Mittwoch, 14. November 2012

Koennte es sein?

Koennte es sein, das nach einem harten Reset, sei es nun durch einen WK 2 oder durch eine kommunistische Revoltion, wirtschaftsliberal gepraegte Volkswirtschaften eine Entwicklung durchlaufen, deren Anfangsphasen mit “Wirtschaftswunder” beschrieben werden und deren Endphase sich durch 500% Gesamtverschuldung bezogen auf das BIP auszeichnen (siehe Japan)? Koennte es sein, das parallel zur BIP und Schuldenentwicklung ein wenig beachteter Konzentrationsprozess ablaeuft, der die Sache regelmaessig zum Absturz bringt, weil durch ihn nicht nur ein Schuldenabbau verunmoeglicht wird, sondern auch das Finanzsystem instabil wird und die in einer arbeitsteiligen Wirtschaft notwendige gesellschaftliche Kohaesion soweit aufgeloest wird, dass es unweigerlich wieder zu einem harten Reset kommen muss, wenn die tieferen Ursachen unerkannt bleiben bzw. ignoriert werden? Wenn es so waere, dann waere die Anwendung des immer selben Rezepts , das sich in der Anfangsphase ja durchaus bewaehrt hat, mehr als dumm. Auch die Aufrechterhaltung des staendig gleichen Ziels waere ein Zeichen fuer mangelndes Verstaendnis.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Wachstum ist nur ein Teilaspekt von Entwicklung in Volkswirtschaften. Wird Wachstum zum Gradmesser und Ziel erhoben, dann sind strukturelle Veränderungen in am Anfang ihrer Entwicklung stehenden Volkswirtschaften notwendig und erwünscht, im Zuge der Reifung jedoch mehr und mehr unerwünscht, weil das Erreichte erhalten werden soll.

    Dass "das Erreichte erhalten" in der Zeit zunehmend im Konflikt stehen muss mit "Wachstum" und "struktureller Veränderung" kann nicht auffallen wenn man unterstellt, die Wirtschaft (die Märkte) sei(en) selbstregulierend und Wachstum und Entwicklung seien dasselbe.

    Ignoriert man einmal, dass dieses ideologisch oder paradigmatisch bedingte Erkenntnisproblem nur schwer zu überwinden ist, dann ist entscheidende Frage, wo der Punkt in dieser zeitlichen Entwicklung liegt, an dem der Grad der strukturellen Veränderung ein für die Selbstregulierung kritisch niedriges Niveau erreicht hat, ab dem es nicht mehr möglich ist ihn von außen, d.h. durch Veränderung der Rahmenbedingungen und ggf. Eingriffe, zu erhöhen, ohne gesamtwirtschaftlich kritische Wachstumseinbußen in Kauf nehmen zu müssen.

    Wenn man Märkte und Volkswirtschaften als selbstregulierend sieht, unterstellt man Effizienz und Effektivität. Was dabei herauskommen soll, ist gleichgewichtiges Wachstum.

    Wenn man das nicht unterstellt, dann bedeutet dies, dass Märkte und Volkswirtschaften in der Entwicklung in unterschiedlichem Maße effizient und effektiv sein können. Höchste Effizienz der Prozesse, also das, wonach heute aufgrund des vorherrschenden marktwirtschaftlichen Verständnisses alle streben, geht aber an irgendeinem Punkt der Entwicklung von Märkten und Volkswirtschaften zu Lasten der Effektivität.

    Ich denke, man muss deswegen in der zeitlichen Entwicklung zwischen der Effizienz und der Effektivität von Märkten und Volkswirtschaften stärker unterscheiden, sie gesondert betrachten. Wachstum und das BIP sind als Indikatoren für Effektivität (bzw. als Wohlfahrtsmaß) höchst ungeeignet, weil sie den Grad der "strukturellen Veränderung" von Märkten und Volkswirtschaften nicht erfassen.

    M.E. macht es mehr Sinn, sich an der "ökonomischen Entwicklungsqualität" von Wettbewerbsprozessen zu orientieren, weil Wettbewerb das Regulativ und der Motor von Märkten und Marktentwicklung ist und diese Funktionen je nach Entwicklungsstand und den Gegebenheiten auf Märkten sehr unterschiedlich erfüllt.

