Sonntag, 27. Januar 2013

Der Fall Schuknecht

Ich moechte nocheinmal auf den Chefoekonom des Finanzministeriums, Dr. Ludger Schuknecht, und seinen Aufsatz mit dem Titel "Has public insurance gone too far?" zu sprechen kommen, denn dieser Aufsatz erscheint mir beispielhaft, fuer die fatalen Vorgaenge in den Koepfen neoliberaler Eliten. Die unbestreitbare Diagnose fast Schuknecht u. a. in den folgenden Saetzen zusammen:
" After WW2 and with the assent of Keynsianism, governments have
taken on a growing insurance role. Pension, health and unemployment insurance have become universal and much more generous. This and other forms of social assistance (e.g., child, family, disability) safeguard much more than minimum living standards. Long term care insurance has been a relatively recent addition to protect against the risk of longevity in disability. Today, social insurance is absorbing about 60% of fiscal outlays in most advanced economies. In addition, governments have—at times or in some countries—provided de facto insurance against poverty and unemployment via public sector jobs or public work programmes. Corporations/sectors have been “insured” against unfavourable market developments via temporary or permanent subsidies, tax credits or, more indirectly, support for those on shortened work schedules. Quite prominently, in recent years, banks have been prevented from failing and clients have been guaranteed their fortunes. This latter type of insurance has grown from rather contained levels to reach major fiscal costs in advanced economies. With the assent of Keynesianism the role of public insurance was extended to “stabilize” aggregate demand. This concept has recently been applied across national boundaries, where countries with “demand shortfalls” undertake coordinated, stimulative measures not only to support demand at home but also abroad (IMF, 2012). Such “demand rotation” has brought the concept of economic
fine tuning to a global reach."                                        
Spaeter ist dann in diesem Zusammenhang die Rede von
" The main challenges of effective and efficient insurance are moral
hazard and adverse selection. Insurance can bread carelessness and attract bad risks. In the private sector, the risk of bankruptcy of the insurer and competition amongst insurers encourages the monitoring of behavior and risks and appropriate pricing. It is pivotal to understand that private insurance only works when 1) the rule of law secures the implementation and enforcement of underlying contracts, and 2) markets are allowed to function. This is necessary for prices to reflect risk, poor judgement and monitoring by insurers to result in lower profits and default, and risk-
mitigating or increasing behaviour of clients to be rewarded or punished."
und, was ich besonders bezeichnend, da die Tatsachen endgueltig auf den Kopf stellend, finde von: "Majority exploits minority".
-
D.h. hier wird in einem, fuer Mainstream Oekonomen nicht untypischen Zirkelschluss, das beobachtete Problem kraft souveraener Willkuer zu seiner Ursache. Die Beobachtung, das Staaten zunehmend das Allgemeinwohl kreditfinanziert absichern (muessen) wird durch den unterstellten "moral hazard" von Mehrheiten zur Ursache fuer die staendige Ausweitung des staatlichen Versicherungsbetriebs. In dieser Logik ist dann die Abschaffung aller staatlich organisierten Versicherungen auch die Loesung des Problems. Gleichzeitig wird behauptet, dass eine privat organisierte und profitorientierte Versicherung, die den Versicherungsschutz zu "Marktpreisen" anbietet die bessere Alternative darstellt. Der  Frage, welche Ursachen denn nun wirklich hinter dem eskalierenden Versicherungsbedarf stehen, wird an der entscheidenden Stelle ausgewichen, um so gleich den neoliberalen "Standardloesung" "Privatisierung" und "mehr Markt" den Weg zu bereiten. Das Ganze nennt sich dann wissenschaftlich fundiert, weil es von einem Doktor der sog. Wirtschaftswissenschaften verfasst wurde.
-
Soweit so schlecht. Wenn man sich aber der Frage stellt, warum sich sowohl die Frequenz als auch das Ausmass der wirtschaftlichen Katastrophen erhoeht, und sich nicht mit Zirkelschluessen der obigen Bauart zufrieden gibt, dann muss man seinen Horizont zumindestens soweit erweitern, dass man einige parallel verlaufende Entwicklungen ebenfalls wahrnimmt und so ins Kalkuel mit einbeziehen kann. Ganz herausragend scheint mir da, zumindest aus versicherungsmathematischer Perspektive, die Tatsache von stetig voran schreitenden wirtschaftlichen Konzentrationsprozessen und Verflechtungen, die sowohl in Bezug auf Schadensgroesse als auch in Bezug auf die in der Versicherungsmathematik immer implizit unterstellte Unabhaengigkeit der Einzelereignisse erhebliche Fragezeichen aufwerfen. Und da moechte ich Schuknecht und seine aehnlich gepolten Kollegen darauf verweisen, dass die sog. Wirtschaftswissenschaften an ganz entscheidenden Stellen vollkommen blind sind. Zum einen, weil sie dramatische Veraenderungen in der Verteilung von z.B. Mikro-Groessen wie Vermoegen, Firmengroessen etc. konsequent ausklammern, wenn sie mit Modellen arbeiten, in denen nur Aggregate und/oder Durchschnitte aber keine die Konzentration beschreibenden Parameter, z.B. in Form eines Theil Index, vorkommen und zum anderen das Geld- und Bankensystem garnicht bzw. vollkommen unzureichend verstanden und in ihren Modellen beruecksichtigt haben. Denn Banken sind nicht nur eine Durchreichestation von Ersparnissen von geduldigen Guthabeninhabern an ungeduldige Kreditnehmer, sondern haben die Kapazitaet zur (endogenen) Geldschoepfung. Und dramatische Veraenderungen in der Konzentration von Vermoegen, Firmengroessen etc. haben dramatische makrooekonomische Folgen. Auch dann, wenn sie in den Modellen der sog. Wirtschaftswissenschaften unberuecksichtigt bleiben. Denn es macht einen Unterschied, wie jeder sofort einsieht, ob wenige grosse oder gar ein einziges Unternehmen oder tausende Unternehmen das BIP erwirtschaften.
Also, an die Herren Schuknecht und Co. gerichtet, bitte machen Sie ihre Hausaufgaben gruendlich, bevor sie wie die Axt im Walde und vollkommen unverantwortlich auf die Dinge losgehen, die sie nicht verstanden haben und die bisher das Schlimmste vermieden haben.

