Montag, 28. Januar 2013

Denkfaulheit und Blindheit

Angeregt durch den Artikel von Markus Gaertner, mit der Ueberschrift "Die “What-the-heck-ich-mach-weiter-so-Economy”"
im Zusammenhang mit dem was sich im Finanzministerium zusammenbraut, hier noch ein paar Gedanken zu den tieferen Ursachen der Misere:

Quelle

Und wie geraet eine Wirtschaft/Gesellschaft trotz all dieser geballten “Intelligenz” in den sog. Wirtschaftswissenschaften in eine solche Falle?
Indem sie etwas, das aus ganz fundamentalen oekonomischen Verhaltensweisen entsteht, nicht wahrnimmt, konsequent ausklammert und/oder in ganz besonders hartnaeckig gelagerten Faellen sogar zur motivierenden Ikone aka American Dream erhebt. In einer Wirtschaft, in der Menschen
1.) in der Lage sind Ueberschuesse zu produzieren
2.) dem “Erfolgsrezept” verfallen sind, diese Ueberschuesse staendig zu reinvestieren, um so ihre Produktivitaet weiter zu erhoehen und sich so einen Weg in eine bessere Zukunft zu erschliessen
3.) dieses “Erfolgsrezept” mit ueber Zeit und Population wechseldem / streuenden Erfolg endlos wiederholt umsetzen,  laufen Konzentrationsprozesse ab, die, wenn sie ungebremst fortschreiten, der kapitalistischen Wirtschaftsweise in modernen Gesellschaften zunehmend die Grundlagen entziehen.
Das Finanzsystem wird instabil, weil die hochkonzentrierten Geldvermoegen das Geld nicht mit einer Rate freigeben, die der zuvor vertraglich vereinbarten Rate des Schuldendienst der Schuldner entspricht, was entweder dazu fuehrt, dass mehr und mehr Bankaktiva abfaulen oder aber die Banken die Flucht nach vorne antreten (muessen) und die Bilanzsumme staendig ausweiten. Wenn diese Flucht auch an ihre Grenzen stoesst, weil jeder Sektor der Wirtshaft sich bereits mit 100% und mehr des BIP's verschuldet hat, dann verfallen die Banker auf Ideen wie CDS, um sich zu “versichern” oder aber erfinden die ultimative Loesung, indem sie die abfaulenden Aktiva zu triple A rated “Wertpapieren” verbriefen und an Muppets, also Inhaber von grossen Geldvermoegen mit beschraenktem IQ, verkaufen. Letzteres ist Mitte 2007 aufgeflogen. Seitdem laeuft eine vollkommen bescheuerte Diskussion ueber “mehr Schulden machen” oder “mehr Sparen” als Loesungsalternativen, die beide das ursaechliche Problem nicht adressieren. Wie kann es zu soviel Blindheit kommen?
Kein gaengiges makrooekonomisches Modell enthaelt Parameter, die eine zeitlich zunehmende Konzentration von mikrooekonomischen Groessen wie Vermoegen / Firmengroessen etc. darstellen. Und das obwohl es jedem sofort einsichtig ist, dass es makrooekonomisch nicht egal ist, ob das BIP von einem (Staats-)Unternehmen oder zigtausenden Unternehmen erwirtschaftet wird. Damit sind alle negativen Konsequenzen ansteigender Konzentration, wie z.B. Risikoklumpungen, nachlassender Wettbewerb, zunehmende Unmoeglichkeit der Schuldentilgung (s.o.) etc. aus den Betrachtungen gaengiger Makrooekonomik ausgeklammert. Zufall? Oder draengt sich da der Verdacht auf, dass die neoklassische Wirtschaftswissenschaft keine Wissenschaft ist, sondern eine hochbezahlte, machtkonforme Propagandaabteilung der Restauration und Refeudalsierung betreibenden Profiteure dieser Veranstaltung? Siehe auch hier.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,

    habe mir den Artikel von Fargione et al. einmal etwas genauer angesehen.

