Mittwoch, 18. April 2012

Was die Entwicklung der Target2 Salden wirklich offenlegt

Zunaechst muss man verstehen was das Target2 System ist, wozu es dient und wie es funktioniert. Das Target2 System ist ein System zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs fuer Grossbetraege zwischen Banken innerhalb der europaeischen Waehrungsunion ueber Landesgrenzen hinweg. Um das Kontrahentenrisiko auszuschliessen, laufen diese Zahlungen ueber die nationalen Zentralbanken und die EZB. Dies geschieht wie folgt.
Ein Kund A bei Bank A in Land A moechte an einen Handelspartner B bei Bank B in Land B einen Grossbetrag "ueberweisen". Dazu wird ein Guthaben des Kunden A bei Bank A auf deren Passivseite geloescht und durch ein entsprechendes Guthaben der Zentralbank A ersetzt. Gleichzeitig wird bei Bank B fuer Kunden B ein Guthaben in gleicher Hoehe auf der Passivseite der Bank B gutgeschrieben und Bank B erhaelt dafuer eine Forderung gegen die Zentralbank B. (Um 0 Uhr werden die Forderung der Zentralbank A gegen Bank A und die entsprechende Verbindlichkeit der Zentralbank B gegenueber Bank B an die EZB weitergereicht.) Es wird also Zentralbankgeld in Hoehe der "Ueberweisung" geschoepft. Es handelt sich um eine passive Geldschoepfung der Zentralbanken, da die Initiative dazu nicht bei ihr liegt, sondern diese durch die "Ueberweisung" ausgeloest wird. Die Bilanz der Bank  A verkuerzt sich nicht! und die der Bank in B verlaengert sich um den "ueberwiesenen"  Betrag in Form eines Guthabens von Kunde B und eine entsprechende Forderung gegen die Zentralbank. Wichtig ist, das eine Forderung gegen die Zentralbank als die sicherste Forderung gilt, da eine Zentralbank dank unbegrenzter Kapazitaet zur Geldschoepfung nicht Pleite gehen kann. Wenn am gleichen Tag ein Vorgang in gleicher Hoehe in umgekehrter Richtung ablaeuft, werden die Target2 Salden der Zentralbanken zu Null, denn die Zahlungsstroeme sind ausgeglichen. Nur wenn ueber laengere Zeitraeume unidirektionale Zahlungsstromueberhaenge, also Zahlungsstroeme ohne ausgleichende Zahlungsstroeme in entgegensetzter Richtung stattfinden, koennen stetig anwachsende Target2 Salden entstehen. Dies ist z.B. der Fall, wenn langanhaltende Leistungsbilanzdefizite aufgrund stark unterschiedlicher Leistungsfaehigkeit der beteiligten Volkswirtschaften entstehen. D.h. wenn z.B. in A immer nur Ware gekauft/Geld "ueberwiesen"  wird und in B immer nur Ware geliefert und Geld als Bezahlung entgegengenommen wird.  Weiterhin koennen Target2 Salden Ausdruck einer Kapitalflucht sein, bei der Guthaben in A aufgeloest und nach B transferiert werden. Die Entstehung von Target Salden bei Leistungsbilanzdefiziten kann aber eliminiert werden, wenn von B aus nicht nur Waren nach A geliefert werden sondern auch Kredite, die die Bezahlung der Waren ermoeglichen. Dann entsteht ganz unauffaellig ein sich kumulierendes Defizit, das sich ausschliesslich in den Buechern der Geschaeftsbanken in B in Form von Forderungen gegen Kreditnehmer in A niederschlaegt. Wenn diese z.B. "risikolose" Staatsanleihen des Landes A sind und Land A damit seine Leute und seine Infrastrukturmassnahmen bezahlt und diese die Waren fuer ihren Konsum bzw. die Infrastrukturprojekte in B einkaufen, dann erlebt B einen Export Boom, die Banker in B einen Boni Boom und im Land A findet ein kreditfinanziertes "Wirtschaftswunder" statt. Leider ist dieses "Wirtschaftswunder" nicht selbsttragend, da die realwirtschaftliche Entwicklung in A gegen die bereits bestens etablierte und aus Ueberkapazitaeten liefernde Realwirtschaft in B keine Chance hat. Insbesondere dann nicht, wenn in B die Realloehne stagnieren und in A die Realloehne dank "Wirtschaftswunder" steigen, was der Wettbewerbsfaehigkeit der Unternehmen in A direkt zuwider laeuft.
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Die folgenden Grafiken belegen exakt diese Entwicklungen.



