Dienstag, 27. September 2011

Ratingagenturen, strategische Bomber der Wall Street. Eine Zeitleiste.

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Ich habe mir mal die Muehe gemacht, ueber Google News die Nachrichten mit dem Schlagwort "Ratingagentur(en)" der letzten 4 Jahre Monat fuer Monat suchen zu lassen. Die jeweiligen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist seit Juli 2007 kein Monat vergangen, in dem nicht ueber eine neue Hiobsbotschaft, Herabstufung durch Ratingagenturen etc. in den Medien zu lesen war. Es entsteht der Eindruck einer Treibjagd von drei amerikanischen Ratingagenturen auf fuenf europaeische Staaten, die sich zeitweise zu einem Flaechenbombardement ausweitete und inzwischen  vollkommen absurde Zuege entfaltet. Die hilf- und ratlosen Reaktionen der europaeischen Politik in diesem schaebigen Spiel treiben einem die Traenen in die Augen.  Sehen Sie selber, es ist die Muehe wert. Es beginnt mit einer grandiosen Fehleinschaetzung durch den FED Grossmeister Bernanke. Und auch Moody's Einschaetzung der Aquisition der Depfa durch die Hypo Real Estate im Juli 2007 ist ein Kracher, der belegt, welchen qualitativen Stand die "Berechnung der Zukunft" mit finanzmathematischen Modellen der Ratingagenturen hatte und hat.

Bernanke beziffert die moeglichen Kreditausfaelle aus der Hypothekenkrise auf bis zu 100 Mrd US$. S&P stuft erneut die Bonitaet einiger Hypothekenanleihen herab.

"Die Ratingagentur  Moodys sieht durch die geplante Übernahme der Depfa durch Hypo Real Estate (HRE) keinen Anlass für eine Änderung der Bonitätsnoten der beiden Banken. Die Analysten bestätigten am Montag ihre jeweiligen Ratings und den stabilen Ausblick für die Institute." 




Eine der ersten Erwaehnungen von Griechenland durch S&P:
"Die Ratingagentur Standard & Poor's hat ausgerechnet: Bleibt es bei den bisherigen Strukturen, werden die Defizite der Rentenkassen die Staatsverschuldung von derzeit knapp 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2050 auf 435 Prozent katapultieren."

"Die Ratingagentur Fitch ist überzeugt, dass die finanzielle Lage der IKB weiterhin fragil bleibt. Nach ihrer Einschätzung gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für weiteren Stützungsbedarf."
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Montag, 26. September 2011

Europa auf der Anklagebank!???

Europa auf der Anklagebank lautet der Titel eines Artikels der Financial Times Deutschland zum Jahrestreffen des IWF. Anklaeger seien die Schwellenlaender, so heisst es. Und wer ist der Richter, der diese Anklage angenommen hat und sich somit bereit erklaert hat ein Verfahren zu eroeffnen an dessen Ende er ein Urteil zu faellen hat? Die USA? Oder die von den USA dominierten Institutionen IWF und Weltbank?

So langsam reicht es!
http://roarmag.org/2011/09/chomsky-speaks-out-in-support-of-wall-street-protests/

Zur Erinnerung:
Die USA stellen mit ca. 300 Mio Einwohner ca. 4,5% der Weltbevoelkerung. Gleichzeitig beanspruchen sie weit ueber 20% der weltweit gefoerderten Primaerenergien. Das waere gerade noch hinnehmbar, wenn die USA der Welt dafuer qualitativ hochwertige Gueter liefern wuerden, die diese unbedingt benoetigt. Das ist aber nicht der Fall! Im Gegenteil! Die USA bauen seit Jahrzehnten ein gigantisches, inzwischen kumuliert in die Billionen gehendes, Handelsbilanzdefizit auf, in dem sie Monat fuer Monat in zweistelliger Milliardenhoehe mehr Waren einfuehren als sie in der Lage oder Willens sind, der Welt im Austausch dafuer zur Verfuegung zu stellen. In der Spitze bis zu 70 Mrd. US$ pro Monat!  D.h. jeder der 300 Mio. Amerikaner laesst seit Jahrzehnten jeden Monat! fuer bis zu 230 US$ auf dem grossen Deckel der Weltwirtschaft anschreiben. Soetwas nennt man leben auf Kosten anderer. Oder, um es ganz deutlich zu sagen, das ist das Verhalten von Schmarotzern.
Quelle:http://research.stlouisfed.org/fred2/series/BOPGSTB/125/Max

Montag, 19. September 2011

Wirtschaft ein nichtlineares dynamisches System

Leser meines Blogs wissen, dass ich im Gegensatz zu den Mainstream Wirtschaftswissenschaften dafuer plaediere, Wirtschaft als ein offenes System, das sich fernab vom Gleichgewicht befindet, zu betrachten. Es gibt aus meiner Sicht einige Indizen, die fuer eine solche Betrachtungsweise sprechen. Nicht zu letzt die schon fast naturgesetzlich erscheinende Ausbildung von Strukturen und Hierachien, die sich unter anderem in Form von paretoverteilten Einkommen und Vermoegen manifestieren, sprechen dafuer. In jedem Fall erscheint mir aber eine Betrachtung unter Beruecksichtigung von Dynamik, also Veraenderung ueber Zeit, bei der Theorie- und Modellbildung angebracht zu sein.  Wenn man diese Perspektive zum Ausgangspunkt waehlt, dann ergeben sich die kritischen Fragen an die Mainstream Wirtschaftswissenschaften von selber (siehe auch meine Artikelreihe "Warum Maerkte nicht funktionieren"). Diese Perspektive wirft aber nicht nur kritische Fragen auf, sondern ermoeglicht auch Einsichten, die bei einer konventionellen Betrachtungsweise verschlossen bleiben. Zumindest ist das  mein Eindruck, wenn ich die weitverbreitete Ratlosigkeit und die in einem unaufloesbar erscheinenden Streit erstarrten und meiner Meinung nach sinnlosen Debatten ueber "Sparen" oder "Noch mehr Geld"  zur Loesung der Krise im orthodoxen Lager betrachte.

