Sonntag, 15. April 2012

Was wir von SAP und ORACLE Systemanwendern lernen koennen

In den letzten 20 Jahren ist es in den Unternehmen zunehmend ueblich geworden Geschaeftsablaeufe mit sog. Enterprise Resource Planning  ( ERP ) Systemen zu erfassen und zu steuern. Das reicht von einfachen Lagerverwaltungsprogrammen, die nur Material Zu- und Abgaenge erfassen und so jederzeit einen umfassenden Ueberblick ueber die Lagerbestandssituation und ihre zeitliche Entwicklung geben sollen, bishin zu sehr komplexen Systemen, die den gesamten Material und Arbeitsfluss erfassen und abbilden wollen. Jeder Praktiker wird wissen, dass selbst das ausgefeilteste Programm eine regelmaessige Inventur nicht ueberfluessig macht. Und jeder Praktiker weiss, dass jede Inventur mehr oder weniger grosse Diskrepanzen zwischen System, besser Abbildung im System, und Realitaet aufdeckt und so eine Anpassung des Systemstands an diese Realitaet erzwingt. Es gibt nun verschiedene Wege mit dieser Tatsache umzugehen.
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Der eindeutig duemmste ist, die Mitarbeiter des Unternehmens zu zwingen nur noch Transaktionen vorzunehmen, die das System abbilden kann. Denn damit wird jede Kreativitaet und Innovationsfaehigkeit der Mitarbeiter in Bezug auf die Loesung von alltaeglich im Betriebsablauf auftauchenden Problemen erstickt und das Unternehmen erstarrt in einem Stand, der durch das ERP System und seine Faehigkeiten festgeschrieben ist.
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Eine etwas aufgeklaertere Vorgehensweise erkennt an, dass das System ein Werkzeug ist, das den Menschen als solches dienen soll und passt es fortlaufend an die Dank innovativer Problemloesungskapazitaet der Mitarbeiter sich staendig aendernden Prozesse und Transaktionstypen an. Dies kann sehr leicht dazu fuehren, dass immer mehr Resourcen in die Anpassung des Resource Planning Systems fliessen und so irgendwann der eigentliche Unternehmenszweck in den Hintergrund tritt und aus dem Blick verloren geht.
Es ensteht eine ERP zentrische Technokratie in der das System zum Selbstzweck wird.
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Die dritte und meiner Meinung nach kluegste Art und Weise mit dem Problem umzugehen ist, anzuerkennen, dass das System und das Unternehmen in eine Art Wechselwirkung treten koennen, die das Potential hat, dem urspruenglichen Ziel des Unternehmens direkt entgegen zu stehen. Um ein Abgleiten in diese Fallen zu vermeiden, ist nicht nur eine von Zeit zu Zeit stattfindende Inventur mit Anpassung des Systems an die Realitaet sondern auch eine regelmaessige Erinnerung an die urspruenglichen Ziele und die menschliche und soziale Natur der Unternehmung notwendig.
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Wenn man diese Sichtweise auf die Wirtschaft uebertraegt und das Finanz- und Bankensystem sowie die vorherrschenden Modelle der sog. Wirtschaftswissenschaften als eine Art ERP-System betrachtet, dann wird ueberdeutlich klar, in welche Fallen die Eliten in Wirtschaft und Politik uns damit gefuehrt haben.
Der Neoliberalismus verlangt die Unterwerfung der Menschen unter das System. Er erstickt so Kreativitaet und Innovation. Er verweigert den Abgleich des Systems an eine Realitaet die zunehemend offensichtlich macht, dass die fortschreitende Entwertung von Arbeit und die uebermaessige Bewertung von Kapital und Kapitalverwaltung mit den daraus entstandenen akkumulierten Diskrepanzen nicht laenger aufrecht zu erhalten ist.
Die Protagonisten des Systems verweigern sich der Einsicht, dass ihre Vorstellungen, die sich in Mickey Maus Modellen, Bilanzierungsmethoden und Bankbilanzen manifestieren eine Realitaetsferne erreicht haben, die das urspruengliche Ziel der Unternehmung Wirtschaft, Wohlstand fuer Alle, in das direkte Gegenteil verkehren.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,

    ein gut gewähltes Beispiel und eine schöne Analogie. Man sollte es den jeweiligen Anwendern als Lektüre respektive Beipackzettel zum Produkt-Manual kredenzen.

    Grüße
    SLE

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  2. Vielen Dank. Ein lebendiges Unternehmen hat immer etwas chaotisches, ueberraschendes und unvorhersehbares. Das resultiert aus dem Potential zur Kreativitaet seiner Mitarbeiter. Es gibt nur wenige Menschen in den Fuehrungsetagen, die damit wirklich konstruktiv umgehen koennen. Die meisten sind Stuemper und Angsthasen, die meinen, sie koennten auf Dauer mit den Mitteln struktureller Gewalt, auch in Form von rigiden Anwendungsvorschriften fuer ERP Systemen, ein Unternehmen erfolgreich fuehren. Dabei ist ihre Definition von Erfolg schon eine Stuemperei ohne gleichen. Wer eine Unternehmung oder eine Wirtschaft so fuehrt, das es/sie nur funktioniert, wenn es/sie exponentiell waechst, hat nichts verstanden. Wer Entwicklung mit rein quantitativem Wachstum verwechselt und zur Durchsetzung solch bizarrer Vorstellungen auf den rigiden, unterdrueckenden Einsatz von ERP Systemen, Mickey Maus Modellen etc. zurueck greift, disqualifiziert sich.

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