Donnerstag, 6. Dezember 2012

Kapitalismus ist innovationsfeindlich

Beim Lesen der Ueberschrift werden sich einige sicher Fragen, welches Kraut hat er denn heute geraucht. Denn die Lehrmeinung ist ja das genaue Gegenteil und behauptet ja, dass erst durch den Kapitalismus die grosse Zahl der Innovationen auf die wir so stolz sind moeglich wurde. Ich werde Ihnen mit der nachfolgenden Argumentation beweisen, dass dieser statische Ursachen Wirkungszusammenhang mindestens genauso falsch ist, wie das statische Gedankengebaeude der Neoklassik mit seinen Gleichgewichtstheorien und der daraus entstehenden Ignoranz gegenueber Dynamik und Entwicklung. Zeit spielt eine Rolle und Zeiten aendern sich, auch im Kapitalismus! Wer das uebersieht, uebersieht, dass sich Kapitalismus  aus sich selbstheraus zu einer immer starrer werdenden zentralistischen Veranstaltung wandelt, die den Anforderungen sich wandelnder Umgebungsbedingungen immer weniger gerecht wird. Die anfaengliche Staerke des Kapitalismus wird ueber Zeit zu seiner fatalen Schwaeche.



Als Ausgangspunkt moechte ich zwei aktuelle Artikel der Bangkok Post nehmen, die darauf hinweisen, das zum einen Mercedes Benz seine Absatzprobleme in USA und Europa durch kreditfinanzierte Exporte in Schwellenlaender wie Thailand zu kompensieren sucht, waehrend zum anderen fuehrende Hersteller von Robotertechnologie den hiesigen Fertigungsfirmen einen Weg anbieten die "verheerenden" finanziellen Folgen der bevorstehenden Erhoehung des gesetzlichen Mindestlohns auf 300 THB = 7,50 Euro pro Tag!!! zu mildern (Das ist in etwa das wovon ein Prof. Sinn traeumt).
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Kostensenkungswettlauf auf der einen Seite und Absatzsteigerung durch Finanzierung=Verschuldung auf der anderen Seite zeigen die schizophrene Natur von Wirtschaft auf, die entsteht, wenn man sie zunehmend den Buchhaltern/Bankern und ihrer totalitaeren "Logik" ueberlaesst. Das kann nichts werden, weil so immer groesser werdende, beharrende, investierte Interessen entstehen, die letztendlich jeden Ansatz von Entwicklung, Veraenderung, Verbesserung, Innovation ersticken. Ehemals fuer Innovationskraft bekannte Volkswirtschaften retardieren mit einem auf Kostenwettbewerb/Effizienz fokusierten Tunnelblick so dringend notwendige Innovationen die zur Anpassungen an sich dramatisch veraendernde Umgebungsbedingungen erforderlich sind.
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Meine Vorstellung in Bezug auf Innovationen im Allgemeinen ist, dass es weder an dringenden Problemen, die es zu loesen gilt, noch an Ideen mangelt. Vielmehr wird der Blick systematisch von den wirklich brennenden Problemen weg gelenkt und es werden Ideen zu ihrer Loesung systematisch unterdrueckt. Die Buchhalterlogik (s.o.) kreiert einen mentalen Kurzschluss, der die vorhandene Kreativitaet foermlich ins Leere lenkt, in dem sie Rendite zu erzielen sucht, in dem bevorzugt der Absatz alter Ideen per Verschuldung finanziert wird, um dann angesichts der Schuldentuerme mehr Effizienz bei der Herstellung dieser alten Ideen zu verlangen. Jeder will dann irgendwann nur noch aus dem immer gleichen Mist mehr herauspressen. Das spiralt zwangslaeufig einwaerts und geht nur solange gut, bis irgendwann 99% hoch verschuldet sind und 1% einen irrsinnigen "Reichtum" angehaeuft haben, der nichts Wert ist, weil in diesem "Wettlauf" der Blick dafuer verloren ging, dass da Probleme/Aufgaben entstehen, die geloest/bearbeitet werden wollen und sich zur Katastrophe auswachsen, wenn das unterbleibt. In einer Aufbauphase, wie nach dem 2. WK, erscheint alles moeglich. Da sprueht die Welt regelrecht vor Ideen, die dann auch finanziert werden. Der Kapitalismus blueht und zeigt seine Staerken. In der Spitze werden sogar Menschen zum Mond geschossen und sogar wieder zurueck geholt. Und dann rueckt die Buchhalterlogik mehr und mehr in den Vordergrund, bis sie das Geschehen dominiert, um es per Einwaertsspirale gegen die Wand zu donnern. Denn dann transformiert sich der Kapitalismus zu einer zunehmend zentralistischen Planwirtschaft in der Monopole, enge Oligopole, Banken "too big to fail" und ihre Eigentuemer das alleinige, machtvolle sagen haben. Die Tatsache, das diejenigen, die Eigentuemer der hochkonzentrierten Produktionsmittel (bestehender Technologie) sind, auch riesige Geldvermoegen horten, die sie natuerlich nicht freigeben, um Innovationen zu finanzieren, die ihre Produktionsmittel entwerten wuerden, zwingt Innovatoren zur Schuldenaufnahme bei den  Banken. Da aber die Banken, selber schon hoch konzentriert,  mit ihren Grosskunden/Guthabeninhabern ein gemeinsames Interesse teilen ( 1 , 2 , 3 ), finden innovative Ideen, die diesen Interessen entgegenlaufen und ueber die reine Effizienzsteigerung des bestehenden hinaus gehen keine adaequate Finanzierung. Und selbst wenn Alternativen hoch kommen, werden sie im von Banken organisierten M&A Zirkus spaetestens dann absorbiert, wenn sie anfangen den etablierten Interessen ernsthaft gefaehrlich zu werden. Diese Systematik hat also eine eindeutige und starke Tendenz sich ueber Zeit von der Dynamik und Innovationskraft einer Aufbauphase hin zu Stagnation bis hin zum Zusammenbruch zu entwickeln. Wenn der mentale Knoten in den fuehrenden Koepfen, der im Kern auf der falschen Vorstellung beruht, man koenne den Wert einer einmal erbrachten Arbeit/Leistung/Idee ewig in Form von Geld konservieren oder sogar vermehren in dem man eine endlose Reproduktion in Gang setzt und diese abschoepft, nicht schnellstens aufgeloest wird, dann kommt es unweigerlich zum grossen Knall. Die entscheidende Innovation waere also aus meiner Sicht, die fatale Buchalterlogik die dem Kapitalismus innewohnt, in den Koepfen der massgeblichen Damen und Herren, die ja ueber die Mittel verfuegen, zu ueberwinden, um so den Weg frei zu machen fuer all die guten Ideen, die sich dann hoffentlich auch auf die Loesung der wirklich brennenden Probleme beziehen.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Hallo Herr Trappe,

