Freitag, 14. Dezember 2012

Kreditgeldkapitalismus, ein Fest der Masslosigkeit

Ich versuche mal mit einfachen Worten zu erklaeren was aus meiner Sicht Wissenschaft ist und wie man ueber Wissenschaft zu Loesungen von Problemen kommt. Wissenschaft ist das staendige Ringen um eine konsensfaehige, erklaerende Beschreibung von beobachtbaren Sachverhalten. Der Gesamtkoerper des bestehenden Wissens wird dabei staendig kritisch hinterfragt und nur das, was diese kritischen Fragen immer wieder uebersteht, gilt als gesichertes Wissen. Das ist dann der Konsens von dem ausgehend man Neues erschliessen kann. Sobald eine Diskrepanz zwischen Beobactung und diesem Konsens auftritt, steht er wieder in Frage. Dann ist abzuklaeren, wie es zu dieser Diskrepanz kommt und ob das bisherige Wissen falsch oder unvollstaendig war oder etwas mit der Beobachtung nicht stimmt. Angesichts dessen was uns umgibt und was wir kreieren ein endloser Prozess, der auch Rueckschritte beinhaltet. Aber Wissen ist auf keinen Fall Verhandlungssache obwohl Konsens ja in seiner Bedeutung sehr nahe bei Kompromiss angesiedelt ist.
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Wenn es um Geld geht oder die Funktionsbedingungen des Kreditgeldkapitalismus, dann kann man Beobachtungen machen. Man kann die Beobachtungen beschreiben. Man kann erklaerende Beschreibungen entwickeln und man kann diese kritisch hinterfragen. Fuer mich als Aussenseiter sieht es allerdings so aus, als gaebe es nicht einmal ein Minimum an Konsens. Das liegt wohl z.T. daran, dass die Beschreibungen und die Erklaerungen im krassen Widerspruch zu dem stehen, was zu beobachten ist.
Sie sind schlicht weg unhaltbar (geworden).
Das ist peinlich aber es ist so. Es gibt keinen Multiplier zwischen Zentralbankgeldmenge und Sichforderungen auf Zentralbankgeld der so funktionieren wuerde, dass die Zentralbank die Geldmenge damit steuern kann. Die Zentralbank kann auch ihr Zentralbankgeld nicht ohne weiteres wieder "einsammeln". Denn wie wir gesehen haben laeuft sie Gefahr, wenn sie den Versuch startet, die Wirtschaft massiv zu beschaedigen. Usw. usf.








Der fressende Narr, Quelle 

Ein Punkt, um den sich alle Theorien irgendwie herum druecken ist das Problem der Bewertung, der Preisbildung. Angeblich leistet das der Markt. Aber diese Grundlage jeder Marktwirtschaft ist ebenfalls nicht verstanden. Auch dort stehen die Beschreibungen im krassen Gegensatz zu den Beobachtungen. Das gilt dann auch fuer Geldmaerkte. Manchmal passts aber wenn es darauf ankommt eben nicht. Woran liegt das?
Ein Punkt den Sie schon explizit angefuehrt haben, ist der der fehlenden Referenz, die fehlende Rueckfuehrbarkeit auf ein absolutes Mass. Warum fehlt die? Ist sie nicht moeglich, weil das Ding selbstreferentiell ist? Mein Standpunkt dazu ist, es gibt ein absolutes Mass auf das man Bewertungen zurueck fuehren kann, wenn man will. Aber man will es offensichtlich nicht anwenden. Dieses Mass heisst Zeit. Lebenszeit! Jeder von uns verfuegt ueber sie und setzt sie im Gemeinschaftsprojekt Wirtschaft ein und wenn es um die Verteilung der Ergebnisse geht spielt sie interessanterweise kaum noch eine Rolle. Waere die Waehrung in Zeit, also Stunden nominiert, dann waere schlagartig klar was ablaeuft. Dann wuerde eine regulierenden, unantastbare ethische Komponente wirksam. Dann waere klar, das sich Kredit auf Zukunft bezieht. Auf eine unsichere Zukunft. Dann waere klar das ein Kreditgeber nie mehr Kredit geben kann als ihm an Lebenszeit zugemessen ist. Dann waere klar, das ein Kreditnehmer, der seine Faehigkeit zur Rueckzahlung verliert, tot oder schwer krank ist. Dann waere klar, was es bedeutet wenn ein CEO das 200 fache an Lohn erhaelt im Vergleich zum Durchschnitt der erwerbstaetigen Buerger, vom Median ganz zu schweigen (das 853 fache). Dann waere klar, dass bei 41,5 Millionen Erwerbstaetigen mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 2000 Std. pro Jahr die ein BIP von 2600 Mrd Euro erzeugen die Std. Lebenszeit im Durchschnitt mit 31,33 Euro bewertet ist. Dann wird klar, was es bedeutet, wenn das Median Einkommen aber nur bei 7,34 Euro pro Std. liegt. Und dann wird auch klar wie absurd und menschenverachtend die Begruendungen sind, mit der diese rechtsschiefe Einkommensverteilung immer weiter zugespitzt wir. Dann wird auch klar, dass Vermoegen, die sich nun mal aus Einkommensstroemen speisen, sich zunehmend konzentrieren und die radikale Bevorzugung von Vermoegenseinkommen gegenueber Arbeitseinkommen dieses Problem verschaerfen. Dann wird auch klar, warum der Kreditgeldkapitalismus, ueber Zeit seine Funktionsfaehigkeit verliert. Denn spaetestens dann, wenn die Entwicklung der mittleren Bewertung einer Lebenszeit Std. nicht mehr parallel zur Entwicklung der Bewertung der durchschnittlichen Lebenszeit Std. verlaeuft, wird klar, das der Kreditgeldkapitalismus ein Stadium erreicht hat, in dem er seine wesentliche Funktionsbedingung, ein Mindestmass an erforderlicher gesellschaftlicher Kohaesion, untergraebt, in dem er sich radikal gegen die Interessen von Mehrheiten richtet. Das kann auf Dauer keine wirklich demokratische Politik aber schon garnicht eine beschoenigende Propaganda mit dem Namen Wirtschaftswissenschaften oder sonst irgendetwas "irgenwie" zusammenfuehren, wenn diese primitive Mechanik aus niedrigen Beweggruenden schlicht weg ignoriert / negiert wird.