 Seit der Euroeinfuehrung bis 2002/2003 entwickelt sich der Output der indutriellen Produktion in Deutschland und in den Suedstaaten relativ homogen/parallel. Doch mit dem Beginn der Umsetzung der Agenda 2010 in Deutschland und einer gleichzeitig einsetztenden relativ staerkeren Kreditexpansion deutscher Geschaeftsbanken entsteht eine deutliche Divergenz. Trotzdem schlagen die Target Salden nicht aus, weil aus Deutschland nicht nur Waren sondern auch Kredite zur Bezahlung dieser Waren exportiert werden. Die Geldstroeme gleichen sich aus. Die Target Salden bleiben unauffaellig. Dies aendert sich schlagartig in 2007, wenn offenbar wird, dass die europaeischen Banker, allen voran die deutschen, in ihrer Inkompetenz einem gigantischen Betrug  aufgesessen sind, der an der in den USA und dort an der Wall Street und in Washington seinen Ursprung hat. Die gleichen Schlaumeier, die die Besetzung der suedeuropaeischen Maerkte durch deutsche Konzerne in einem "Wirtschaftsblitzkrieg" finanziert haben, beginnen in Panik diese Gelder zurueck zu ziehen, ohne Ruecksicht darauf, dass sie damit den Kreditnehmern jede realistische Chance einer geordneten Rueckzahlung zerstoeren. Gleichzeitig wird die Verantwortung fuer die exesszive Kreditvergabe, dren realwirtschaftliche Konsequenzen sowie fuer die Folgen des panischen Rueckzugs vollkommen zu Unrecht den Kreditnehmern alleine in die Schuhe geschoben.

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Das dabei in Deutschland die in der Bevoelkerung latent vorhandene und weit verbreitete Skepsis gegenueber dem Euro ("Teuro") sowie das nicht weniger verbreitete Vorurteil/Misstrauen gegenueber dem Fleiss und den Faehigkeiten der Suedlaender benutzt wird, um die wirklichen Ursachen der Krise nicht nur zu verschleiern sondern sie direkt den Opfern des deutschen "Wirtschaftsblitzkriegs" in die Schuhe zu schieben, ist eine aehnlich perfide Strategie der tatsaechlich Verantwortlichen  (=deutsche Banker, deutsche Wirtschaftskapitaene und deutsche "Spitzenpolitiker" ueber Parteigrenzen hinweg) wie das Umlenken der Unzufriedenheit der amerikanischen Bevoelkerung in eine  Teebeutelbewegung, die die Verschaerfung der Massnahmen fordert, die die Krise dort erst ermoeglicht und ausgeloest haben. Die Implementierungen dieser Perfidie waere sowohl hier als auch jenseits des Atlantiks ohne willfaehrige Mainstreammedien und sog. "Experten" aka mit blinden Flecken ueberreichlich gesegneten Wirtschaftswissenschaftlern auf beiden seiten des Atlantiks nicht moeglich. Aus dieser Perpektive betrachtet, erscheinen mir die Positionen  und Aussagen, wie sie der Ex BDI Chef Olaf Henkel oder auch ein Herr Reitzle offenbar vertreten,  nur noch als eine fadenscheinige Demagogie, mit der die eigene Verantwortung fuer ein vollkommen verfehltes, letztendlich nur den deutschen 1% dienendes Verhalten verschleiert werden soll.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Ich bedanke mich ganz herzlich bei den Autoren und Betreibern von Querschuesse, die Dank ihrer hervorragenden Aufbereitung von Daten, diese Analyse erst moeglich gemacht haben. Ich empfehle Querschuesse jedem, der von den verwirrenden und verschwurbelten Faktenfargmente der Mainstreammedien , die dort allzu gerne zu einer verschleiernden Tunke verquirlt werden, genug hat. Bei Querschuesse  bekommen Sie die klaren, kurz und knackig dargestellten Fakten, an denen Sie interessiert sind, wenn Sie die Zusammenhaenge und tieferen Ursachen der Krise in ihrem Verlauf verstehen wollen.
P.P.S: Eine sehr umfangreiche Darstellung findet sich hier. Weitere hier. und hier.

Kommentare:

  1. Lebenskünstler11. Juni 2013 um 22:48

    Ich will nicht kleinlich sein, aber mir scheint im Text ein kleiner Fehler zu sein.

    "Dazu wird ein Guthaben des Kunden A bei Bank A auf deren Passivseite geloescht und durch ein entsprechendes Guthaben der Zentralbank A ersetzt."

