Montag, 19. September 2011

Wirtschaft ein nichtlineares dynamisches System

Leser meines Blogs wissen, dass ich im Gegensatz zu den Mainstream Wirtschaftswissenschaften dafuer plaediere, Wirtschaft als ein offenes System, das sich fernab vom Gleichgewicht befindet, zu betrachten. Es gibt aus meiner Sicht einige Indizen, die fuer eine solche Betrachtungsweise sprechen. Nicht zu letzt die schon fast naturgesetzlich erscheinende Ausbildung von Strukturen und Hierachien, die sich unter anderem in Form von paretoverteilten Einkommen und Vermoegen manifestieren, sprechen dafuer. In jedem Fall erscheint mir aber eine Betrachtung unter Beruecksichtigung von Dynamik, also Veraenderung ueber Zeit, bei der Theorie- und Modellbildung angebracht zu sein.  Wenn man diese Perspektive zum Ausgangspunkt waehlt, dann ergeben sich die kritischen Fragen an die Mainstream Wirtschaftswissenschaften von selber (siehe auch meine Artikelreihe "Warum Maerkte nicht funktionieren"). Diese Perspektive wirft aber nicht nur kritische Fragen auf, sondern ermoeglicht auch Einsichten, die bei einer konventionellen Betrachtungsweise verschlossen bleiben. Zumindest ist das  mein Eindruck, wenn ich die weitverbreitete Ratlosigkeit und die in einem unaufloesbar erscheinenden Streit erstarrten und meiner Meinung nach sinnlosen Debatten ueber "Sparen" oder "Noch mehr Geld"  zur Loesung der Krise im orthodoxen Lager betrachte.

Eine sog. Finanzkrise, die zur Weltwirtschaftskrise zu eskalieren droht, ist aber eine Situation in der man sich ein Beharren auf moeglicherweise ueberholten Standpunkten und ein Erstarren in orthodoxen Ansichten nicht erlauben kann. Vielmehr ist in einer derartigen Situation die Sicht der Aussenseiter mehr den je einzubeziehen und in den Prozess der Loesungssuche zu integrieren. Dies gilt um so mehr, wenn sich die Orthodoxie, wie in den vergangenen 4 Jahren, nahezu erfolglos am Problem verschlissen hat. Es ist also allerhoechste Zeit auch unkonventionelle Sichtweisen in die Diskussion und damit in das Bemuehen um eine Loesung einzubeziehen. Eine dieser Sichtweisen, die es meiner Meinung nach unbedingt wert ist, in die Diskussion einbezogen zu werden, wird z.B. durch Steve Keen vertreten. Dabei erscheint mir die von ihm zur Anwendung gebrachte Methode zur Analyse und Modellentwicklung besonders vielversprechend. Ich empfehle daher zum Einstieg diese Praesentation und diesen Aufsatz von Steve Keen. Er stellt auch eine Software zur Verfuegung, die auf seiner Methode beruht und die es jedem erlaubt auf dem PC ein dynamisches Wirtschaftsmodell zu entwickeln und per Simulation zu untersuchen. Das ist natuerlich viel einfacher und eleganter als die von mir bisher praktizierte Umsetzung wirtschaftlicher Modelle in elektronische / regelungstechnische Equivalente und deren Simulation und Untersuchung mit dem Simulationsprogramm SPICE.
Inhaltlich betont Steve Keen die Bedeutung des Finanzsektors fuer die Entstehung der Krise. In einfachen Worten ausgedrueckt erweitert er das Lotka Volterra Raeuber-Beute Modell (Kapitalisten/Arbeiter) um eine dritte Spezies die ueber das Geldvermoegen mit den beiden realwirtschaftlichen Spezies,  die ueber den Einsatz von Realvermoegen bzw. Arbeit ihren Anteil am  "Kuchen" zu sichern suchen, konkurriert.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Ich moechte mich an dieser Stelle bei Alien Observer und Dr. Stefan L. Eichner fuer die Hinweise und vielen Anregungen bedanken. Insbesondere fuer ihre Hinweise auf Steve Keen.

P.P.S.: Steve Keen fasst in dieser Vorlesung sehr schoen zusammen, was auch mein Anliegen ist. Er tut dies in viel besserer Form als ich das jemals koennte, da er als ausgebildeter Oekonom  zu der Translationsleistung faehig ist, die notwendig ist, um die Einsichten der Theorie komplexer Systeme auf oekonomische Zusammenhaenge begreifbar und anwendbar zu machen. Ich wuenschte, es gaebe mehr "Steve Keens" oder zumindest mehr offene Ohren und Hirne fuer diesen Mann. Denn es geht nicht an, das die Weltwirtschaft droht vor die Hunde zu gehen, nur weil aufgeblasene Mainstream Wirtschaftswissenschaftler und ihr Gefolge nicht in der Lage oder nicht Willens sind, den "Stand der Technik und des Wissens" ueberhaupt wahrzunehmen.

Nachtrag November 2011: Wie verheerend der "blinde Fleck" wirkt, der durch die wahrscheinlich falsche Annahme, das Wirtschaft ein auf Gleichgewichte zustrebendes System sei, kann man z.B. hier nachlesen.

Kommentare:

  1. Ich bedanke mich ebenfalls für die vielen Anregungen und Hinweise, die ich im Laufe der Zeit in unserem beständigen Austausch erhalten habe.

    Ich habe auch noch eine gute Nachricht für uns Blogger, die wir nicht im eigentlichen Sinne auf demselben Level stehen wie der oder - hoffentlich die - Steve Keen(s), wie Sie und etwa auch alien observer hier feststellen können:

    http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/uebermaessig-aktive-blogger-treiben-oekonomen-an/4611080.html

    Steter Tropfen höhlt den Stein.

    Herzliche Grüße
    Stefan L. Eichner

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  2. Ich fürchte, mich lesen sie nicht die Ökonomen (ausser Stefan Eichner) :). Dazu bin ich zu unökonomisch.

    Da ich den Mainstream-Ökonomen ihre Wissenschaftlichkeit abspreche, würde mich sehr wundern wenn Sie meinen Blog mehr als einmal anklicken.

    Ich sehe den wirtschaftlichen Sachverstand eher bei Ihnen beiden und habe in Wirtschaftlichen Themen von ihren Blogs bisher viel lernen können. Danke dafür.

    Gruß AlienObserver

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