Samstag, 9. Juni 2012

Ueberraschte "Experten"

"Die Zeit der Rekorde bei den deutschen Exporten ist vorbei: Erstmals seit Monaten gingen im April die Ausfuhren zurück. Auch die Importe entwickelten sich schlechter als von Experten erwartet - und die Wirtschaft muss in den kommenden Monaten weitere Rückschläge fürchten."
schreibt die Sueddeutsche in ihrem Wirtschaftsteil. Weiter heisst es:
"Auch die deutschen Importe gingen im April überraschend um 4,8 Prozent zurück. Das war der stärkste Rückgang seit zwei Jahren. Analysten hatten mit stabilen Einfuhren gerechnet." (1)
Wie bei solchen Meldungen ueblich, werden keine Namen der sog. "ueberraschten Experten" aka Analysten genannt. Waere das der Fall, dann waere es in den vergangenen fuenf Jahren moeglicherweise zu Lernerfolgen und Qualitaetsverbesserungen durch Selektion in diesem Bereich gekommen, die sich in einem exponentiellen Prozess der Annaeherung (aka Lernkurve) an realistischere Erwartungen und Prognosen geaeussert haetten. So aber bleiben die sog. Experten und Analysten anonym und koennen im Schutze dieser Anonymitaet mit der ihnen eigenen Verbohrtheit weiter Erwartungen, Prognosen und Politikempfehlungen in die Welt setzen, die inzwischen vorhersehbar, "vollkommen ueberraschend" in die katastrophale  Irre fuehren.
Ursache fuer dieses lernresistente Verhalten ist die Abwesenheit von Feedback. Diese Experten und Analysten erfahren keine Konsequenzen, die sie zu einer Verbesserung ihrer Arbeitsergebnisse motivieren. Im Gegenteil, sie scheinen im Dienst derjenigen zu stehen, die durch diesen inzwischen mehr als offensichtlichen Zustand der Unfaehigkeit auf Kosten der Allgemeinheit ausserordentlich profitieren.
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In einem dynamischen System breiten sich Veraenderungen mit endlicher Geschwindigkeit aus.
Die primitivste Form der Darstellung/Modellierung ist der exponentielle Prozess der Annaeherung eines Systems erster Ordnung, der den durch eine ploetzliche Veraenderung ausgeloesten Uebergang vom Ausgangszustand zum neuen Zustand wie folgt beschreibt:



In einem System zweiter Ordnung stellt sich die Sache aber schon deutlich differenzierter/komplexer dar:
Denn da kann es abhaengig von der Daempfung des Systems zu Schwingungen kommen. D.h. auf das System Wirtschaft uebertragen, ein Nachfragesprung kann eine Reihe von Auf- und Abschwuengen generieren und das funktioniert in beide Richtungen und nicht nur, wie in den obigen Diagrammen dargestellt, bei einem Sprung in die positive Richtung. So gesehen, ist es also keine Ueberaschung, wenn es nach einem Schock zu Oszillationen kommt.



Quelle: Yahoo Finance
Vielmehr ueberrascht die Ignoranz, Lernunfaehigkeit und Verbohrtheit, die bevorzugt und besonders ausgepraegt in den hoechsten Kreisen der Wirtschafts- und Politikeliten zu herrschen scheint ( 2 ) . Denn selbst wenn man ein Anhaenger einer in Bezug auf Wirtschaft fragwuerdigen Gleichgewichtstheorie ist, sollte man im Jahr 2012 nach!!!! Chr. in der Lage sein, die Grundlagen der Theorie dynamischer Systeme ( 3 ) in ihrer Bedeutung zumindest soweit zu verstehen, das man erkennt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann ein durch massive prozyklische Sparmassnahmen ausgeloester Nachfragezusammenbruch in Griechenland, Portugal, Spanien etc. seine Wirkung auch beim Exportweltmeister Deutschland entfaltet .

Sapere Aude!

Georg Trappe

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