Donnerstag, 1. Dezember 2011

Symptompfuscherei ohne Ende!

Mehr als vier Jahre nach Ausbruch der Krise beschaeftigen sich die Eliten in Wirtschaft und Politik nach wie vor mit Symptompfuscherei ( 1 3 4 ) und sind offensichtlich nicht in der Lage oder nicht willens eine saubere Analyse der Krisenursachen und ein darauf basierendes, schluessiges Konzept zur Ueberwindung der Krise vorzulegen, geschweige denn zu implementieren. Gleichzeitig perpetuieren die Mainstream Medien dieses hoch bezahlte Bild des Jammers auf allen Kanaelen in einer Art und Weise, das jeder vernunftbegabte Mensch es nur noch als Zumutung empfinden kann.
Es liegt wahrscheinlich daran, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf!
Denn die Fakten liegen klar und deutlich auf dem Tisch und das ziehen der sich daraus ergebenden Schluesse ist nun wirklich nicht so schwer.
Zumindest dann nicht, wenn man bei klarem Verstand ist und sich vom vorherrschenden Dogma frei macht.


Eine Volkswirtschaft, die fuer sich die "Erfolgsformel" der staendigen Produktivitaetssteigerung durch stetige und konsequente Reinvestition der Gewinne und Ersparnisse entdeckt, geraet zunaechst auf einen exponentiellen Wachstumspfad, der aber in einer spaeteren Phase aus verschiedenen Gruenden verflacht und nur noch mit zunehmenden Schwierigkeiten und unter Hinnahme von erheblichen "Nebenwirkungen" als Pfad mit sich mehr und mehr abschwaechendem Wachstum aufrecht gehalten werden kann.  Die Gruende, die zur Verflachung und zu den ueberproportional zunehmenden Schwierigkeiten fuehren sind die Tendenz zum Ueberangebot auf der einen Seite und die Tendenz zur Arbeitslosigkeit und dem damit einhergehenden Nachfrageausfall auf der anderen Seite. Es werden immer weniger gut bezahlte Arbeitskraefte benoetigt, um immer mehr Waren kapitalintensiv zu produzieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Wettbewerb sich auf die Dimensionen Kostensenkung und Absatzfoerderung beschraenkt, wie es fuer reife, gesaettigte Maerkte typisch ist. Der Mangel an Innovationen, die diesen Namen auch verdienen, fuehrt in einen Verdraengungswettbewerb, bei dem Marktmacht zum entscheidenden Parameter wird. Gleichzeitig kann dem dadurch entstehenden deflationaeren Druck letztendlich nur durch die Scheinloesung einer kreditfinanzierten Nachfragefoerderung im grossen Stil entgegen gewirkt werden.  Diese Scheinloesung, die in Japan, China und Deutschland Exportorientierung heisst,  funktioniert solange, bis die durch sie kreierte Unmoeglichkeit ins Bewusstsein dringt und die ausufernde Kreditvergabe so ins Stocken geraet. Die Unmoeglichkeit, die zunaechst aufgrund des vermeintlichen Erfolgs dieses Vorgehens nicht wahrgenommen bzw. verdraengt wird, ensteht durch den parallel zum oben beschriebenen Vorgang ablaufenden Konzentrationsprozess ( 2 ) bei den Vermoegen und Einkommen. Immer weniger und immer reicheren Glaeubigern stehen immer mehr und immer hoeher verschuldete Kreditnehmer gegenueber. Die dadurch entstehenden "Nebenwirkungen" sind u.a. Demokratien, die zu Plutokratien mutieren und vormals funktionierende und "soziale" Maerkte, die sich zu Arenen wandeln, in denen ausschliesslich das Recht des wirtschaftlich Staerkeren gilt. Japan steckt nun schon seit weit ueber einem Jahrzehnt in diesen Problemen und konnte den Uebergang in eine unkontrollierte deflationaere Abwaertsspirale bisher nur durch zwei japanische Eigenheiten abwenden. Erstens haben die Japaner das "Glueck", das ihre PIG USA heisst. D.h. der kreditfinanzierte Abnehmer der Exporte geniesst einen Sonderstatus, der sich  zum einen aus dem Umstand ergibt, das der US$ als Weltleitwaehrung akzeptiert wird und zum anderen die Ratingagenturen integraler Bestandteil der Wall Street und der US Strategie sind. Zweitens gewaehren die japanischen Wohlhabenden ihrem Staat Kredite zu niedrigsten Zinsen in enormer Hoehe, was dem japanischen Staat die Abmilderung der sozialen Spannungen und Verwerfungen im Inland ermoeglicht. Dies wurde aus erstgenanntem Grund von den Ratingagenturen bisher eher "wohlwollend" zur Kenntnis genommen und hat noch nicht zu massiven Herabstufungen gefuehrt, da ja gleichzeitig enorme "Waehrungsreserven" in US$ = Kredite an den Abnehmer USA aufgetuermt werden. Erst wenn die Wertlosigkeit dieser "Waehrungsreserven" ins Bewusstsein der "Maerkte" dringt, wird dieses Arrangement ebenfalls kippen. Deutschland hat das "Pech", dass seine Peripherie aus "PIGS" besteht, deren