    Die Crux ist jedoch, dass das vorherrschende Verständnis von Märkten und Marktwirtschaften unterstellt, Wettbewerb würde diese Funktionen zu jeder historischen Zeit, d.h. unabhängig von der Entwicklung bzw. unabhängig von marktlichen und räumlichen Gegebenheiten, in immer gleicher Weise erfüllen.

    Wenn heute von "Raubtierkapitalismus" die Rede ist, dann deswegen, weil fälschlicherweise davon ausgeangen wird, das Markt- und Wettbewerbsprozesse unabhängig von marktlichen und räumlichen Gegebenheiten sprich von der Entwicklung sind.

    Tatsächlich haben wir nur den Punkt verpasst, an dem es ohne volkswirtschaftlichen Schaden möglich gewesen wäre zu verhindern, dass die Märkte zum Raubtier werden und systemische Instabilität produzieren: durch Förderung struktureller Veränderung auf den Märkten, die diese selbst nicht mehr zu generieren drohten.

    Grüße
    SLE

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    1. Vielen Dank, dass Sie den Unterschied zwischen Effizienz und Effiktivitaet (=Zielerreichungsgrad) an dieser Stelle einbringen. Effizienz, also ein optimiertes Output/Input Verhaeltnis kann alleine niemals ein Ziel sein / oder ein solches ersetzen. Das faellt all denen schwer zu verstehen, die sich darueber definieren, das sie Umsatz minus Kosten dividiert durch den Umsatz maximieren. Und Effiktivitaet setzt voraus, das Ziele existieren. Es gab mal eine Zeit da existierten sowohl Ziele als auch ein Bewusstsein ueber Zielkonflikte und ein Bewusstsein ueber die Bedeutung von gesellschaftlichem Konsens ueber die Ziele. All das wurde nicht nur nicht weiter entwickelt, sondern konsequent Zug um Zug aufgegeben.
      1. Wohlstand fuer Alle, ist kein Thema mehr
      2. Eine ausgeglichene Handelsbilanz, sogar gesetzlich verankert, ist kein Thema mehr,
      3. Ein hoher Beschaeftigungsstand, ist kein Thema mehr
      4. Und Geldwertstabilitaet ist bestenfalls zu einem Instrument geworden, mit dem man sich von den anderen Zielen verabschieden kann. Was bleibt ist ein Wachstumsfetischismus, vermutlich weil irgendeiner mal definiert hat, wenn zwei Quartale keins herrscht, dann nennen wir das Rezession.
      D.h. wir haben es offensichtlich mit einer Fuehrungsmannschaft zu tun, die nicht nur den Unterschied zwischen Effiktivtaet und Effizienz nicht verstanden hat, sondern Ziele, ueber die mal breiter Konsens bestand, mit Fuessen tritt und das ausgesprochen effizient. Der Effekt ist, das der Karren gegen die Wand gesetzt wurde. So eine Fuehrungsmannschaft braucht keiner. Die ist obsolet und hat abgewirtschaftet.
      -
      Wie konnte es dazu kommen?
      Fuehrung durch Zielvereinbarung ist ein sehr maechtiges Instrument. Es stellt sehr hohe Anforderungen sowohl an die Fuehrungskraefte, wie auch an die Mannschaft. Der Kern ist die beiderseitige Bereitschaft und Faehigkeit Ziele auf Augenhoehe miteinander zu verhandeln und zu vereinbaren. Das beinhaltet u.a. auch die Einigung darueber, wie der Zielerreichungsgrad gemessen wird. Wenn man es sich da einfach macht und unueberlegt auf Umsatz und Gewinn (Effizienz) fokusiert, geht die Sache schief. Das liegt daran, das man sehr effizient den groessten Bloedsinn betreiben kann.
      Die Rolle die Wettbewerb dabei spielt erscheint mir zweischneidig. Wenn sich keiner mehr Gedanken ueber die Ziele macht, sondern alle in einen Effizienzwettbewerb eintreten, dann wirkt dieser Wettbewerb eher verstaerkend, zumindest bis zu dem Zeitpunkt wo einer Mehrheit auffaellt, dass da was schief laeuft und es mal wieder Zeit ist nicht nur ueber Ziele die den Namen verdienen zu reden, sondern diese auch zum Masstab fuer Erfolg und Misserfolg zu machen.
      Viele Gruesse
      GT

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  2. Effizienz anzustreben (to do the things right) setzt voraus, dass man den Weg zum Ziel überhaupt kennt und selbstverständlich ist die Zielsetzung in Unternehmen im Sinne von Effektivität (to do the right things) eine gänzlich anders geartete Aufgabe als in der auf die Wirtschaft gerichteten Politik - was heute alle Politiker, die ihr Land wie ein Unternehmen zu führen trachten, vergessen zu haben scheinen.

