Montag, 3. Dezember 2012

Diffuse Makrooekonomie der Marke Neoklassik

In einem frueheren Artikel habe ich pointiert darauf hingewiesen, warum ich Wirtschaft nicht fuer ein gleichgewichtsnahes bzw. Gleichgewicht anstrebendes System halte. Heute moechte ich Ihnen eine Erklaerung dafuer anbieten, warum die sog. Wirtschaftswissenschaften in einem offensichtlich sehr fragwuerdigen Gedankengebaeude stagnieren, das bestenfalls nur sehr partielle Einsichten liefert, sich aber in letzter Zeit vor allem durch die Hervorbringung fataler Rezepte und die Unfaehigkeit krisenhafte Entwicklungen vorherzusehen hervor tut.



Wirtschaft ist kein Zweistoffsystem in dem gleichgewichtserzeugende Diffusonsprozesse ablaufen. Wenn man Wirtschaft abstrahieren und ein einigermassen zutreffendes Modell entwickeln will, muss man von Beobachtungen ausgehen und diese analysieren, also zerlegen, um dann die Beziehungszusammenhaenge erkennen zu koennen. Schon hier versagen die sog. Wirtschaftswissenschaften. Denn wenn man schon Analogien aus den Naturwissenschaften heranzieht, dann doch bitte in einer intelligenten Art und Weise, die die Gesamtheit des Systems im Auge behaelt.
Wirtschaft ist auf einer abstrakten Ebene betrachtet ein Mehrstoffsystem aber auf keinen Fall ein schlichtes Zweistoffsystem.
Denn es gibt Geld (M+), es gibt Schulden (M-), es gibt reale Gueter (R), die sich in Verbrauchsgueter (Rk) und Produktionsmittel (Rp) unterteilen, es gibt menschliche Arbeit (A), die mit mindestens einem Parameter Produktivitaet (P) versehen wirkt und es gibt die Zeit (t) sowie den Raum (x,y,z) in denen die wirtschaflichen Akteure (i) agieren und an welche die "Stoffkomponenten" per Eigentum/Vertrag gebunden sind.
Diese Stoffe wirken aufeinander und gehorchen zumindest zum Teil streng determinierten Regeln. So ist das Verhaeltnis von M+ zu M- immer 1:1, wobei die durch Bankensysteme erzeugten Mengen offenbar gegen Unendlich tendieren koennen.
Es gibt Guetermaerkte auf denen Stroeme von M+ Stroemen von R entgegengerichtet sind und es gibt Arbeitsmaerkte, auf denen Stroeme von M+ Stroemen von A entgegengerichtet sind. Es gibt auch Wertpapiermaerkte auf denen Stroeme von M+ Stroemen von M- entgegengerichtet sind und es gibt die Prozesse der Geldschoepfung und der Geldvernichtung=Schuldentilgung in denen sowohl M+ als auch M- entstehen bzw. vernichtet werden(immer im Verhaeltnis 1:1). Es gibt Prozesse, in denen R durch Anwendung von A entsteht und es gibt Prozesse in den R wieder verbraucht/vernichtet wird. Usw. usf.
Bei der Beobachtung von Diffusion in Mehrstoffsystemen stellt man fest, das es dabei sehr verschiedene Arten von Diffusionsvorgaengen gibt. Es gibt die klassische Diffusion entlang eines Konzentrationsgradienten, die in einem Zweistofsystem auf ein Gleichgewicht zu laeuft. Es gibt die osmotische Diffusion und die Diffusionsbarriere. Und es gibt die Reverse (umgekehrte) Diffusion, die Stoffe entgegen einem Konzentrationsgefaelle bewegt, also diese weiter konzentriert. All dies ist z.B. aus der techn. Chemie bekannt und wird dort entsprechend genutzt. Die sog. Wirtschaftswissenschaften stagnieren aber auf einem Stand der dem Dampfmaschinenzeitalter entspricht und behaupten steif und fest, das Betrachtungen an Zweistoffsystemen etwas mit Makrooekonomie zu tun haetten. Wie schon an anderer Stelle gesagt, das ist Unfug. Wenn man makrooekonomische Zusammenhaenge verstehen will, dann muss man sich in das ausgesprochen schwierige Feld der Mehrstoffsysteme mit der Stoffzahl > 2 hineinbewegen und z.B. die darin bestehende Moeglichkeit von Reverse Diffusion anerkennen. Denn die durch Reverse Diffusion ausgeloeste stetig voranschreitende Konzentrationserhoehung von M+ und Rp in den Haenden weniger Akteure (i) ist, wie das Vorhandensein von mehr als zwei Stoffen auch, ueberdeutlich evident. Ich kenne zwei Modelle die auf einem sehr abstrakten Level ohne diese komplexen Mehrstoffsystembetrachtungen auskommen, um die Entstehung von Vermoegenskonzentrationen, die aus meiner Sicht als (mit) krisenursaechlich betrachtet werden muss, aus elementaren oekonomischen Transaktionen heraus erklaeren. Das eine ist das von mir salopp "Fettaugensyndrom" getaufte Modell von Fargione et al., das die Entstehung der Konzentrationsprozesse auf:
1.) Die Faehigkeit der Akteure Ueberschuesse zu generieren.
2.) Der Idee der Akteure, diese Ueberschuesse zur weiteren Produktivitaetserhoehung zu reinvestieren, um sich so einen Weg in eine bessere Zukunft zu erschliessen.
3.) Dem ueber Zeit und Population streuenden Erfolg bei der Umsetzung dieser Idee
zurueckfuehrt.
Und das andere Modell ist ein sog. Generalized Lotka Volterra Raeuber Beute Modell von Sorin Solomon. Dabei halte ich das Modell von Fargione et al.  nicht nur fuer eleganter, sondern auch fuer zutreffender, da es eine stetig steigende Konzentration liefert und sich dabei auf ganz elementare oekonomische Verhaltensweisen stuetzt. Was in der neoklassischen Sichtweise vollkommen fehlt ist eine sinnvolle Verbindung von Mikro und Makro. Da in der neoklassischen Theorie nur mit Aggregaten einiger der vorhandenen Stoffe gearbeitet wird und eine aggregierte Beschreibung der zeitlichen Veraenderung der Konzentration von z.B. Vermoegen (z.B. durch einen Theil Index) nicht vorkommt, kann sie Krisen, die daraus entstehen nicht erklaeren. Sie ist schlichtweg auf eine besonders ignorante Art blind dafuer!
Man kann also durchaus auch von Borniertheit sprechen, wenn angesichts der groessten Krise seit der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts keine Oeffnung der etablierten Sichtweise fuer derart offensichtlich berechtigte Kritik erfolgt.

