Mittwoch, 4. Januar 2012

Innovationen der fragwuerdigen Art

Die Luftfahrt gilt als ein moderner, technologisch anspruchsvoller und innovativer Wirtschaftszweig, dem damit auch ein entsprechendes, hohes Prestige anhaftet. Insbesondere in Laendern, die nicht nur Heimat von Luftfahrpionieren waren, sondern bis heute als fuehrend in einem Bereich gelten, in dem Sicherheit und Qualitaet eine ueberlebenswichtige Rolle spielen. Ich moechte daher eine aktuelle " Innovation " der Lufthansa, die Leiharbeit beim fliegenden Personal, zum Anlass nehmen, die Bedeutung von Innovationen fuer die Qualitaet wirtschaftlicher Entwicklungen in technologisch hochentwickelten Industrien / Laendern etwas naeher zu beleuchten.


Ich denke in Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die qualitative Entwicklung der Wirtschaft muss man mindestens zwei Arten von Innovationen unterscheiden. Erstens grundsaetzliche Neuerungen, wie z.B. die Entdeckungen Otto Lilienthals und die darauf aufbauenden Erfindungen der Gebrueder Wright und inkrementelle Innovationen, die diese grundsaetzlichen Neuerungen weiterentwickeln, verfeinern und in verschiedenster Hinsicht verbessern. Bei den Innovationen der zweiten Art kann man aus meiner Sicht wieder zwei Untergruppen unterscheiden, naemlich Verbesserungen die auf eine technisch / qualitative Optimierung zielen und solche, die auf eine reine  Kostenoptimierung abzielen. Ich kenne natuerlich das Argument, dass ab einem gewissen Stadium, nachdem eine Idee den "unschuldigen" Bereich der "reinen" Neugierde und Forschung verlassen hat, jede Anstrengung zur Verbesserung mehr oder weniger wirtschaftlicht motiviert ist.
Wie dem auch sei, ich glaube, dass man sehr sorgfaeltig unterscheiden muss, ob ein Wettbewerbsvorteil durch Produktdifferenzierung (techn. / qualitativ) oder durch Kostensenkung gesucht wird. Wobei es natuerlich, wenn auch seltener,  Innovationen gibt, die beiden Zielen gleichzeitig dienen. Das "Extrem Sparen" an Mitarbeitern mit direktem Kundenkontakt, welche das Produkt Flugreise aus Sicht des Kunden nicht unerheblich mit gestalten, halte ich fuer einen sehr fragwuerdigen Schritt, der die Lufthansa auf laengere Sicht vermutlich in aehnliche Turbulenzen bringen kann, wie sie die amerikanischen Vorbilder schon seit Jahren durchleben.
Denn das Problem, das durch agressiv expandierende Konkurrenten wie z.B. Etihad, die im vergangenen Monat 30% der Anteile an Air Berlin uebernommen haben und ihre dabei entstehenden Personalprobleme z.B. dadurch loesen, dass sie gut ausgebildete und erfahrene Piloten von THAI Airways, die dort um die 2000 Euro pro Monat verdienen, reihenweise mit deutlich hoeheren Gehaeltern abwerben, entsteht, fuehrt unweigerlich in eine Abwaertsspirale, die letztendlich das zerstoert, was Lufthansa ausmacht, wenn die Lufthansa sich darauf einlaesst.
Das Problem der Abschaetzung, wie  Innovationen auf die Entwicklung einer Wirtschaft wirken, insbesonder ueber laengere Zeitraeume betrachtet, ist ein hoch komplexes Problem. Es wird nicht leichter dadurch, das solche Innovationen sowohl das Potential haben, bis dahin unbekannte Maerkte zu eroeffnen, als auch bestehende Problemloesungen zu entwerten oder gar zu kannibalisieren. Und die Luftfahrt ist da ein sehr schoenes Beispiel. Denn wer haette Anfang des letzten Jahrhunderts vorhersehen koennen zu welchen Ausmassen sich der zivile Luftverkehr in den folgenden hundert Jahren entwickeln wuerde. Und wer koennte