 60% druecken die Knoepfe auf Geheiss auch
bei Bedenken. Nur 40% entscheiden sich fuer eine der beiden anderen Optionen
(Change it, Laeve it). Wenn man die 60%Knopfdruecker
nachtraeglich zur Rechtfertigung zieht, dann wird aus dem "Love it", das
was man z.B. nach dem Zusammenbruch des dritten und ewigen Reiches
erlebt hat. Angefangen von Nuernberger Prozessen bis hin zu keiner
hat etwas gewusst. (siehe auch Enron, Worldcom, Siemens, von Pierer, Hartz,
Kleinfeld, Zummwinkel, etc. etc.).

Damit ist erklaert, warum erst jetzt die Diskussion ueber die Optionen 2 und 3 ernsthaft
in Gang kommt, obwohl jeder seit mehr als 10 Jahren weiss, das irgendetwas nicht stimmt.

2a) Die Sache mit den "fehlenden", ich wuerde sagen ausgeklammerten, Gegengewichten stimmt.
Das da etwas in Bewegung kommt freut mich, denn es ist lange ueberfaellig.
Denn wenn Dinge ueber lange Zeitraeume in eine Richtung laufen,
die bestimmt ist, durch ein starres, einseitiges nicht realitaetskonformes Weltbild,
geraten sie aus der Balance. Das fuehrt in aller Regel (vorhersehbar) zu Bruechen,
die dann etwas Neues, Anderes ermoeglichen oder zu Zusammenbruechen,
an die sich dann Neuanfaenge a la 1945 anschliessen koennen aber nicht muessen.

Allerdings haben die Gegengewichte nie wirklich gefehlt. Sie waren immer da und hatten bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine Plattform sich zu artikulieren. Diese Plattform ist dem grummelnden Volk aber schleichend entzogen worden, da eine "alte aber moderne" Fuehrung, die diese Plattform bewusst bereitgestellt hat und dazu ermutigt hat sie zu nutzen, durch eine "neue" Fuehrung abgeloest wurde, die den Sinn von artikulierungsfaehigen Gegengewichten nicht erkennen wollte oder konnte.
Unter der Fuehrung des jetzigen Unternehmensberaters ist nicht nur die inhaltliche Qualitaet der Checkpoint Meetings unter die Raeder gekommen, sondern auch eine Kultur der "gewollten Auseinandersetzung mit Gegengewichten" ist durch eine in meinen Augen komischen "Hands Off" Konsensfindungs blablabla Kultur abgeloest worden. Mit fatalen Folgen, insbesondere da dies eingebettet in eine globale Entwicklung geschah, die Gegengewichte bewusst radikal ausklammert (hoeflich ausgedrueckt).

2b) Damit waeren wir bei den "Amis". Die "Amis" gibt es so nicht. Auch in den USA leben Menschen. Allerdings unter einer Fuehrung, und damit meine ich nicht nur die politische Fuehrung, die sich seit Reagan einem
radikalen neoliberalen Marktfundamentalismus verschrieben hat. Historisch betrachtet hoch interessant, das ausgerechnet die Nachfahren derjenigen, die den feudalen Exzessen Europas entflohen sind und den ersten modernen Staat mit einer demokratischen Verfassung gegruendet haben,
massenhaft bereit sind, einer solchen Ideologie zu folgen, die neofeudale Zustaende rekreiert.
Aber das fuehrt hier zu weit.
Die die Du genannt hast sind jedoch hoch bezahlte "Agenten", die sich ganz bewusst und zu 200% den Prinzipien der Principal Agent Theorie verpflicht fuehlen. Andere wuerde ich auch dazu zaehlen wollen.
Nettigkeit hin oder her, sie werden  die Interessen der Shareholder soweit sie mit den eigen Interessen zusammen fallen gnadenlos durchsetzen. Mitbestimmung oder ein partizipativer Fuehrungsstil haben keinen Platz in dieser Ideologie. Der Gedanke des Interessenausgleichs kommt in der neoliberalen Denkwelt nicht vor.
Dort gibt es nur den Markt, auf dem das Recht des wirtschaftlich staerkeren gilt und der die Dinge bzw. den Ausgleich einzig und allein ueber den Preis zu regeln sucht.
Aspekte die nicht in Form von Rechnungseinheiten in ein Spreizblatt oder eine Entscheidungsmatrix passen, sind nicht relevant. Das Versuche das zu aendern und damit den "schweren" Job dieser Herren noch schwerer zu machen, als Gejammer abgeschmetter werden, dokumentiert nur das, was ich oben als radikale Ausklammerung bezeichnet habe.
Denn neben dem Shareholdervaluekonzept ist die damit einhergehende
Selbstimmunisierung gegen jegliche Kritik ein wesentlicher Bestandteil
der neoliberalen Ideologie und der neoklassichen Wirtschaftstheorien.
Jeder Depp kann innerhalb einer halben Stunde nachweisen, dass der
Markt keine funktionierende Regelung im Sinne der Regelungstechnik
darstellt. Trotzdem ist er (der Markt und leider nicht der Depp) in dieser Denkwelt die Loesung fuer alles,
(da sich damit andere Loesungsfindungsprozesse, wie z.B. durch demokratische Wahlen gefundene Mehrheiten geschickt aushebeln lassen).
Der Konsens des Marktes ist in Wahrheit nichts anderes, als das Recht des wirtschaftlich Staerkeren und das gilt in dieser Denke ausschliesslich!
Und wird im Zweifelsfall auch militaerisch durchgesetzt (oder mit der dezenten Frage nach der Loyalitaet).