    A => Bank A

    (A) => ZB A => Bank A

    "Gleichzeitig wird bei Bank B fuer Kunden B ein Guthaben in gleicher Hoehe auf der Passivseite der Bank B gutgeschrieben und Bank B erhaelt dafuer eine Forderung gegen die Zentralbank B."

    B => Bank B => ZB B => offen (hängt in der Luft)

    "(Um 0 Uhr werden die Forderung der Zentralbank A gegen Bank A und die entsprechende Verbindlichkeit der Zentralbank B gegenueber Bank B an die EZB weitergereicht.)"

    Schlecht formuliert. Es muß der offene Link geschlossen werden:

    B => Bank B => ZB B => ZB A => Bank A

    Die Überweisung ist damit perfekt. Die Kreditkette gegen Bank A wurde erweitert.

    Targetforderung ist ZB B => ZB A

    Die Targetforderung entfällt, wenn Bank B bereit ist, Bank A zu kreditieren. Die EZB als Intermediär fällt dann wieder heraus:

    B => Bank B => Bank A


    "... da eine Zentralbank dank unbegrenzter Kapazitaet zur Geldschoepfung nicht Pleite gehen kann."

    Sie kann nicht zahlungsunfähig werden, aber überschuldet.


    "...beginnen in Panik diese Gelder zurueck zu ziehen..."

    Das funktioniert aber nur, wenn die ZB mitspielt und alle möglichen Dreckspapiere der Banken als Sicherheit akzeptiert. Und das ist ja auch (lt. Prof. Sinn) passiert. Da gab es angeblich Papiere mit einer Laufzeit bis 9999 und Null-Verzinsung, die als Sicherheiten akzeptiert wurden. Es ist ein Mißbrauch der ZB. Das Ausfallsrisiko, das zuvor die GB hatte, wurde auf die ZB abgeladen.

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    1. Hallo Lebenskuenstler,

      vielen Dank fuer die Ergaenzung. Ich stimme mit Ihnen ueberein, wenn Sie schreiben: "Es ist ein Mißbrauch der ZB. Das Ausfallsrisiko, das zuvor die GB hatte, wurde auf die ZB abgeladen."
      Ich moechte an dieser Stelle aber nochmal ganz klar heraus stellen, wo und wann der Vorgang seinen Ursprung hatte. Die Industrie in Land B hat Waren nach A exportiert und entsprechende Rechnungen geschrieben. Die Geschaeftsbanken in B haben gleichzeitig den Geschaeftsbanken in A via Interbankenmarkt Kredite in gleicher Hoehe gewaehrt. Die Zahlung der Rechnung von A nach B hatte daher zu diesem Zeitpunkt keinen Ausschlag der Targetsalden zur Folge, da sich die Zahlungsstroeme aufhoben. Erst wenn der Kredit der GB B an die GB A zurueck gefordert wird, kommt es im Zahlungssystem Target2 zu dem verzoegerten Ausschlag der dem Leistungsbilanzdefizit der urspuenglichen Lieferung entspricht. Wenn das mit Zahlungen fuer weitere laufende Leistungsbilanzdefizite und sogar Kapitalflucht von A nach B zusammentrifft, dann laufen die Banken in A entweder reihenweise ruckzuck trocken oder aber muessen durch ZB Geldschoepfung gegen Stellung von (fragwuerdigen?) Sicherheiten fluessig gehalten werden.
      Mehr Moeglichkeiten gibt es nicht.
      Das kleine Einmaleins der Zahlungsbilanz hilft da weiter. Und beim Prof. Sinn habe ich manchmal den Eindruck, dass er dies nicht immer ganz beherrscht. Ein Netto Leistungsabfluss aus einer Volkswirtschaft B hat immer!!! einen Netto Kapital- = Forderungszufluss in gleicher Hoehe zur Folge. Dieses Kapital muss aber nicht immer das Geld, das im Zuge der Zahlung fliesst sein, sondern kann durch eine weitere Finanztransaktion mit entgegengerichtetem Zahlungsstrom auch zu einer Kreditforderung werden.
      Das Land B hat die Gelder die ihm zur Zahlung der Lieferungen zuflossen sofort zurueckfliessen lassen und dafuer Kreditforderungen in die Buecher der GB in B genommen.
      Es gibt uebrigens noch ein aeusserst interessantes Bild in diesem Zusammenhang, das ich Ihnen nicht vorenthalten moechte:
      http://georgtsapereaude.blogspot.de/2012/09/ein-interessantes-bild.html

      Viele Gruesse
      Georg Trappe

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