Sapere Aude!

Georg Trappe


Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,

    an der Argumentation des Autors ist etwas dran.

    Überlegen Sie sich einmal, welches Werkzeug Keynes den Eliten in Politik und Wirtschaft in die Hand gegeben hat. Eine Art Stein des Weisen: die Möglichkeit Wohlstandsvermehrung gezielt zu steuern. Wie verführerisch!!! Da konnte keiner widerstehen!!! Zum ersten Mal in der Geschichte der Marktwirtschaft sollte es keine Aufs und Abs mehr geben, keine Rezessionen mehr, die die verantwortliche Politikerkaste ob rechts oder auch links in Ihrem Machterhalt bedroht hätte. Eine Art Allmacht in Händen der Eliten, die sich ja über Wahlen auch verantworten müssen.

    Diese Allmacht über die Wirtschaftsentwicklung hat dann auch die diversen Gruppen in der Bevölkerung auf den Plan gebracht. Denn wenn risikolose Fortentwicklung möglich sei, dann wollte die einzelne Bevölkerungsgruppe auch ein Anrecht auf stetig anwachsender wirtschaftlicher Teilhabe erreichen. Usw.

    MfG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sehr geehrter Herr Huthmann,
      das Werkzeug, von dem Sie reden, die Kapazitaet zur Geldschoepfung, ist ja keine Erfindung von Keynes. Er hat dieses Werkzeug zurueck in die Haende eines funktionierenden, demokratischen Staats legen wollen. Das ein funktionierender, demokratischer Staat keine Selbstverstaendlichkeit ist, wusste er wohl auch. Das eine Demokratie ueber Zeit zu einer Plutokratie mutiert, in der sich die politische Klasse nicht mehr den Mehrheiten verpflichtet fuehlt, sondern diese im Interesse der Reichen und Wohlhabenden ueber den Tisch zieht, aendert daran nichts, sondern zeigt nur auf, dass Demokratie, wenn sie funktionsfaehig erhalten werden soll, grosse Wachsamkeit erfordert, die nicht an "magische Haende" oder "freie Maerkte" delegiert werden kann.
      -
      Und Sie sprechen auch den Punkt an, auf den es letztendlich hinauslaeuft. Und das ist die Frage der Macht.
      Wenn nun aber Machtkonzentration nachwaechst wie Unkraut, dann bleibt nichts anderes uebrig als sie staendig zu teilen. Wenn man das nicht macht, geschieht genau das, was wir erleben. Sie ufert aus und wird in den Haenden weniger zur Gefahr fuer viele. Es war kein Zufall, dass das Epizentrum der Krise die Hochburg der allmaechtigen, selbsternannten "Masters of the Universe" war.
      Wenn man dem noch zuarbeitet, wie Herr Schuknaecht das tut, in dem er vorschlaegt die Gegenmacht weiter zu schwaechen, dann ist das meiner Meinung nach nicht nur undemokratisch und staatsfeindlich sondern schlichtweg der Ausdruck machtopportuner Dummheit. Das Herr Schuknecht dabei seinem Chef um nichts nach steht passt dann entsetzlicherweise auch noch ins Bild. Denn eins ist sicher, der Herr Finanzminister hat gewiss mal einen Blick in die Einkommens- und Vermoegensstatistiken und deren zeitliche Entwicklung geworfen, und weiss ganz genau, wo der Hammer haengt.
      Siehe auch:
      http://www.zeit.de/2000/18/200018.5._gewalt_.xml