    Die Konzentration der Vermögen (als Summe der Renditen über die Perioden) hängt natürlich an der Wahl der Normalverteilung der Rendite pro Periode. Das ist also Modellierungsimmanent. Ich glaube, daß wir da übereinstimmen.

    Desweiteren gibt es keine negativen Renditen im Modell. Das scheint mir schon etwas kritischer zu sein und müßte näher betrachtet werden.

    Unter diesen im Modell getroffenen Voraussetzungen ist klar, daß es Vermögenskonzentrationen geben muß.

    Die Fragen sind nun die folgenden:

    - sind die Renditen normalverteilt pro Periode in der Realität
    - sind die Renditen immer > 0 in der Realität

    Ich finde, daß man da Abstriche machen muß. Es gibt Inflation, es gibt schwankende Aktienkurse, etc.

    Trotzdem ist aber ja bekannt, daß es langfristige Anlagen gibt, wie z.B. Aktien, die über einen längeren Zeitraum schon 6-7 % bringen an Rendite.

    Also irgendwie ist da etwas dran, daß kluge Investoren, die langfristig denken, Überschüsse wieder investieren, mit der Zeit einen Vermögenszuwachs haben, der anderen verwehrt bleibt, und das rein aus der Normalverteilung heraus.

    Das ist schon bemerkenswert und stimmt nachdenklich.

    MfG

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    1. Sehr geehrter Herr Huthmann,
      Sie haben sich das Modell offensichtlich nicht genau genug angeschaut! Die Renditen sind in meinem gnumeric Spreadsheet mit im Durchschnitt 5% und einer Streuung (sigma) von 0,2 also 20% angesetzt. Im Aufsatz von Fargione et. al. ist einmal die Rede von einem Durchschnitt von 7,7% und sigma 0,19 (Fig. 1) und zum anderen von einem Durchschnitt von 5% und sigma 0,3 (Fig. 2). D.h. im Fall meines Spreadsheets liegen 68,27% der Renditen zwischen -15% !!!! und +25%. Ich gewinne langsam den Eindruck Sie wollen hier nicht ernsthaft diskutieren, sondern etwas mit sehr, na sagen wir mal hoeflich, merkwuerdigen und fadenscheinigen Argumenten zerstreuen, was wissenschaftlich und mathematisch fundiert den Nagel auf den Kopf trifft.
      -
      Wenn die Deutsche Bank Renditen auf das Eigenkapital von 25% anstrebt oder grosse Versicherer bzw. Rueckversicherer auch in diesen Tagen 13 bis 14% Rendite auf das Eigenkapital erwirtschaften, waehrend der sog. "Kapitalmarkt" 1,2,3% liefert und gleichzeitig Firmen wie Intel, Apple, Google operating profits vor Steuern von ueber 25% bezogen auf den Umsatz machen, dann heisst das, dass die Renditen extrem streuen. Und das treibt die Ungleichheit im Modell und in der Realitaet extrem an.
      Beispiel Google: Da wird im Balance Sheet Sharholder Equity mit ca. 72 Mrd. US$ ausgewiesen und ein Jahresgewinn vor Steuern mit ca. 14 Mrd. US$. Das sind bei mir 19,4%. Also nochmals ganz unmissverstaendlich: Bitte versuchen Sie nicht hier daemliche Nebelkerzen zu werfen!

      Viele Gruesse

      Georg Trappe


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    2. Hier noch ein paar Fakten aus den USA, die verdeutlichen, wie der Hase laeuft und was Deutschland bevorsteht, wenn die Atlantikbrueckenflachpfeifen und Genies wie Schuknecht, Schaeuble und Merkel ihre kranken Vorstellungen uneinsichtig weiter umsetzen sollten.
      http://www.epi.org/publication/ib347-earnings-top-one-percent-rebound-strongly/

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    3. Sehr geehrter Herr Trappe,

      Sie haben Recht! Ich habe mir den Artikel nicht genügend angeschaut. Deswegen bin ich für Ihre präzisierenden Antworten hinsichtlich der Standardabweichung bzw. Varianz dankbar.

      Werde dieses am Wochenende tun.

      MfG

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