mit einiger Sicherheit sagen, wie sich das Verkehrswesen und die Weltwirtschaft ohne die Entdeckungen Lilienthals und der Gebrueder Wrigth entwickelt haette? Wer ein Gedankenexperiment in diese Richtung wagt, wird schnell merken, wie komplex und damit spekulativ ein solcher Versuch ist. Trotzdem wage ich die Vermutung, dass die Entdeckungen und Erfindungen Lilienthals und der Wrights  die wirtschaftliche Entwicklung tendenziell eher befluegelt als gebremst haben. Allerdings sind die Entwicklungen in der Luftfahrt in den vergangenen Jahrzehnten auch ein gutes Beispiel dafuer, welche dramatischen Folgen es fuer eine stolze Industrie hat, wenn sie sich nach einer gewissen Zeit nicht den typischen Konzentrationsprozessen und den damit verbundenen Nebenwirkungen entziehen kann, die sich aus der Systematik der bestehenden Wirtschaftsordnung fuer reifende Industrien ergeben. Der Markt fuer ziviles Fluggeraet wird mittlerweile von nur noch zwei Firmen beherrscht. Boeing in den USA und Airbus in Europa. Das Problem der Ingenieure in beiden Firmen, die sich im Wettbewerb um eine techn. / qualitative Produktdifferenzierung bemuehen, besteht darin, dass die Physik fuer beide gleich ist und dadurch Optimierungen, insbesondere dann, wenn die niedrig haengenden Fruechte in den vorangegangenen Jahrzehnten schon abgeerntet wurden, zu sehr aehnlichen Loesungen fuehren muessen. Damit entsteht automatisch fuer die Luftfahrtgesellschaften das Problem, sich gegenueber ihren Kunden, den Passagieren, nicht mehr ueber das verwendete Fluggeraet und den daraus abgeleiteten Parametern, wie Reisezeit etc.,  differenzieren zu koennen. Der Druck zur Differenzierung ist aber enorm und entsprechend auch die Kreativitaet in den verbleibenden Bereichen hoch, so das sie zuweilen recht interessante Blueten treibt (z.B. zum Firmen Logo passende Farbe des Lippenstifts der Stewardessen;-). Trotzdem konvergiert die wettbewerbliche Auseinandersetzung meinem Eindruck nach auf die drei klassischen Parameter zu. Marktmacht/Groesse(*), Image/Branding und Kosten. Die Lufthansa hat sich nun eine dieser "Innovationen" einfallen lassen, die klar auf Kostensenkung abzielen und dabei alle Register gezogen, die durch die Liberalisierungen am Arbeitsmarkt ermoeglicht wurden. Fuer mich eine klare Folge der massiven deflationaeren Tendenzen (intrinsische Ueberkapazitaet, da immer mehr Waren und Leistungen durch immer weniger gut bezahlte Arbeit bereitgestellt werden koennen), die der herrschenden Wirtschaftsordnung innewohnen. Erschreckend fuer mich ist die Tatsache, wie nahe die genannten 1700 Euro fuer einen Flugbegleiter, der unter diesen Bedingungen arbeiten soll und in Deutschland seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, mittlerweile am viel diskutierten Mindestlohn sind. Denn das sind nur etwas mehr als 10 Euro/Std. Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wie sich die fuehrenden Koepfe nicht nur bei der Lufthansa sondern auch in Politik und Wirtschaft die zukuenftige Entwicklung vorstellen, wenn schon in Industrien wie der Luftfahrt und dort von hoch angesehen Unternehmen wie der Lufhansa nur noch beinahe Mindestloehne gezahlt werden. Wie soll es in einer Industrie weiter gehen, in der grosse Fluggesellschaften wie United Airlines und Delta Airlines jahrelang nur unter Chapter 11 Glaeubigerschutz weiter arbeiten konnten. Wie soll diese Industrie aussehen, wenn nur noch Zusammenschluesse (*)  wie zwischen Delta Airlines