Sapere Aude!

Georg Trappe


Kommentare:

  1. Hallo Herr Trappe,

    "Man kann also durchaus auch von Borniertheit sprechen, wenn angesichts der groessten Krise seit der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts keine Oeffnung der etablierten Sichtweise fuer derart offensichtlich berechtigte Kritik erfolgt."

    Die andere Erklärung ist offensichtlich, dass die Modelle nicht erklären sondern nur verschleiern sollen.

    Hinter der abstrusen Mathematik der "modernen Ökonomie" steht das Ziel die Realität so gut wie möglich in einem (für die mehrzahl der Menschen) undurchdringlichem Nebel aus Zahlen und Formeln zu verbergen.

    Das Mitspracherecht in der Ökonomie wird jedem untersagt der sich nicht der mathematik der Neoklassik bedient, sei sie noch so oft von Mathematikern als völliger Humbug zerissen worden.

    Tatsächlich macht die mainstream Ökonomie sehr gut wofür sie bezahlt wird. Sie liefert (pseudo-) wissenschaftliche Begründungen warum alles so bleiben muss wie es ist.

    Es soll niemals der Eindruck bestätigt werden, dass die Bereicherung der Wenigen auf Kosten der Vielen die Absicht der Wirtschaftspolitik ist.

    Sollte das dennoch (rein zufällig) geschehen, dann ist das natürlich alternativlos.

    Angebliche Krisen sind dann natürlich ebenfalls reiner Zufall und nicht die Waffen im einseitig geführten Klassenkampf der Reichen gegen die Armen die ie sind.

    Kennen Sie dazu übrigens dieses Zitat von Robert Mundell, neoliberaler Wirtschaftsguru und Architekt des Euro?

    "It's very hard to fire workers in Europe," [Mundell] complained. His answer: the euro.

    The euro would really do its work when crises hit, Mundell explained. Removing a government's control over currency would prevent nasty little elected officials from using Keynesian monetary and fiscal juice to pull a nation out of recession.

    "It puts monetary policy out of the reach of politicians," he said. "[And] without fiscal policy, the only way nations can keep jobs is by the competitive reduction of rules on business."

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jun/26/robert-mundell-evil-genius-euro

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  2. Hallo alien observer,

    ich denke wir sind uns einig. Und wenn man dann noch bedenkt, was Sie sich zum Thema gewaehlt haben, naemlich die Folgen einer exponentiellen Steigerung der Verbrauchsrate (BIP), dann ist Borniertheit eine Verharmlosung, denn kann man wirklich nur noch von blankem Irrsinn reden. Vielen dank auch fuer den Hinweis auf das Mundell Zitat. Wirklich sehr erhellend.

    Viele Gruesse
    GT

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