Die Tragik der Allmende ist ein Fakt. Warum Kommunismus keine Alternative darstellen konnte,
belegt der Blick in jede oeffentliche Toilette die bis heute nicht privatisiert wurde.

2c) Und damit waeren wir bei den Chinesen, die nun auch nur Menschen sind. Allerdings unter einer kommunistischen Fuehrung, die Einheitspartei und Einheitsgewerkschaft aus einem Guss bietet. Dort sind es nicht Shareholdervalue und die Freiheit des Marktes mit der jede Sauerei gerechtfertigt wird, sondern dort sind es Maos alles ueberragende Weisheit und die Vision vom Arbeiter und Bauern Paradies mit denen die 60% Knopfdruecker bei der Stange gehalten werden.
Und die 40% potentiellen Dissidenten werden durch exemplarische oeffentliche Hinrichtungen von Querdenkern eingeschuechtert. Solche Systeme lassen sich nicht durch Isolierung oeffnen (siehe Kuba, Nord Korea) aber auch nicht durch den massiven Export von Arbeitsplaetzen sondern, wenn ueberhaupt nur durch kontinuierlichen politischen Dialog (siehe DDR).  Im Fall USA China haben sich zwei Giganten in einem Mass wirtschaftlich aneinander gekettet, das bei weitem die politische Dialogfaehigkeit der Beiden uebersteigt. Die grosse Gefahr die daraus entsteht, besteht in einem potentiellen Waffengang zur Loesung der Interessenkonflikte.

3) Jeder von uns hat nur ein Leben. Ich habe gelernt, das wenn es Sinn haben soll, die Suche nach Sinn sinnlose Zeitverschwendung ist und nur eins uebrig bleibt. Man muss dem eigenen Leben selber einen Sinn geben! Wie das gehen soll, wenn man nicht mehr nachvollziehen kann, was das eigene Verhalten oder die eigene Arbeit bewirkt, hat sich mir nie erschlossen. Dahermein projekt Reisfarm.
Das Nachbarwiesen immer gruener scheinen als die auf der man gerade steht, ist auch eine wahre Beobachtung. Aber wenn es soweit geht, das man sich in einem Milgramexperiment wiederfindet und sich vor die Wahl gestellt sieht Menschen und/oder Werte die einem wichtig sind, zu missachten, dann hoert die Geduld bei mir auf.

Und das Argument "Wenn ich die Frau nicht vergwaltigt haette, dann haette es sicher der widerliche Grobian an der naechsten Ecke getan", akzeptiert kein Richter. 

Das sich jeder angesichts einer solch verfahrenen Situation sein rettendes Eck sucht aus dem er noch Kraft und Hoffnung schoepft ist auch klar. Beim einen ist es Familie und Haeuschen, beim anderen ein Hobby usw. usw. . Wurde mir im Geschichtsuntericht als Biedermeier Phaenomen nahe gebracht.

Uebrigens, franzoesische Belegschaften, die ihre grosskotzigen amerikanischen Knopfdruecker mal fuer ein paar Tage in Gewahrsam nehmen, um ihnen die Ideale der Aufklaerung und der franzoesischen Revolution nahe zu bringen, haben meine Sympathie. Dabei spielt der Reisepass bei mir keine Rolle sondern der Standpunkt der Personen. 

Deinen Ansatz finde ich gut. Wortmeldungen und Pfiffe bei verbloedenden Verkaufsveranstaltungen fuer den naechsten Rueckschritt zur Sicherstellung des Fortschritts auch. Abteilungsmeetings, die dem Volk eine Plattform bieten ihre Sicht der Dinge zu artikulieren auch. Was aber ganz sicher geschehen muss, ist, das das unhaltbare Theoriegebaeude und damit die Glaubwuerdigkeit dieser Heinis mal grundsaetzlich in Frage gestellt wird, und zwar von Ingenieuren, die das Thema Wirtschaft mal systemtheoretisch analysieren und den unhaltbaren neoliberalen Mist als solchen entlarven und auskehren.


Sapere aude!

Georg

  














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