Dienstag, 31. Januar 2012

Die Troika der neoliberalen Denkfehler

Die Blamage koennte groesser nicht sein. In Davos trifft sich die Creme de la Creme aus Wirtschaft und Politik, um ueber Ursachen und Loesungen zur groessten Wirtschaftskrise seit der grossen Depression im vergangenen Jahrhundert zu beraten und diese Eliten bekommen nach mehr als vier Jahren voller verheerender Fakten ( 5 ) nichts anderes auf die Beine als eine Fortsetzung des absurden Streits darueber, ob mehr Sparen oder mehr Schulden machen das richtig Rezept sei (*). Dabei muesste nun langsam jedem Deppen ( 6 ) klar sein, dass Geld und Zinspolitik alleine keine Loesungen fuer das darstellen, was als Kern der Probleme auszumachen ist. Die verheerende Wirkung des Sparens in einer solchen Situation sollte seit der Weltwirtschaftskrise im vergangenen Jahrhundert bekannt sein. Sie zeigt sich bereits ueberdeutlich in den davon besonders betroffenen Euro Laendern ( 7891011 ). Dabei sind es im wesentlichen drei Denkfehler, die Dank der Verblendung durch die neoliberalen Ideologien "uebersehen" wurden und mit diesen Hand in Hand gehen, um so ein Ursachenbuendel zu bilden, das angegangen werden muss, wenn man die Krise wirklich und im Sinne des Gemeinwohls loesen will. Dieser Wille scheint aber in den Kreisen derer, die ueber die Mittel verfuegen und somit auch die Verantwortung tragen, vollkommen zu fehlen, denn anders ist die schon demagogisch erscheinende Fokusierung auf Staatsschulden nicht zu erklaeren. Viel mehr entsteht der Eindruck, als wolle man die Krise als Drohkulisse dazu benutzen, um die neoliberale Agenda und damit die ausufernde und durch nichts legitimierte Macht der Banken, der Konzerne und den dahinter stehenden Superreichen,  ein  gutes Stueck weiter vorwaerts zu bringen. Deren Gehilfen Henkel und Reitzle haben das schon deutlich zu erkennen gegeben ( 4 ). Dabei schaelt sich doch inzwischen bei genauer Betrachtung ueberdeutlich heraus, das drei maechtig wirkende Denkfehler, die sich zum Teil gegenseitig bedingen und aufeinander in einer verheerenden Weise katalytisch wirken, als fundamentale Ursachen fuer das Desaster erkennbar sind und daher auch mit Prioritaet angegangen werden muessen, wenn man einer wirklichen Loesung naeher kommen will.

1.) Das "Erfolgsrezept" der stetigen und konsequenten Reinvestition von Ersparnissen und Gewinnen entwickelt ab einem gewissen Punkt eine starke deflationaere Tendenz dadurch, dass die so bewirkten Produktivitaetssteigerungen und Kostensenkungen zu einer Verminderung der Nachfrage fuehren, da immer weniger gut bezahlte menschliche Arbeit benoetigt wird, um immer mehr Produkte herstellen zu koennen.( 1 )
2.) Der Versuch dies von Seite des Banken- und  Finanzsystems durch eine extrem expansive Kreditvergabe zu kompensieren, was letztendlich zu kreditfinanziertem Konsum im grossen Stil fuehrt, fuehrt direkt in die Ueberschuldung aller Bereiche und nicht nur des Staates in den Volkswirtschaften, in denen dieses Rezept zur Anwendung gebracht wird.( 2 ) Diese Volkswirtschaften degenerieren im Verlauf zunehmend, indem sie sich zu sog. Dienstleistungsgesellschaften wandeln, in denen die Herstellung realer Gueter nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Gleichzeitig entstehen Exportweltmeister, die zwar ebenfalls unter den Folgen des unter 1 beschriebenen  "Erfolgsrezepts" leiden (schwache Binnennachfrage), diese aber durch Exporte zu kompensieren suchen und so auch noch zu Kreditgebern fuer die degenerierten Volkswirtschaften werden.
3.) Das "Erfolgsrezept" ist begleitet von massiven Konzentrationsprozessen und erzeugt so auf der Ebene von Staaten aber auch auf der Ebene von Unternehmen und Individuen stetig steigende Ungleichheiten und Ungleichgewichte, die sich in entsprechenden Handelsbilanzentwicklungen, Unternehmenskonzentrationen und Einkommens- und Vermoegensverteilungen artikulieren und letztendlich zu unbeherrschbaren Bankbilanzen und Risiken bei Grossbanken und im Finanzsystem fuehren muessen ( 3 ). Diese Konzentrationsprozesse wirken weiterhin katalytisch auf 1 und 2 zurueck, werden selber aber durch 1 und vor allem durch 2 immer weiter voran getrieben.

Sapere Aude!

Georg Trappe

(*) Es gibt eine Kommunikationsstrategie, die bei den davon Betroffenen eine paralysierende und krankmachende Wirkung hinterlaesst, die unter dem Begriff " Double Bind " bekannt ist. 
Ich bin dieser Art der "Berichterstattung" das erstemal in den USA begegnet / bewusst geworden. Ich habe den Eindruck, dass sie in den deutschen Medien gezielt dazu eingesetzt wird, um breite Teile der Bevoelkerung nicht nur bewusst von den durchaus bestehenden Alternativen zur Loesung der Krise fern zu halten , sondern um sie auch gefuegig fuer die Loesung zu machen, die ausschlieslich den Interessen der Eliten dient.
(**) Fredmund Malik sieht diese Punkte  ( 4 ) ebenfalls und hebt dabei die verheerende Wirkung der Konzentrationsprozesse in Form von Gleichschaltung bei der Ausbildung der Eliten hervor.

Kommentare:

  1. Punkt 2) wird derzeit unter dem Thema Vollgeld-Theorie diskutiert, als ob es die Starke Kreditvergabe DIE alleinige Ursache wäre und so durch Umstellung auf Vollgeld gelöst werden könnte - immerhin ein Anfang!!!
    http://www.taz.de/konom-ueber-das-Geldmachen/!86990/
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36329/1.html

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  2. @yagoda
    Vielen Dank fuer die Hinweise auf die interessanten Artikel. Es gibt selbstverstaendlich Alternativen zum bestehenden System. Aber es gibt auch sehr maechtige Interessen, die garnicht wollen, das solche Alternativen diskutiert werden. Sowohl die Fokusierung auf Staatsschulden als auch die irrwitzige Debatte ueber Sparen oder mehr Schulden machen als Loesung sind meiner Meinung nach Ausdruck dieser interessengeleiteten Blockade einer tiefergehenden Ursachenanalyse / Loesungssuche.

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