Sonntag, 23. September 2012

Ist die Kanzlerin unfaehig?

Die Stellungnahme der Kanzlerin in der Diskussuion um den vierten Armuts- und Reichtumsbericht zwingt mir die Frage auf, ob die Regierungschefin und ihre Gefolgschaft unfaehig oder unwillens sind, die tieferen Ursachen der Krise zu verstehen?
Mir draengt sich inzwischen der Eindruck auf, das sie es nicht verstehen wollen.
Denn Frau Merkel argumentiert unredlich. Die Aussage, dass die wohlhabendsten 10 Prozent  55 Prozent der Steuereinnahmen generieren würden, ist grob falsch! Sie stimmt nur fuer die Einkommenssteuern, die aber nur etwa 30% des Gesamtsteueraufkommens darstellen. Der "Rest" sind ueberwiegend Verbrauchssteuern. Wenn Sie in die Simulation des Fettaugensyndroms gehen und dort den Akteuren einen fixen Betrag (z.B. fuer den Verbrauch) von den erzielten Gewinnen abziehen, dann steigt der Theilindex = die Ungleichheit umso schneller, je hoeher dieser Fixbetrag ist. D.h. Steuern auf den Verbrauch verschaerfen das ursaechliche Problem.
Wenn jemand ganz offensichtlich aus ideologischen Gruenden nicht verstehen will, dann nuetzen noch soviele Fakten, Berichte und Erklaerungsversuche nichts. Dann ist jede intellektuelle Anstrengung in diese Richtung umsonst.
Was man Frau Merkel aber in diesem Fall zu Gute halten muss, ist, dass sie es an dieser Stelle ganz offensichtlich werden laesst, dass die Demokratie in Deutschland zunehmend zu einer Plutokratie verkommt, in der nicht nur die existenziellen Interessen einer Mehrheit rigoros dem Fetisch einer Minderheit untergeordnet werden, sondern so auch der Fortbestand des demokratischen Staates in Gefahr gebracht wird und zwar von der gewaehlten Regierung. Damit ist es an der Zeit an Artikel 20 des Grundgesetzes und das darin verankerte Grundrecht zum Widerstand zu erinnern.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Nachtrag 24.09.2012:
Leider kenne ich keine Statistik ueber die Verbrauchsquote, in der nach Einkommen aufgeschluesselt ist, wie hoch der Anteil des Einkommens ist, der in den Verbrauch geht. Ersatzweise kann man die Sparquote betrachten, da in erster Naeherung die 
Verbrauchsquote = 1 - Sparquote
 ist. Leider enden die mir zugaenglichen Statistiken bei 18000 Euro pro Monat verfuegbarem Einkommen. Damit ist mal wieder der interessantere Teil der Geschichte unsichtbar. Denn wir erinnern uns. Herr Zetsche, CEO der Daimler AG, der ja nur die Dreckarbeit fuer die Eigentuemer macht, bezieht einen Lohn von 1000 Euro/Std. wenn man annimmt, er arbeitet 24h am Tag und 365 Tage im Jahr. Trotzdem ergibt die Betrachtung der Sparquote ein erklaerendes Bild, wenn man es denn verstehen moechte, warum Verbrauchssteuern zu einer beschleunigten Konzentration von Vermoegen fuehren.

Kommentare:

  1. Sehr schöne Graphik. Dies entspricht exakt der phänomenologischen, schematischen Erklärung des Fettaugensyndroms durch Prof. Bernd Senf, nur dass wir hier endlich mal tatsächliche Daten haben.

    Die unteren Einkommensgruppen haben sogar negative Sparquoten, d.h. sie lösen ihr Vermögen auf oder machen eher noch Schulden um zu konsumieren. Diese Einkommensgruppen zahlen dann realtiv zu ihrem Einkommen überproportional "Zins" in sogar dreifacher(!) Hinsicht:

    1.) Mit den Vebrauchsteuern werden die Staatschulden finanziert,

    2.) mit dem erworbenen Produkt werden die Unternehmensschulden finanziert und

    3.) müssen schließlich noch die eigenen, privaten Schulden finanzier werden.