Bonitaet von den US Ratingagenturen innerhalb kuerzester Zeit in Schutt und Asche gelegt wurde, nachdem diese Staaten, die die durch die US Hypothekenkrise gerissenen Loecher in den Bilanzen ihrer Banken und den dadurch erzeugten Nachfrageeinbruch durch Aufnahme oeffentlicher Schulden ausgleichen mussten. Ein weiterer Grund fuer die Eskalation der Probleme in Europa und fuer Deutschland besteht darin, das die deutschen und europaeischen Wohlhabenden nicht bereit sind die durch ihre "Tuechtigkeit" entstanden Verwerfungen mit zinslosen Krediten, Vermoegenssteuern oder aehnlichen Loesungen zumindestens abzumildern. Vielmehr scheint ausschliesslich das Recht des wirtschaftlich Staerkeren zu gelten und dies wird  aufs brutalste in Austeritaetsprogrammen, die zu allem Ueberfluss auch noch die Unterstuetzung des IWF finden, zur Anwendung gebracht.
Es war zwar richtig zu Beginn der Krise die geld- und zinspolitischen Moeglichkeiten auszuschoepfen und es ist auch richtig, so lange die fundamentalen Probleme keiner Loesung zugfuehrt sind, diese Moeglichkeit weiter zur Abwendung einer unkontrollierten deflationaeren Abwaertsspirale zu nutzen. Aber im fuenften Jahr nach Beginn der Krise immer noch zu hoffen, dies alleine reiche aus und die "Selbstheilungskraefte" des Marktes wuerden den Rest fuer die denkfaulen, dogmaglaeubigen und durch eine fatale Ideologie verblendeten  Eliten erledigen, ist nun wirklich etwas, was man nur noch kopfschuettelnd wohl zur Kenntnis nehmen muss, aber nicht als angemessene, verantwortungsvolle  Handlungsweise akzeptieren kann.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Nachtrag: Die Rolle der Medien, insbesondere auch in Deutschland, die beim Umetikettieren der Krise eine bedeutende Rolle spielen, verdient besondere Beachtung. Diese Umetikettierung verschleiert die katalytische Wirkung der Banken bei den oben beschriebenen ursaechlichen Prozessen. Es handelt sich daher nach wie vor um eine Bankenkrise ( 56 ) die in den USA und an der Wall Street ihren ursaechlichen Ausgangspunkt hatte. Die US Grossbanken haben mit Hilfe der Ratingagenturen  triple A rated Schrottpapiere im grossen Stil in Umlauf gebracht (Kreditfinanzierte Immobilienblase und kreditfinanzierter Konsum = kreditfinanzierte Nachfrage durch Konsumenten, die nie eine Chance hatten diese Kredite auch ueber ihre Laufzeit zu bedienen). Die europaeischen Banken waren, verblendet durch irrwitzige Boni fuer ihre verantwortlichen Manager, nicht in der Lage oder nicht willens diesen Betrug als solchen zu durchschauen und haben sich in erheblichem Mass mit diesem Schrott vollgesogen. Die daraus entstanden Schaeden sind bis heute nicht im vollen Umfang geklaert oder gar ausgeglichen. Vielmehr laeuft, seitdem dieser Betrug aufgeflogen ist, ein schaebiges Schwarze Peter Spiel, in dem versucht wird, die Folgen auf Staaten und ihre Bevoelkerung abzuladen. Insofern ist es eine ausgemachte Sauerei von PIGS, einer Eurokrise oder einer Staatschuldenkrise zu reden und jeder Journalist und Politiker, der diese unverfrorene Umetikettierung mit betreibt, macht sich mitschuldig an dem, was daraus folgen wird.
Auch die durch die USA verbreitete Vorstellung durch "floatende" Waehrungen koennten die tatsaechlichen Ursachen behoben werden, ist Unfug. Dafuer sind die USA selber das beste Beispiel. Sie unterhalten mit 87! Staaten Handelsdefizite, seit Jahrzehnten, und das trotz freier Waehrungsrelationen bei den meisten von ihnen ( 7 ).
Eine dagegen sehr erhellende Sicht der Dinge, insbesondere auf die Rolle der Banken aber auch darauf, in welcher Richtung nach wirklichen Loesungen zu suchen ist, gibt Steve Keen in diesem Interview.

Kommentare:

  1. Danke für diesen Beitrag! Ich bin irgendwann einmal per Zufall auf diesen Blog gestoßen und die Beiträge sind die besten, die ich nach meiner Odyssee durch Wirtschaftsblogs gefunden habe!

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  2. @Decadent
    Das ist entschieden zuviel der Ehre. Trotzdem vielen Dank fuer die Ermutigung. Ein guter Ausgangspunkt fuer eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema Wirtschaftswissenschaften ist meiner Meinung nach der Real World Economics Review Blog:

    http://rwer.wordpress.com/

    Von dort aus findet man Zugang zu sehr anregenden Diskussionen und Beitraegen, die sich erfrischend vom verbohrten Mainstream unterscheiden.

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