und Northwest Airlines bzw. juengst United Airlines und Continental genuegend Marktmacht  versprechen, um die gigantische Verschuldung unter der diese Unternehmen inzwischen leiden, abbauen zu koennen. Und die Luftfahrt ist ja nicht die einzige relativ junge und auf technologischen Spitzenleistungen beruhende kapitalintensive Industrie, die von diesen deflationaeren Tendenzen in dramatischer Weise gepraegt ist. Denn grosse Teile der Halbleiter- und Computerindustrie scheinen ja auch nur noch ueberlebensfaehig zu sein, wenn an Standorten und unter Bedingungen produziert wird, die die Mitarbeiter der betroffenen Firmen aus Verzweiflung aus den Fenstern in den Freitod  springen laesst. Dazu gibt es einen interessanten aktuellen Artikel  im Handelsblatt, der auch einen weiteren Beleg dafuer liefert, wie weitreichend die deflationaeren Tendenzen auch in diesem Bereich wirken. Die Cost of Sales (direct labour plus direct material) typischer Konsumprodukte aus diesem Bereich betraegt oft nur 20%. Der Anteil der Vertriebs- und Marketingkosten am Endverbraucherpreis ist nicht selten doppelt so hoch. D.h. Kunden bezahlen im wesentlichen dafuer, dass ihnen das Produkt "aufgeschwaetzt" wird. Und es bedeutet auch, das die gut bezahlte Arbeit in den sog. entwickelten Laendern, nachdem die Produktion in Billigstlohnlaender verlagert wurde, darin besteht sich gegenseitig das Gehirn zu waschen, indem man sich als Marketingler, Vertriebler oder gar Fachredakteur diese Produkte gegenseitig professionel schmackhaft macht. Selbst die hochgelobte Arbeit der Entwicklungsingenieure besteht oft alleine darin "Moden" zu kreieren, die nur das schnelle obsolet werden ansich funktionstuechtiger Geraete  zur Folge hat, um so "Bedarf" zu wecken.  Welche Visionen und Vorstellungen haben die verantwortlichen Eliten in Bezug auf die sich daraus ergebenden Fragen? Denken sie darueber ueberhaupt noch nach? Oder plappern sie nur gedankenlos das neoliberale Mantra nach und hoffen dabei ihre Verantwortung an die magischen Haende des Marktes delegieren zu koennen? Der Traum vom Fliegen wurde durch Beobachtung von Vorbildern der Natur und dem daraus erwachsenden Verstaendnis der Natur moeglich. Wenn man dem Traum von einer Wirtschaftsweise, die Wohlstand fuer alle ermoeglicht, eine Chance geben will, dann sollte man sich meiner Meinung nach daran orientieren. Nicht nur aber auch bei der Lufthansa, die fuer viele Menschen, nicht zu letzt in Folge des Wirtschaftswunders, zu einem Symbol geworden ist, das Qualitaet, Sicherheit und Flugreisen zu vernuenftigen Bedingungen (fuer Passagiere UND Mitarbeiter!) darstellt.

Sapere Aude!

Georg Trappe

(*) Das Fettaugensyndrom ist uebrigens fuer die Banken ein gigantisches Geschaeft. Fuer die qualitative Entwicklung von Volkswirtschaften aber ein Albtraum, da letztendlich Konzerne entstehen, deren Macht (too big to fail)  offenbar keine Regierung mehr gewachsen ist. So verkommen ehemals funktionierende Demokratien zu Plutokratien, in denen die Vorstellungen der Mehrheit der Buerger ueber die Gestaltung von Wirtschaft keine Rolle mehr spielen.
(!) Noch eine fragwuerdige Innovation der Lufthansa.
(!!) Radikale, alternativlose, letzte Chance auf den Endsieg.
(!!!) Bittere Fakten ueber eine Industrie, denen man nur mit klarem Verstand aber auf keinem Fall mit den "Ratschlaegen" der  Pferdefluesterer der Wall Street (=Analysten) begegnen sollte.

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