    Das sind die drei wichtigen Wege, wie das System das Geld über den Zins von "Fleißig" nach "Reich" transferiert.



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  2. Das ist so! Ich stimme zu.
    Leider ist der Prof. Bernd Senf mit einer "esoterischen Aura" umgeben, die Ihn und seine Aussagen fuer Viele unzugaenglich machen.
    Man muss also den sachlichen Kern heraus schaelen, um ihn fuer die zugaenglich zu machen, die das nicht selber leisten koennen.
    Desweiteren moechte ich ausdruecklich darauf hinweisen, dass nicht nur die Geldsphaere vom Fettaugensyndrom betroffen ist. Die Konzentrationsprozesse in der Realsphaere der Wirtschaft und die daraus resultierenden Erstarrungen, Innovationshemmungen und weiteren dramatischen Verschlechterungen der qualitativen Entwicklung der Wirtschaft werden genauso ignoriert.
    Ihre Veranschaulichung des Transfers von "Fleissig" nach "Reich" bringt es auf den Punkt.

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  3. Und hier noch ein Interview mit Prof. Bernd Senf.
    http://www.cashkurs.com/Detailansicht.80.0.html?&cHash=71ffeab992&tx_t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]=2466

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  4. Tja, es ist manchmal verhext:

    Da hat Bernd Senf zu einem sehr frühen Zeitpunkt, als noch keine Krise sichtbar war, das Grundproblem als einer der wenigen richtig analysiert und erkannt und die Krise vorhergesagt, gleichzeitig hat er eine zweite, esoterische Seite, die so überhaupt nicht zu seinem analytischen, wissenschaftlichen Denkweise passt und auch mir die Haare zu Berge stehen lässt.

    So haben die traditionellen Ökonomen natürlich ein leichtes Spiel, ihn als "Spinner" hinzustellen. Ist er aber nicht, zumindest was das Verständnis des Geldes und der Krise betrifft nicht.

    Seine Lösung des Schwundgeldes/Freigeldes ist aus meiner Sicht aber graue Theorie und funktioniert in einer Welt voller Eigentum nicht. Seine Forderung, den Banken die Geldschöpfung zu entreißen, ist hingegen einfach nur richtig. Auch dass der Staat die notwenigen Mittel über eine unabhängige vierte Gewalt, der Monetativen, schuld- und zinsfrei aus dem Nichts schaffen soll, wäre eine ausgezeichnete Idee, wenn man die Unabhängigkeit der Monetativen sicherstellen könnte. Das funktioniert aber weder bei der EZB noch bei der FED, warum also soll dies ausgerechnet bei einer Monetativen funktionieren. Wenn es "ernst" wird, wahrscheinlich aber bereits viel früher, würde die Monetative missbraucht werden ...




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    1. Entschuldigen Sie bitte, dass dieser Kommentar 2 Tage nicht freigeschaltet wurde. Das hat nichts mit seinem Inhalt zu tun, dem ich in weiten Teilen zustimme, sondern mit meiner bewusst gewaehlten "Internetabwesenheit" in den vergangenen Tagen.
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      Das Problem ist eine harte Nuss. Ihre Bedenken in Bezug auf die Alternativen Freigeld und Monetative teile ich. Mir geht es aber zunaechst darum die Diskussion ueber /Suche nach Alternativen ueberhaupt moeglich zu machen. Wuerde ein Bruchteil der Brain Power in diese Suche nach Alternativen investiert, wuerden die Chancen eine zivilisierte und praktikable Loesung zu finden, dramatisch steigen.

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  5. Off topic: Krugman wants your and Querschusse's 'capital flow graphs' (the ones showing German banks lending money to and subsequently taking money out of the GIPSI's)! Might be an idea to translate them into english.

    http://krugman.blogs.nytimes.com/2012/09/27/how-capital-went-into-the-gipsis/#comments

    On topic - not that long ago I thought that people like Merkel and Weidmann were consciously fooling people when they told obvious nonsense. I've changed my view...

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    1. Thanks for the hint towards Krugmans search. I will do an englich version during the upcoming weekend.
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      What changed your mind about Merkel and Weidmann?

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