Freitag, 16. September 2011

Spitzenleistungen mononeuronalen Denkens

Die sich weiter zuspitzende Krise hat in der vergangenen Woche eine Welle von Ratschlaegen aus dem Epizentrum des Desasters, dem Lager neoliberal = mononeuronal denkender Eliten ausgeloest. Auf einige besonders huebsche Beispiele dieser Glanzleistungen moechte ich hiermit verweisen:


Um zu diesen tiefschuerfenden Erkenntnissen zu kommen benoetigten diese Experten immerhin 4 bzw. 3 Jahre, jenachdem, wie man den offiziellen Beginn der Krise terminiert. Die Zahl der Milliarden, die aufgrund aehnlich gut fundierter Ratschlaege schon ausgegeben wurde, ist inzwischen unueberschaubar geworden. Dabei ist ja eigentlich garnichts passiert, nach herrschender Lehrmeinung. Geld ist ja neutral. Und es gilt die Tautologie der Quantitaetstheorie.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Montag, 12. September 2011

When the Going Get Tough, the Tough Get ?

Well, to raise a question mark is quite simple. To get going obviously not.
Ist es von mir zuviel verlangt, wenn ich von einem Chefvolkswirt der EZB erwarte, dass er dafuer sorgt, dass seine Zunft angesichts der groessten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren in die Puschen kommt? Juergen Stark ist zurueck getreten. Nach steiler Karriere seit 2006 Chefvolkswirt bei der EZB und seit Ende 2007 wie die meisten Mitglieder seiner Zunft von den Ereignissen ueberrollt, wirft der Mann im Jahr 4 der Krise, kurz bevor es ernst wird, das Handtuch.
Was solls? Ein zurueck getretener Quacksalber mehr oder weniger macht den Kohl nicht fett. Meinte meine Grossmutter, die sich noch gut an Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation und daher an Kohl in allen Variationen erinnern konnte, in solchen oder aehnlichen Faellen immer. 
Ich denke, sie hatte recht!

Freitag, 9. September 2011

Warum Maerkte nicht funktionieren. Teil 3

Obwohl ich im Teil 2 angekuendigt hatte im dritten Teil dieser Reihe den Zusammenhang zwischen einer Hierachie der Maerkte (in Form kaskadierter Regelsschleifen) und einem generalisierten Raeuber-Beute Modell, das pareto- bzw. log-normalverteilte Vermoegensverhaeltnisse erzeugt, herzustellen, moechte ich dies zunaechst zurueck stellen und dem Thema Nichtlinearitaet und seiner Bedeutung fuer die potentielle "Dysfunktionalitaet" von Maerkten etwas mehr Raum geben.

Samstag, 3. September 2011

Warum Maerkte nicht funktionieren (Ergaenzung zu Teil 1)

Ergaenzend zu meinem ersten Aufsatz moechte ich ein geaendertes Blockschaltbild nachreichen, in dem der Preisbildungsprozess durch ein I-Glied (Integrierer) anstelle des PT1 Glieds modelliert wird (was als realistischer angesehen wird) und der Nachfrageprozess durch ein verzoegerungsfreies P-Glied. 

Modifiziertes generisches Marktmodell

Letzteres erlaubt dann auch einen einfachen Austausch des proportionalen, unverzoegert Zusammenhangs mit einem komplizierteren funktionalem Zusammenhang zwischen Preis und Nachfrage. Die systembeschreibenden Gleichungen sehen dann wie folgt aus:

Eine LTspice Netlist findet sich hier

Donnerstag, 1. September 2011

Executive Excess

Wie dieser Zeitungsartikel aus dem sonnigen San Jose in Kalifornien wissen laesst, haben Mark Hurd und Larry Ellison (beide Oracle) jeweils 77 Millionen US$ an Jahresverguetung eingestrichen. Ein weiterer Report aus den USA deckt auf, dass dort viele Firmen ihren CEOs hoehere Verguetungen bezahlen, als sie Steuern an den Staat abfuehren.Wenn man dies dann noch im Zusammenhang mit den Umstaenden sieht, die ich als Betonierung plutokratischer Verhaeltnisse bezeichne, dann weiss man, in welche Richtung der Hase im Land der unbegrenzten Moeglichkeiten laeuft. Das inzwischen 44 Millionen Menschen in den USA nur durch Lebensmittelmarken vor dem Aergsten verschont werden, ist inzwischen wohl bekannt. Und wer sich ueber die Entwicklung und Fakten der Obdachlosigkeit in den USA informieren moechte, kann das mit diesem Report tun. Und wer dann noch zur Kenntnis nimmt, das ueber 11% der Haeuser in den USA z.Zt. leer stehen, obwohl die magischen Haende des freien Marktes unermuedlich ihr heroisches Werk vollbringen, der wird wissen, was er von denen zu halten hat, die nach wie vor das neoliberale Maerchen vom "Trickel Down Effect" in der einen oder anderen Form an den Mann zu bringen suchen.

Sapere Aude!

Georg Trappe