      Viele Gruesse
      GT

      Viele Gruesse

      Löschen
  2. Sehr geehrter Herr Trappe,

    ich meinte nicht die Geldschöpfung sondern die Intervention des Staates mit Staatsausgabenerhöhung, um gezielt in Rezessionen gegenzusteuern zu können durch eine künstliche Erhöhung der Nachfrage.

    MfG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Staatsausgabenerhoehung will aber finanziert sein. Dazu koennen Sie Geld schoepfen oder Geld das nicht nachfragewirksam, hochkonzentriert auf irgendwelchen Konten liegt einsetzen. Ersteres geschieht, wenn Banken, notfalls auch Zentralbanken, Staatsanleihen kaufen und zweites geschieht wenn sie entweder Staatsanleihen an wohlhabende Nichtbanken verkaufen oder Vermoegenssteuern erheben. Die Sache mit den Staatsanleihen hat den Haken, dass Sie mit Zinsen belastet sind, die wiederum den Konzentrationsprozess foerdern. Das mit der Vermoegenssteuer ist der einzige Ausweg, wenn die Staatsverschuldung schon einen Stand erreicht hat bei dem der Schuldendienst, also die Zinszahlungen und die Steuereinnahmen nicht mehr in Einklang zu bringen sind.
      Schauen Sie sich doh mal dieses Schaubild an, dann sollte es sehr leicht zu verstehen sein, vorausgesetzt man will es verstehen und beharrt nicht auf etwas, was ganz offensichtlich unmoeglich ist:
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/12/another-strange-look-at-money-and.html

      Löschen
  3. Das Schaubild zeigt hoffentlich deutlich das Dilemma auf. Wenn nicht neues Geld geschoepft werden soll, also die Bilanzsumme aller Banken konstant bleiben soll, dann muss Mc=Md sein. Wenn die Funktionsfaehigkeit der Witschaft ein gewisses MR voraussetzt, bedeutet dies gleichzeitig, dass MA nicht ansteigen darf, also Me=Mr sein muss. Das ist aber nicht sicherzustellen. Im Gegenteil, das Fargione Integral legt nahe, dass auch Geld sich zunehmend konzentriert und akkumuliert wird. Den ewigen Gewinnern kommt Cash aus den Ohren heraus, z.B. Intel, Apple, Google, Shell etc. Dabei sind die natuerlichen Personen in den einschlaegigen Listen von Forbes noch garnicht genannt. Siehe auch hier:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/12/portokassen.html

    AntwortenLöschen
  4. Geldtheorie

    „Man sollte alles so einfach wie möglich sehen – aber auch nicht einfacher.“

    Albert Einstein

    Der folgende Text des Freiwirtschaftlers Hermann Bartels ist wie kein zweiter geeignet, die Funktion des Geldes als in einer arbeitsteiligen Wirtschaft unverzichtbares, gesetzliches Zwischentauschmittel allgemeinverständlich und wissenschaftlich korrekt zu erklären. Ich habe den Text vollständig überarbeitet, auf das Wesentliche gekürzt und dabei einige Formulierungen geändert und kleinere Fehler korrigiert, um Missverständnisse auszuschließen. Lediglich an staatlichen Hochschulen indoktrinierte „Wirtschaftsexperten“ sowie vom kollektiv Unbewussten gewählte „Spitzenpolitiker“ (Vorurteilsträger) können auf gewisse Verständnisschwierigkeiten stoßen:

    Geldtheorie

    AntwortenLöschen