Freitag, 30. November 2012

Warum Wirtschaft kein gleichgewichtsnahes System ist.

Systeme die gleichgewichtsnahe sind und aus sich heraus ein Gleichgewicht anstreben sind aus den Naturwissenschaften hinlänglich bekannt. In der Physik ist es die Thermodynamik, die sich u.a. mit thermischen Ausgleichsvorgängen beschäftigt und die theoretischen Grundlagen dafür liefert. Anschaulicher als ein Vorgang der Waermeleitung ist aber ein analoger Prozess in dem ein Stoff, z.B. ein Tropfen Tinte, in eine Lösung, z.B. ein Glas Wasser diffundiert. Es kommt bei diesem Diffusion genannten Prozess zu einem Ausgleich der anfänglich hohen, lokal begrenzten Farbstoffkonzentration, eines Tintentropfen mit seiner Umgebung, in diesem Beispiel bestehend aus zunächst farblosem Wasser. Nach genügend langer Zeit haben sich die Farbstoffpartikel des Tintentropfens gleichmäßig im gesamten Wasservolumen verteilt, erkennbar durch eine gleichmäßige Trübung. Es herrscht dann ein Gleichgewicht, denn die Konzentration der Farbstoffpartikel ist in allen Wasservolumensegmenten gleich hoch und der Diffusionsprozess hat damit ein Ende gefunden.


Nun behaupte ich, das Wirtschaft nicht! zu den Systemen gehört, die aus sich heraus derartige Gleichgewichte anstreben. Vielmehr deuten Beobachtungen auf das vollkommene Gegenteil hin. Und um meine Behauptung zu ueberpruefen, möchte ich Sie zu einem Experiment einladen. Aus Kostengründen einem Gedankenexperiment.
Wenn ich eine Menschenmenge aufsuche, z.B. auf dem  Stuttgarter Schlossplatz zur Mittagszeit und dort einen Koffer mit einer Million Euro abstelle, also einen lokal hochkonzentrierten Tropfen Geld auf das heiße Pflaster Stuttgarts gebe, um mich dann beobachtend zurück zu ziehen, dann wird alles mögliche passieren aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht etwas, was nur annähernd an den eingangs beschriebenen Diffusionsprozess erinnert. Selbst wenn ich dieses Experiment mit einem Sack Kartoffeln, also einem wirtschaftlichen Gut geringeren Wertes, wiederhole, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich die anfänglich hohe lokale Kartoffelkonzentration am Schlossplatz sich gleichmäßig auf Stuttgart und seine Bevölkerung verteilt. Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit, das der Entdecker des Geldkoffers oder auch des Kartoffelsacks sich zum neuen Eigentümer erklärt und alles daran setzt, das die Konzentration des Funds möglichst hoch und ab jetzt bei ihm bleibt, ist ausgesprochen groß. Von daher erscheint es mir vollkommener Unfug zu sein bei der Betrachtung von wirtschaftlichen Prozessen Gleichgewichtsnaehe bzw. das selbständige Streben nach einem Gleichgewicht zu unterstellen. Das Gegenteil ist der Fall. Die wirtschaftlich tätigen Akteure streben Ungleichgewichte an. Sie wollen sich alle differenzieren. Sowohl über Zeit als auch gegenüber ihrer Umgebung. Sie wollen, das es ihnen und ihren Kindern besser geht als es ihren Eltern zuvor ging und sie wollen, dass es ihnen besser geht als ihre nähere oder fernere Umgebung. Und wenn sich Geld und Güter entlang einem Gradienten ausbreiten, dann ist es meiner Meinung nach eher ein Gradient der Macht, der das wirtschaftliche Zusammenspiel hin zu massiven Güter- und Geldkonzentrationen organisiert. Aber auf keinen Fall ist es ein selbständig ablaufender Ausgleichsprozess.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Wirtschaft ist Krieg im Frieden,erst wird der Konkurrent und der mögliche Konkurrent(Arbeitnehmer) bekämpft und falls das Ziel erreicht und es nichts mehr zu Gewinnen gibt,folgt der Satz: “Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”

    Ja Sie haben recht und meine Hochachtung.

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  2. Vielen Dank. Und leider muss ich Ihnen auch recht geben. Das mit dem Wirtschaft ist Krieg geht sogar soweit, dass Buecher wie "Marketing Warfare" zu Bestsellern werden und neben Clausewitz, "Vom Kriege" oder Tsun Zu "Die Kunst des Krieges" zur Pflichtlektuere auf den Wirtschaftseliteschulen dieser Welt gehoeren. Was man dem entgegensetzen kann ist eine Guerilla Taktik mit dem Namen Wissenschaft in der Hoffnung, dass sich Wissen nicht dem Machtgradienten unterwirft, sondern mit der Zeit in die Koepfe diffundiert.
    »Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.« (Klaus Holzkamp)
    Und gegen den Strom zu schwimmen macht Spass!
    „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Albert Camus)
    In diesem Sinne
    Georg Trappe

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