Freitag, 2. November 2012

Ist es vorstellbar?

In einer Reihe von Artikeln habe ich Grundlagen zu Prozessen, die zur Entstehung von rechtsschiefen Verteilungen bei Vermoegen (aber auch Firmengroessen etc.) fuehren, zum Thema gemacht ( 1 , 2 ). Dabei hatte ich dargelegt, dass derartige Konzentrationsprozesse Durchschnitt und Median ueber Zeit immer weiter auseinander treiben. Besonders tueckisch wird die Sache aber, wenn man sich vorstellt, dass in einer wirtschaftlichen Aufbauphase Durchschnitt und Median zunaechst parallel ansteigen, um erst spaeter zu divergieren, wobei der Median einen Scheitelpunkt durchlaeuft, um dann in ein Sinkflug ueber zu gehen, waehrend der Durchschnitt, von den Mainstreammedien im Auftrag bejubelt, weiterhin steigt.

x Achse = Zeit, y Achse = Durchschnitt(blau), Median(lila)


Eine derartige Entwicklung, insbesondere dann, wenn sie unerkannt bleibt und/oder verschleiert / ignoriert wird, erklaert meiner Meinung nach sehr weitreichend die eskalierende Symptomatik wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme der Gegenwart. Denn eine Gesellschaft, die zunaechst die Erfahrung macht, dass ein breiter Konsens ueber das Ziel "Wohlstand fuer alle" besteht und auch eine fuer Mehrheiten nachvollziehbare Annaehrung an dieses Ziel erlebt, muss zwangslaeufig ihre Kohaesion und Orientierung verlieren, wenn sich die Sache in ihr Gegenteil verkehrt, indem sich ueber Zeit nicht nur der Konsens ueber das Ziel aufloest, sonern Wohlstand sowie Zugang zu Wohlstand zunehmend zu einem Privileg der Eliten werden.
Wie weit dieser Prozess schon fortgeschritten ist belegen die Zahlen. Das mittlere Reinvermoegen  einer Person von ueber 17 Jahren in Deutschland betrug 2007 15300 Euro. Das durchschnittliche Nettovermoegen betrug im gleichen Jahr 88000 Euro. Wenn dann nicht nur mittlere Vermoegen (also die Vermoegen von Mehrheiten) sinken, sondern auch noch das mittlere Einkommen sinkt, wie es die Zahlen fuer das letzte Jahrzehnt belegen, dann wird es hoffentlich auch fuer meinungsstarke aber faktenschwache Zielbeuger und Konsensbrecher der wirtschaftsliberalen Fraktionen vorstellbar, warum es so nicht weiter gehen kann.

Sapere Aude!

Georg Trappe

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