Freitag, 30. März 2012

Krugman vs. Keen

So langsam wird es interessant.  Steve Keen, einer der ganz wenigen Oekonomen, der die Bedeutung von Dynamik in komplexen Systemen versteht, und als einer der wenigen dabei die endogene Entstehung von Geld (Kreditexpansion)  im Bankensystem auf seiner Rechnung hat, hat in einem seiner juengsten Aufsaetze ( 1 ) zum Thema Krugman, stellvertretend fuer das neoklassische Lager, vorgeworfen die endogene Entstehung von Geld im Finanzsystem zu ignorieren und in seiner Wirkung nicht zu verstehen. Krugman hat darauf nun reagiert und zwar in einer Weise, die mir typisch fuer das neoklassische Lager erscheint ( 2 ). Zum Glueck ist Steve Keen nicht auf den Mund gefallen ( 8 ) und schiesst scharf zurueck. Der Clou ist, kein geringerer als die Bundesbank gibt Steve Keen recht. Und zwar in offiziellen Broschueren mit dem Titel "Geld und Geldpolitik".
"In der Regel gewährt die Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit und schreibt ihm den entsprechenden Betrag auf dessen Girokonto gut. Wird dem Kunden ein Kredit über 1.000 Euro gewährt (z.B. Laufzeit 5 Jahre, 5 %), erhöht sich die Sichteinlage des Kunden auf seinem Girokonto um 1.000 Euro. Es ist Giralgeld entstanden bzw. wurden 1.000 Euro Giralgeld geschöpft. Die Giralgeldschöpfung ist also ein Buchungsvorgang."
  Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2011, S. 68ff

"Bei der Giralgeldschöpfung unterscheidet man die „aktive“ und die „passive“ Geldschöpfung der Banken. So entsteht Giralgeld durch Einzahlung von Bargeld auf Girokonten. Bei dieser „passiven“ Form der Giralgeldschöpfung ändern sich die gesamten Geldbestände der Wirtschaft (also Giralgeld in Händen der Nichtbanken plus Bargeld) nicht. Daneben ist das Bankensystem aber auch in der Lage, durch Gewährung von Krediten aktiv Giralgeld entstehen zu lassen und damit die Geldmenge insgesamt zu erhöhen."
Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2007, S. 59

Siehe auch  hier.

Das dieser Fakt (die Faehigkeit zur aktiven Geldschoepfung aus dem Nichts) in einem dynamischen System zu einer sich selbstverstaerkenden Rueckkopplung und damit zu Instabilitaet fuehren kann, ist Neoklassikern, wie Krugman, vollkommen fremd. Sie wollen oder koennen es nicht verstehen. Krugman schreibt in seiner Antwort auf Keen:
"Keen then goes on to assert that lending is, by definition (at least as I understand it), an addition to aggregate demand. I guess I don’t get that at all."

Allerdings haben Mitarbeiter der Bank for International Settlements und der Bank of Thailand schon eine etwas fortschrittlichere Sicht und kommen in einem aktuellen Aufsatz ( 7 ) zu dem Schluss:

"Analytically,  this  paper  is  a  plea  for  a  more  systematic  inclusion  of  monetary  and  financial factors  in  current  macroeconomic  paradigms.  The  distinguishing  characteristic  of  our economies is that they are monetary economies, in which credit creation plays a fundamental role.  The  financial  system  can  endogenously  generate  financing  means,  regardless  of  the underlying real resources backing them. In other words, the system is highly elastic. And this elasticity can also result in the volume of financing expanding in ways that are disconnected from the underlying productive capacity of the economy. In macroeconomic models, the role of money and credit should be essential, not ancillary. This calls for a revival of an old and highly respected tradition in macroeconomics – one which, sadly, has been largely neglected in the current prevailing paradigm."
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Was mich weiterhin ausserordentlich freut, ist, dass das neoklassische Gedankengebaeude inzwischen auch an einer anderen, meiner Meinung nach ebenfalls vollkommen unhaltbaren Stelle, in Frage gestellt und angegriffen wird ( 3 ). Ich hatte schon mehrfach darauf hingewiesen, dass bei der Betrachtung des System Wirtschaft aus der Perspektive der Theorie komplexer dynamischer Systeme, die Frage nach der Ergodizitaet des Systems auftaucht ( 4 ). Sie ist meiner Meinung nach nicht gegeben, da das System Wirtschaft aus kreativen, lebendigen und sterblichen Menschen besteht und so nicht mit Vorstellungen und Methoden beschrieben und erfasst werden kann, die aus einer "Dampfmaschinen Physik" des 19. Jahrhunderts stammen.
Wer nun glaubt meine Freude ueber die aufflammenden Diskussionen bezueglich der bisher kaum hinterfragten aber unterstellten Ergodizitaet des Systems Wirtschaft und die Bewunderung fuer Steve Keens Herangehensweise seien ein Widerspruch, irrt sich. Ich denke, um ein tieferes Verstaendniss fuer ein komplexes System, wie Wirtschaft es nun einmal ist, zu erarbeiten, muessen verschiedene Perspektiven und Methoden heran gezogen werden. Dazu gehoeren auch Betrachtungen, die nicht in einem stringenten mathematischen Modell gefasst werden koennen. Denn oft sind es gerade diese Ueberlegungen und Sichtweisen, die erst eine angemessene Annaeherung ermoeglichen. Beispielhaft moechte ich da die evolutorische Sichtweise hervorheben, die anhand eines Lebenszyklus ein tieferes Verstaendnis der Entwicklung z.B. von Maerkten und Wettbewerb ermoeglicht ( 8 ).  Es ist eine Vielfallt von Perspektiven und Methoden notwendig, um ein einigermassen zutreffendes Bild zu entwerfen. Insbesondere dann, wenn verheerende Katastrophen wie Asien Krise, Dotcom Krise und die nun seit fast fuenf Jahren anhaltende grosse Finanz- und Schuldenkrise sich beginnen aneinander zu reihen, wie die Perlen einer Kette und die etablierte, neoklassische Sicht keine befriedigenden Antworten auf die Frage nach den Ursachen liefert. Ich fuer meinen Teil, bin zu dem Schluss gekommen, dass es im wesentlichen drei Ursachen sind, die zu einem sich gegenseitig katalytisch verstaerkenden Buendel miteinander verschraenkt sind und der Entstehung und verheerenden Entwicklung dieser Krisen innewohnen.
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1. Massive und stetige Konzentrationsprozesse auf allen Ebenen (Fettaugensyndrom)
multi agent simulation of an non ergodic accumulation process ( )
2. Kontinuierliche Produktivitaetsfortschritte, die erheblichen deflationaeren Druck erzeugen und gut bezahlte Arbeit zunehmend verdraengen.
static and dynamic simulation of a tipping point model ( 6 )
3. Massive Kreditexpansion um die aus 1 und 2 resultierenden Probleme zu uebertuenchen, bis weit uber den Punkt hinaus, an dem das System kippt.
dynamic system simulation a la Steve Keen including endogenous money creation

Sapere Aude!

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