Freitag, 6. April 2012

Wirtschaft ist ein offenes System!

Die Vorstellung vom geschlossenen Geldkreislauf und die Tautologie der Quantitaetstheorie ist, in der Form, wie sie von den Wirtschaftswissenschaften dargeboten wird, etwas, was dem Verstaendnis der ursaechlichen Probleme der nun seit fast fuenf Jahren andauerenden Krise ein stueckweit im Wege steht. Denn da sind Banken nur eine Durchreichestation, die aus Ersparnissen und Gewinnen, Kredit fuer Investitionen und Konsum machen. Das Bankensystem kann aber die Geldmenge Dank Kapazitaet zur Geldschoepfung per Kreditvergabe unabhaengig von Ersparnissen und Gewinnen erhoehen/verringern ( 1 ). Die Aenderung der Geldmenge, also deltadebt, addiert sich zu Loehnen und Gewinnen und erzeugt so zusaetzliche bzw. bei schrumpfender Geldmenge abnehmende Nachfrage. Dies ist der Fall, weil die Anpassung der Umlaufgeschwindigkeit, die notwendig ist, um die Quantitaetengleichung zu erfuellen, ein dynamischer! Vorgang ist, der nicht! in unendlich kurzer Zeit erfolgen kann. Das ist der Punkt, den Steve Keen u.a. macht. Was Steve Keen aber auch uebersieht, ist, dass das Bankensystem wie eine semipermeable Membrane wirkt, wo sich auf der einen Seite der Bilanz (Passiva) ein Konzentrationsvorgang abspielt und auf der anderen Seite (Aktiva) etwas ganz anderes und so ein massives Konzentrationsgefaelle entsteht, das nicht mehr ausgeglichen werden kann ( 2 ). Diese Diskrepanz der Struktur auf den beiden Seiten der Bankbilanzen ist inzwischen so gross geworden, dass der interne Ausgleichsmechanismus (Eigenkapital der Bank haftet bei Ausfall von Forderungen) nicht mehr funktioniert, weil die Banken dann ausradiert wuerden (too bog to fail). Die systemkonformen “Loesungen” die noch offen bleiben, nachdem zunaechst Staaten mit erhoehter Schuldenaufnahme in die Bresche gesprungen sind und zum Dank dafuer von den "Maerkten" und Ratingagenturen diskreditiert wurden, sind, den Ausgleich durch oeffentliche Institutionen mit “unendlichem Eigenkapital” = Zentralbanken mit unbegrenzter Geldschoepfungskapazitaet vornehmen zu lassen und/oder die Bankbilanzen zu schrumpfen, womit wir wieder bei Steve Keen waeren, denn das letztere bedeutet debtdeflation und Nachfragezusammenbruch und den direkten Weg in die Deflation mit all ihren Folgen, wie sie seit der Weltwirtschaftskrise im vergangenen Jahrhundert bekannt sind und wie er entgegen jeder Vernunft in den sog. PIIGS Staaten in Frm von Austerity Programmen mit bereits verheerenden Folgen beschritten wird. Beides loest aber nicht wirklich das ursaechliche Problem des Konzentrationsgefaelles auf und die inherente Tendenz des Systems Wirtschaft, dieses staendig wachsen zu lassen, wird so auch nicht behoben.
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Der Neoliberalismus und seine vollkommen verfehlte Wirtschaftspolitik hat dieses Problem auf die Spitze getrieben, da staatliche Massnahmen des kontinuierlichen!!! Ausgleichs, die das Konzentrationsgefaelle damit auf einem produktiven bis ertraeglichem Niveau halten, immer mehr zurueck gedraengt wurden. Die Bildung der Fettaugen auf Seiten der Passiva wurde befeuert und die Risiken auf Seiten der Aktiva staendig erhoeht. Und das auf allen Ebenen!  Auf der Ebene der Individuen, durch Abbau von Sozialtransfers und tiefe Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme, auf Ebene der Firmen durch masssive und einseitige Foerderung der Global Player und National Champions und auf der Ebene der Staaten durch Golbalisierung, Abbau von Handelsschranken und Bildung von Waehrungsunionen, in denen schwaechere Volkswirtschaften keine Chance gegen die Exportweltmeister haben. Das inzwischen, die bisher als risikolos geltenden Staatsanleihen, ueber die die Staaten zunehmend versucht haben einen Ausgleich zu finanzieren, von den "Maerkten" und den Ratingagenturen innerhalb kuerzester Zeit in Grund und Boden geschossen wurden, hat das Problem nur verschaerft, in dem auch diese "Loesung" nicht nur verbaut sondern ins Gegenteil verkehrt wurde.
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Und die Tragik ist, dass der zentrale Punkt, wo das Problem nicht nur entsteht, sondern katalytisch verstaerkt wird und sich am deutlichsten manifestiert, naemlich das Bankensystem, nicht nur nicht verstanden ist, sondern garnicht in den Modellen der sog. Wirtschaftswissenschaften annaehernd realistisch abgebildet wird. Weder die dynamischen Eigenschaften des Systems Wirtschaft sind hinreichend verstanden, noch die massiven staendig fortschreitenden Strukturaenderungen auf mikroskopischer Ebene aufgrund der Konzentrationsprozesse mit ihren verheerenden Auswirkungen u.a. in den Bankbilanzen und den daraus resultirenden Folgen auf makroskopischer Ebene. 
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Die Ursache fuer dieses Nichtverstehen ist die absurde aus einer Zeit der Dampfmaschinenphysik des 19. Jahrhunderts  stammende Annahme, Wirtschaft sei ein geschlossens System, das mit einem geschlossenen thermodynamischen System vergleichbar ist und aus sich heraus ueber Kurz oder Lang ein Gleichgewicht anstrebt.
 Das ist aber nicht der Fall! 
Wirtschaft ist ein offenes System, was in eine Umwelt eingebettet ist, mit der es kommuniziert. Siehe auch Benard Experiment.
Energie fliesst in Form menschlicher Arbeit und seit 200 Jahren stark zunehmend auch in Form fossiler Energietraeger in dieses System hinein und Entropie fliesst hinaus. Das ermoeglicht dem System einen Entropieexport und damit eine lokale Entropieverringerung = Entstehung von Strukturen und Hierachien. Dadurch wird auch das verheerende Fettaugensyndrom moeglich. Die Methoden von Boltzman und Co. verlieren dabei ihre Vorhersagekraft und koennen bestenfalls nur mit aeusserster Vorsicht und fuer infinitesimal kleine Zeitraeume eingesetzt werden. Ich bitte daher alle sog. Wirtschaftswissenschaftler, lesen Sie das Buch Dialog mit der Natur von Ilya Prigonine und Isabelle Stengers. Wenn Sie es nicht verstehen, dann lesen Sie es bitte zweimal, dreimal und wenn noetig oefter. Betrachten Sie Menschen und ihre sozialen Systeme als einen Bestandteil von Natur oder als in Natur eingebettet. Als etwas das lebendig  ist. Aber bitte hoeren Sie endlich auf, die Koepfe der Menschen mit einer asozialen Lehre zu verpesten, die nicht nur offensichtlich falsch ist, sondern inzwischen die Menschheit und ihr soziales! System Wirtschaft an den Abgrund gefuehrt hat.

Sapere Aude!

Georg Trappe

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