Sapere Aude!

Georg Trappe

Mittelschicht schrumpft, oder auch nicht? Je nach politischem Standpunkt und Loyalitaet zum jeweils "wirtschaftswissenschaftlichen" Lager!

Kommentare:

  1. Hallo Her Trappe,

    genau darüber hatte ich in der letzten Zeit eine (beinahe) Diskussion auf dem Blog des Wirtschaftswurms.
    http://www.wirtschaftswurm.net/2012/finale-der-blogparade-grenzen-des-wachstums/

    Der Wirtschaftswurm, eigentlich ein nicht Neoliberaler Ökonom, schreibt mir darin:

    "Naja, AlienObserver, zum Falsifikationismus hat jüngst der Wirtschaftsphilosoph einen guten Blogbeitrag geschrieben: Es ist nicht immer sinnvoll, eine scheinbar widerlegte Theorie sofort aufzugeben, z.B. wenn man gar keine andere Theorie hat."

    Ich fürchte diese Ansicht und die Ignoranz gegenüber der Wissenschaftstheorie ist in dieser Wissenschaft Salonfähig.

    Gruß

    AlienObserver

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  2. Hallo AlienObserver,

    wenn man selber mal in der Situation war, dass man feststellen musste, dass die zur Anwendung gebrachte Theorie nicht taugt um das bearbeitete Problem zu loesen und man feststellt es gibt (noch) nichts, was einen weiter bringen koennte, dann weiss man was es heisst, ins schwimmen zu kommen. Der Versuch sich an einem Balken fest zu halten, der nicht da ist, ist ein panischer Reflex, den man aber ueberwinden muss, wenn man nicht untergehen will.
    Auch das allseits zu beobachtende Resignieren hilft nicht. Das ist der sicherste Weg in den Untergang. Der Weg raus aus einer solchen Situation ist beherzte, hoffnungsvolle Arm- und Kopfarbeit.
    Das setzt aber wiederum voraus, das man zum einen dazu faehig ist und das man ueberhaupt erkannt hat, dass man ins schwimmen gekommen ist.
    Wenn dann noch eine Frau Klatten stellvertretend fuer den Rest der sog. Elite sagt: "Dann gehen die Reichen eben woanders hin", und das einem im Zusammenhang mit der Beschoenigung eines erschueternden Befunds ueberreicht wird, dann kann ich nur sagen:
    "Geht doch bitte und steht nicht laenger bloed im Weg rum. Und vergesst bitte nicht eure neoklassischen Wirtschaftsheinis mitzunehmen."
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/streitgespraech-wie-armut-in-deutschland-bekaempft-werden-kann-a-871545.html
    Viele Gruesse
    GT

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