Donnerstag, 20. September 2012

Zins und Zinseszins Teil 2

Im ersten Teil dieses Aufsatzes habe ich versucht einen bedauerlicherweise weitverbreiteten Fehler in der Argumentation, auch prominenter, Zinskritiker aufzuzeigen. Es ist nicht! so, dass das Geld zur Zahlung der Sollzinsen prinzipiell fehlt, weil es dem System als Ganzes von den Banken vorenthalten wuerde. Vielmehr fliesst es zum groessten Teil den Inhabern von Guthaben in Form von Habenzinsen, dem Bankpersonal in Form von Lohn und zu einem Teil den Bankeigentuemern als Gewinn zu. Allerdings ist es so, dass sich diese Zinszahlungsstroeme  durch das Fettaugensyndrom zunehmend auf Inhaber grosser Guthaben konzentrieren und zwar bei denen, die von einem im Modell hypothetisch angenommenen gleichverteilten Start ausgehend,  gluecklicherweise zu Beginn eine Serie von hohen "Returns on Investment" erzielen konnten. Das wird dann nahezu automatisch ueber Zeit zu einem unschlagbaren Vorteil, der sich nicht nur im Realvermoegen sondern eben auch zunehmend im Geldvermoegen niederschlaegt und von einer immer groesser werdenden Zahl Abgehaengter nicht mehr eingeholt werden kann. Und das fuehrt zur Verunmoeglichung der Schuldentilgung und im Nettoergebnis zur exponentiellen Entwicklung der Bankbilanzsummen und damit der Schulden aber auch der Geldvermoegen.
Zu welcher Groesse diese liquiden Geldvermoegen in der Kontrolle Weniger anschwellen koennen, zeigt der Fall Shell, dessen CFO Simon Henry kuerzlich ankuendigte kurzerhand 15 Mrd. Euro von europaeischen Banken abzuziehen und auf US Banken zu transferieren. Soetwas stellt selbst Grossbanken vor erhebliche Herausforderungen. Insbesondere in schwierigen Zeiten. Denn es zwingt die betroffenen Banken entweder Einlagen in gleicher Hoehe von anderen Kunden, vermutlich US Konkurrenzbanken, einzuwerben oder aber Aktiva in dieser Hoehe an diese zu veraeussern, was bei einem ohnehin schon depremierten Markt die Preise fuer diese weiter drueckt. Ein Albtraum fuer die betroffenen Banken und Grund fuer wachsende Instabilitaet bei diesen. Aber nicht nur die wohlhabenden Grosskunden stellen fuer die Banken ein Stabilitaetsrisiko aufgrund des "Erpressungspotentials" dar, sondern auch das untere Ende der Bonitaetsskala beim Kreditkundenstamm ist dank Fettaugensyndrom ein permanentes und stetig wachsendes Risiko, das zu allen moeglichen "Entsorgungsmassnahmen" bei den Banken fuehrt, die das haftende Eigenkapital vor Verlusten schuetzen sollen. Verbriefungszweckgesellschaften, Absicherungsversuche durch CDS, aufgeweichte Bewertungsregeln bei der Bilanzierung aber auch die Flucht nach vorne durch staendige Ausweitung des Kreditportfolios in neue sog. Wachstumsfelder sind da nur die sichtbar gewordene Spitze des Eisbergs.
D.h. viele Zinskritiker begehen zwar einen Fehler in ihrer Argumentation, wenn es um die Frage geht, warum Schulden nicht zurueckgezahlt werden koennen und warum in Folge Schulden- und Bilanzsummen exponentiell ansteigen, haben aber im Nettoergebnis, also was die Konsequenzen aus diesen Entwicklungen betrifft, vollkommen recht. Von daher ist es sehr befremdlich, wenn dieser Fehler nicht von Bankprofis und Wirtschaftswissenschaftlern, die diesen Effekt in Form von Kunden- und Kontenstatistiken taeglich vor Augen habe bzw. es aufgrund ihrer hoffentlich empirisch fundierten Theorien besser wissen muessten, aufgeklaert wird und so der Eindruck entsteht, dass  man lieber schweigend bzw. abstreitend zusieht, nicht nur wie unliebsame Kritiker sich in einer fehlerhaften Argumentation verstricken, sondern sich so auch das Dickicht und die Intransparenz um die Realitaeten des Bankgeschaefts erhoeht. Und das in einer Zeit, in der im grossen Umfang verloren gegangenes Vertrauen nur durch ein mehr an Transparenz und sorgfaeltige Analyse zurueck gewonnen werden kann.

