Donnerstag, 3. Mai 2012

Das Fettaugensyndrom aus der Sicht der Banken

In meinem Artikel "Das Fettaugensyndrom" habe ich den Lesern eine Computersimulation vorgestellt, die die stetig ansteigende Konzentration von Vermoegen inkl. Geldvermoegen modellhaft nachvollzieht und ansatzweise die destabilisierende Wirkung auf das Bankensystem verdeutlicht.
Diese Simulation basiert auf einem Modell, das an der Universitaet von Minnesota, USA von einer Forschergruppe entwickelt wurde. Die Veroeffentlichung, die die mathematischen Grundlagen des Modells enthaelt finden sie hier (1). Die Veroeffentlichung spricht von Entrepreneurs, also Unternehmern, die versuchen ihr Kapital zu vermehren. 
Ich betrachte aber jeden wirtschaftlich aktiven Menschen, der

1.) das Potential hat Ueberschuesse, also mehr als er verbraucht, zu erwirtschaften.
2.) bestrebt ist, diese Ueberschuesse so einzusetzen, also zu reinvestieren, dass eine Produktivitaetssteigerung entsteht, die ihm ermoeglicht eine wirtschaftliche Entwicklung zum "Besseren" zu betreiben.
3.) ueber Zeit und im Vergleich zu anderen dabei wechselnd erfolgreich ist.
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Ich denke das sind vertretbare Annahmen, auf die das Modell bzw. die Computersimulation aufbaut.  Das erstaunliche ist, das dieser Annahmensatz alleine ausreicht, um die Entstehung von massiven Vermoegenskonzentrationen ueber Zeit zu erzeugen. Die staendige und konsequente Anwendung der "Erfolgsformel": Reinvestition von Ersparnissen und Gewinnen erzeugt zwangslaeufig diese zunehmende Konzentration der Vermoegen in den Haenden weniger, wenn die individuellen Erfolge zeitlich und im Vergleich zu den Mitmenschen zufaellig um einen Mittelwert schwanken.
Dies bildet sich natuerlich auch in der Verteilung der Geldvermoegen und damit in den Bankbilanzen ab. Die folgenden Bilder sollen das illustrieren. Wir gehen dabei zunaechst von einer Gleichverteilung aus. D.h. die Bank gewaehrt allen wirtschaftlich Aktiven einen gleich hohen Kredit, in dem sie in ihrer Bilanz fuer jeden zwei gleich grosse Eintraege vornimmt. Zum einen die Forderung der Bank gegen den Kreditnehmer auf der Aktivseite der Bilanz und dann den gleich grossen Betrag als Guthaben des Kreditnehmers auf seinem Girokonto, ueber das er nun verfuegen kann und mit dem er wirtschaftlich taetig wird, auf der Passivseite der Bilanz.

Ohne weitere Komplikationen wie Zinsen, Bilanzerweiterung durch zusaetzliche Kredite etc.
entsteht nach einer gewissen Zeit daraus folgendes Bild.


Da die Banken ihre Bilanzen immer ausgeglichen halten muessen, entsteht fuer sie das Problem das einige wenige Kunden gigantische Einlagen bei ihnen haben denen kaum Schulden gegenueberstehen und immer mehr Kunden Schulden haben deren Bedienung staendig aussichtsloser wird, da ihre Manoeveriermasse = liquides Geldvermoegen immer geringer wird. Der gedachte Mechanismus um das im Ernstfall, also einem Kreditausfall auszugleichen ist das haftende Eigenkapital, das bei solchen Kreditausfaellen ueber die GuV in Anspruch genommen wird. Das reicht aber in keinem Fall bei einem derartig progressiven Problem. Denn im obigen Schaubild wuerde der Ausfall des Kredits des Kunden #1 schon nahezu das gesamte Eigenkapital verzehren, wenn die hinterlegte Sicherheit nichts oder nur wenig bringt. Das Fettaugensyndrom wird also ueber Zeit zu einem lebensbedrohendem Problem fuer die Banken, da ein Ausgleich der beiden Seiten der Bilanz mit der Zeit immer unmoeglicher wird.  Daher die ganzen ungeeigneten Versuche der Banken das fuer sie toedliche Problem zu “loesen” und dabei noch Geld zu verdienen.