    wiedermal sind wir uns einig. (siehe http://derblickausderferne.blogspot.de/2012/10/the-farmland-analogon.html )

    Die Gleichsetzung von Innovation = Kapitalismus ist aber durch die Indoktrination schon so in den Köpfen verankert, dass diese Erkenntnis den meisten als völlig Absurd erscheint.

    Natürlich steckt ein körnchen Wahrheit hinter der Behauptung, dass Marktwirtschaft die innovation fördert. Stellt man aber die entscheidenden Fragen wie; unter welchen Bedingungen tut sie das und warum, ist die Marktwirtschaft der alleinige Initiator für innovation und was sind die anderen Dann begibt man sich in die Untiefen zwischen Religion und Aufklärung.

    Man findet sich im Gebiet der Wirtschaftsreligion über die die Hohepriester der Ökonomie ihre Tabus verhängt haben.

    Es gibt Gebote die nicht Frage gestellt werden dürfen, unter Strafe der Exkommunikation.

    Dazu gehören auch :
    Du sollst keine Gesellschaft als den Kapitalismus preisen

    Eigentum und Vermögen sind zu Ehren, ihre Vermehrung ist ein unumstößliches Recht.

    Du sollst deine Schulden bezahlen, sonst wirst du verdammt auf Ewigkeit.

    Nur die Marktwirtschaft kann Innovation schaffen, preise sie oder du wirst aus dem Paradies verstossen.

    Kapitalismus ist die einzige Form der Demokratie.

    Wachstum ist die Quelle allen Wohlstands.

    Die Wirtschaft als Kirche des Kapitalismus hat immer Vorrang, alle anderen interessen müssen sich ihr unterordenen.

    Wirtschaft kann nur in totaler Freiheit existieren, jede Regulierung ist Frevel.

    Banken sind die Kathedralen der Wirtschaft, sie zu erhalten ist Pflicht aler Gläubigen

    Sie sind (wie ich) ein gefährlicher Ketzer mit ihrer Auffasung. Wahrscheinlich sind wir vom Teufel des Sozialimus besessen. :)

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  2. Hallo Herr Trappe,
    (hier eine korrigierte Version, da wieder der Fehlerteufel in meiner erste Version steckte)

    wiedermal sind wir uns einig. (siehe http://derblickausderferne.blogspot.de/2012/10/the-farmland-analogon.html )

    Die Gleichsetzung von Innovation = Kapitalismus ist aber durch die Indoktrination schon so in den Köpfen verankert, dass diese Erkenntnis den meisten als völlig Absurd erscheint.