    Aus der Unternehmensperspektive betrachtet geht es dabei um den Unterschied zwischen "routinised regime" (stabile Umwelt mit wenig Veränderung, typisch für ausgereifte Märkte) und "entrepreneurial regime" (turbulentes Umfeld mit gravierenden Veränderungen, typisch für junge Märkte UND Krisen). Nur in einer stabilen, ausgereiften, sprich bekannten Umwelt mit geringer Veränderung kann man Effizienzziele in den Vordergrund stellen. In turbulenten Umbruch- oder Krisenzeiten geht das nicht. "Best practise" ist dann ein Ausdruck, den man getrost vergessen kann.

    Dieser Unterschied ist auf der volkswirtschaftlichen Ebene ebenfalls relevant, ist dort jedoch - ebenso wie im Management sehr vieler Unternehmen - in Vergessenheit geraten, wie wir seit 2010 am Beispiel der europäischen Schuldenkrise ganz wunderbar erkennen können.

    Die Euro-Retter haben sowohl die richtigen, sprich wirklich relevanten Ziele aus den Augen verloren als auch den Weg dorthin.

    Unter diesen Umständen fortlaufend auf eine verbesserung der "Effizienz" zu setzen, ist ein schlechter und teurer Scherz und erinnert mich immer an einen schönen Spruch meines früheren BWL-Professors, der Planlosigkeit gerne wie folgt zu umschreiben pflegte:

    "Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen."

    Das ist es, was die Euro-Retter (und viele Manager) tun.

    Viele Grüße
    SLE

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  3. Volle Zustimmung! Auf der Unternehmensebene wird jeder halbwegserfahrene Sanierungsmanager, der ein in Schwierigkeiten geratenes Unternehmen wieder auf die Beine bringen soll, eine Ursachenanalyse betreiben und dabei die fundamentale Fallunterscheidung operative Probleme (Effizienz), strategische Probleme (Ziele, Effiktivitaet) auf garkeinen Fall aus dem Auge verlieren. Ihm wird bewusst sein, dass Ansaetze zur Effizienzverbesserung nur dann angebracht sind und Aussicht auf Erfolg haben, wenn die strategische Ausrichtung einigermassen stimmig ist und die Fuehrungsmannschaft sich an der Effektivitaet in Bezug auf diese strategischen Ziele messen laesst. Umsatz und Gewinn sind dann bestenfalls der Lohn aber niemals! das Ziel. Der ganze Principal Agent Ansatz mit Shareholder Value Konzept als Ausfluss krankt an dieser simplen Tatsache. Wenn das dann noch auf die volkswirtschaftliche Ebene uebertragen wird, dann ist wirklich Hopfen und Malz verloren.
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    Und um nochmal auf Ihren ersten Kommentar einzugehen. Auch da sehen wir die Dinge wohl sehr aehnlich. Wenn alles in Schutt und Asche liegt, dann geht es zunaechst darum Strukturen zu errichten, die ein auskoemmliches Wirtschaften ermoeglichen. Wenn diese Strukturen etabliert sind und die Volkswirtschaft quantitativ genuegend produziert, findet man sich vor Entscheidungen wieder. Dann hat man den Luxus der Wahl. Und das ueberfordert meinem Eindruck nach regelmaessig, weil das Verstaendnis fehlt. Dann kommt es zu diesem fatalen Mehr = Besser, was nur Ausdruck der Unfaehigkeit ist, sich fuer etwas anderes zu entscheiden. Und damit wachsen die Strukturen und Hierachien weiter, bis die Sache so unflexibel und kopflastig wird, das notwendige Anpassungsaenderungen an sich aendernde Umgebungsbedingungen unmoeglich werden. Das ist dann der Dinosaurier Effekt.

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