1. Wachstum, Kreditexpansion, Bilanzverlaengerung: Dann wird der Teich auf dem die Fettaugen schwimmen zwar immer groesser und es haben auch wieder kleinere Platz, aber diese werden unweigerlich von den grossen ueber Zeit gefressen. Also Kreditexpansion naehrt letztendlich die Fettaugen und macht das Problem nur groesser. Gleichzeitig induziert es die dynamischen Probleme die Steve Keen erklaert. Das sieht dann so aus:


2. CDS. Kreditausfallversicherungen sollen das Risiko gleichmaessiger verteilen. Es landet dann bei AIG, dem Versicherungsfettauge und schon war aus die Maus, oder bei anderen Banken, die genau das gleiche Problem haben. Keine gute sondern eine aeusserst dumme Idee.

3. Verbriefung und Buchstabensuppe. Das ist “Die Loesung”. Da werden also die vielen wacklig werdenden Kredite, also die Risiken in der Bilanz en gros an sog. FMKG (Finanzmantelkapitalgesellschaften) verkauft, die diese dann “strukturieren” und als sog. strukturierte Finanzprodukte z.B. Zertifikate verkaufen. Das sind Anleihen, die mit einem hoeheren Zins locken aber durch ein Buendel von Konditionen, also mit einer Wahrscheinlichkeit groesser Null auch total ausfallen koennen. Diese Wahrscheinlichkeit wird von diesen FMKGs so eingestellt, dass sie hoeher ist als die tatsaechlich Ausfallwahrscheinlichkeit des unterliegenden Kreditbuendels. Dieses Zeug wird dann Kunden verkauft, die keine oder nur relativ geringe Schulden haben aber uebergrosse Guthaben verfuegen. Und schon ist das Fettaugenproblem aus Sicht der Banken zumindest ein stueckweit geloest und sie hat noch daran verdient. Denn wenn die unterliegenden Kredite durchhalten und nicht ausfallen, dann bekommt der Zertifikatekunde schlimmstenfalls seine hoeheren Zinsen und sein Kapital zurueck, aber es bleibt immer noch was fuer die Bank haengen. Da die Konditionen dieser Zertifikate so sind, das sie wahrscheinlicher ausfallen als das unterlegte Kreditbuendel ist das Risiko des Ausfalls fuer die Bank (Kreditbuendel faellt aus, Zertifikat laeuft durch, da Ausfallkonditionen nicht gerissen werden) auf jeden Fall geringer als es ohne diese Zertifikate waere. Das grenzt dann schon an dem was man Betrug nennt.
Ein Beispiel ist hier ganz ausgezeichnet recherchiert.
Im grossen Stil sind auf diese Art des sog. Risikomanagements bzw. der Risikoentsorgung die europaeischen Banken  herein gefallen als sie den triple A rated CDO, ABS Buchstabensuppe Schrott von ihren Wall Street Kollegen in Unmengen gekauft haben. Siehe auch:
http://diebankensinddiedummen.blogspot.com/2012/04/gedanken-zum-ursprung-der-krise.html

4. Bad Banks. Das sind Banken, die man gerne verstaatlicht oder direkt vom Staat gruenden laesst, um dort die wackligen Forderungen einem staatlichen Eigenkapital gegenueber zu stellen.
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Sie sehen also, das Fettaugensyndrom, wie ich die staendig fortschreitenden Konzentrationsprozesse bei den individuellen Vermoegen inkl. Geldvermoegen, aber auch bei Firmen und Staaten genannt habe, fuehrt zu einer Instabilitaet durch Ungleichheit, die meiner Meinung nach zusaetzlich zu Steve Keens dynamischer Instabilitaet via Geldschoepfung und Asset Price Inflation wirkt und so auch das "merkwuerdige" Verhalten der Banken und die Entstehung ihrer sog. Finanzinnovationen erklaert. Das diese eine Verbesserung des bankinternen Ausgleichmechanismus bei Kreditausfaellen (Haftung des Eigenkapitals) durch hoehere Eigenkapitalanforderungen inzwischen erfolgreich bekaempfen, ist nur ein Beweis mehr dafuer, dass die Finanzoligarchie den Staaten inzwischen auf der Nase rum tanzt un die leaglisierte Korruption aka Lobbyismus ganze Arbeit leistet.

Sapere Aude!

Georg Trappe

(1) Fargione JE, Lehman C, Polasky S (2011) Entrepreneurs, Chance, and the Deterministic Concentration of Wealth. PLoS ONE 6(7): e20728. doi:10.1371/journal.pone.0020728

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