    Natürlich steckt irgendwo ein Körnchen Wahrheit hinter der Behauptung dass Innovation = Kapitalismus ist, stellt man aber die entscheidenden Fragen wie:
    Unter welchen Bedingungen und warum?
    Ist die Marktwirtschaft der alleinige Initiator für Innovation und was sind die anderen?

    Dann begibt man sich in die Untiefen zwischen Religion und Aufklärung.

    Man findet sich im Gebiet der Wirtschaftsreligion, über die die Hohepriester der Ökonomie ihre Tabus verhängt haben.

    Es gibt Gebote die nicht Frage gestellt werden dürfen, unter Strafe der Exkommunikation.

    Dazu gehören auch :
    Du sollst keine andere Gesellschaft neben dem Kapitalismus preisen!

    Eigentum und Vermögen sind zu Ehren, ihre Vermehrung ist ein unumstößliches Recht!

    Du sollst deine Schulden bezahlen, sonst wirst du verdammt auf Ewigkeit!

    Nur die Marktwirtschaft kann Innovation schaffen, preise sie oder du wirst aus dem Paradies verstoßen!

    Kapitalismus ist die einzige Form der Demokratie!

    Wachstum ist die einzige Quelle allen Wohlstands!

    Die Wirtschaft als Kirche des Kapitalismus hat immer Vorrang, alle anderen Interessen müssen sich ihr unterordnen!

    Wirtschaft kann nur in totaler Freiheit existieren, jede Regulierung ist Frevel!

    Banken sind die Kathedralen der Wirtschaft, sie zu erhalten ist Pflicht aller Gläubigen!


    Sie sind (wie ich) ein gefährlicher Ketzer mit ihrer Auffassung.
    Wahrscheinlich sind wir vom Teufel des Sozialismus besessen.

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  3. Alien Observer, eines der Gebote ist tatsächlich anders, nämlich: Du sollst Deine Schulden NICHT bezahlen, sondern immer Zinsen dafür.
    Phase nach WK II: genau richtig dargestellt, nach komplett-bust folgt super-boom. Falls also ein neuer super-boom seitens der 0,1% gewünscht werden sollte....
    Immerhin liegt (in der westlichen Sphäre) schon eine recht lange Friedenszeit hinter uns.

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  4. Zum Ketzer "Vorwurf" gebe ich hier mal eine Anekdote aus meiner Kindheit zum besten. Meine Eltern waren streng katholisch. Dem entsprechend musste Georg am Religionsuntericht teilnehmen. Als der dazu abkommandierte Pastor in der dritten oder vierten Klasse seine katholische Version der Geschichte ueber die Pharisaer praesentierte, die darin muendete, dass diejenigen, die nicht an Gott/Jesus glauben Pharisaer seien und nicht in den Himmel kommen, streckte Georg die Hand und fragte den Pastor: "Wenn ich nun behaupte ich sei Jesus und meine Klassenkameraden mir das nicht glauben, sind sie dann Pharisaer?" Daraufhin wechselte der Pastor kurz die Farbe und machte sich eine Notiz, um dann mit dem Unterricht fortzufahren ohne die Frage zu beantworten. Am naechsten Tag wurde Georg von seinem Klassenlehrer, der uns das Rechnen beibrachte vor die Klasse gerufen und gefragt, ob sich der Vorgang so abgespielt habe, wie oben beschrieben. Als Georg dies mit einem wahrheitsgemaessen und stolzen Ja beantwortete, gab es eine schallende Ohrfeige fuer ihn. Seitdem ist mir die Macht des eigenstaendigen Denkens und der kritischen Frage bewusst und ganz nebenbei die strikte Ablehnung von Authoritaeten, die solche Fragen nur mit Gewalt, und dazu zaehlt auch strukturelle Gewalt, beantworten koennen, zur Gewohnheit geworden.
    Das was unsere angeblichen Eliten, die besten Koepfe dieser Gesellschaft uns darbieten, stinkt zum Himmel. Schlimmer als der sprichwoertliche Kopf des stinkenden Fisches. Ich kann nur hoffen, dass sich die Mehrheiten dieses mal nicht von diesen Typen in einen Krieg treiben lassen und einen zivilisierten Weg finden sich von dieser Tyrannei zu befreien.

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  5. Grundvoraussetzung des Denkens – sofern es das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft – ist die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus, die dem unbewussten Kulturmenschen seit jeher von der Religion (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern) verwehrt wird.

    Der Weisheit letzter Schluss

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