Saper Aude!

Georg Trappe


P.S.: Vielen Dank an RealTerm fuer die Anregung zu diesem zweiten Teil zum Thema Zins und Zinseszins. Siehe auch hier.

Kommentare:

  1. Das ist so präzise formuliert, dass ich einfach ergänzen "muss":

    In Ihrem stochastischen Fettaugenmodell starten alle mit dem gleichen Vermögen, und das Glück entscheidet, wer zu Beginn des "Spiels" Vorteile hat und deswegen am Ende zu den Milliardären gehört.
    Es ist wie im Monopoly-Spiel, alle starten mit den gleichen Bedingungen und dennoch bricht der Zufall diese Symmetrie, so dass am Ende des Spiels gar einer allein alles besitzt.

    Es ist wichtig für eine mögliche Problemlösung zu erkennen, dass selbst bei identischen Startbedingungen die Akkumulation des Vermögens zwingend folgt.

    In der Realität gibt es einen solchen gleichverteilten Beginn des "Spieles" jedoch nicht.

    Nach einem Reset durch eine Währungsreform sind zwar die Geldvermögen annähernd gleichverteilt (bei Null), das Eigentum an Sachwerten, wie z.B. Produktionsmitteln und Grundstücken, aber keineswegs.

    Selbst nach einem Krieg, in dem zusätzlich zum Geldvermögen auch Sachwerte zerstört werden, gibt es Menschen mit einem Startvorteil, die häufig verbrecherisch oder zumindest illegitim(während des Krieges) erworben wurde.

    Klassische Beispiele hierfür sind die Flicks und Quandts. Einfach nachlesen, wo der Ursprung dieser heute unglaublich großen Vermögen tatsächlich liegt. Ein Startvorteil eben ...

    Noch eine Empfehlung für Interessierte:

    Ein wirklich tiefes Verständnis u.a. für die Problematik "Fettaugensyndrom" hat Nicolas Hofer. Sein absolutes Meistertsück ist meiner Meinung nach folgender 1 1/2-stündiger Vortrag:

    http://www.youtube.com/watch?v=lRhPT2q9oWg

    Fasziniert war ich, als ich erfuhr, dass Elizabeth Magie Phillips bereits im Jahr 1903 scharfsinnig und wohlüberlegt versuchte, den Menschen das Fettaugensyndrom mit spielerischer Leichtigkeit zu erklären. Wir alle kennen Ihr Lehrstück, Sie auch, ganz sicher! - Aber nur wenige haben verstanden oder wissen, dass uns Elizabeth mit ihrem Lehrstück etwas ganz Wichtiges sagen wollte.



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  2. Vielen Dank fuer diese wertvollen Ergaenzungen.

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  3. Ich habe mir inzwischen mal den Vortrag von Nicolas Hofer angesehen. Dieses "Meisterstueck" ist tatsaechlich "wertvoll", denn es zeigt einen jungen Mann, der die Problemursachen zwar klar erkannt hat, aber das Abhaengigkeitsverhaeltnis etabliert durch die von einigen wenigen gesetzten Bedingungen a la TINA nicht verlassen/veraendern zu koennen glaubt. Er hat, wie er selber eingesteht, die Spielregeln nicht gelesen:
    z.B. GG Art 20
    (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
    (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
    (3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
    (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

    Eigentum wird zwar in Art 14 geschuetzt. Aber es laesst sich daraus kein Recht zur Aufhebung der Demokratie ableiten.
    Das scheint ihm entgangen zu sein.

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