Samstag, 5. Januar 2013

Die Tragoedie

Ich erhielt im Laufe des Tages folgenden Kommentar:
""Wer die Folgen tiefer wirtschaftlicher Spaltung einer Gesellschaft sehen will, braucht sich nur mit offenen Augen auf diesem Planeten umzuschauen und er wird erschreckendes finden. ... Vielmehr muss Ausgleich aktiv gesucht und betrieben werden und der Konsens einer Gesellschaft darüber wie dieser Ausgleich auszusehen hat und welche Ziele er anstrebt ist zu achten."
Wenn man fragen darf: Sind Sie auch bereit, Ihren Beitrag zum Ausgleich auf diesem Planeten zu leisten? Einfach mal alles über den geschätzten 5000 US-Dollar Geldvermögen abgeben, die jeder Erdenbürger statistisch besitzt? Man muss ja nicht unbedingt mit der Umverteilung von reich nach mittel beginnen. Man könnte ja auch zunächst von mittel nach arm umschichten. Die afrikanischen Hungerbäuche würden sich sicher freuen. Und Zeit wäre es allemal, wenn die zarten Pflänzchen der Demokratie in diesen Ländern nicht in Gefahr geraten sollen."
Und das ist genau der Punkt, an der sich die gigantische Tragoedie entfaltet.
Wenn alle vor dem Nichts stehen, ist das wirtschaftsliberale Konzept unschlagbar. Das zentrale Motiv des Kapitalismus, das Streben nach "Mehr" und die Moeglichkeit Eigentum zu bilden aktiviert die Menschen und koordiniert ihre Aktionen in einer unfassbaren Art und Weise. Es entstehen Strukturen hoechster Effizienz und Wettbewerb fuehrt zunaechst zu einer geschmeidigen Anpassung an sich aendernde Umgebungsbedingungen. Die Grundlage dieser Erfolge ist gegenseitiges Vertrauen, was sich nicht nur in mutigen Finanzierungen aeussert, sondern auch fuer Mehrheiten nachvollziehbar mit einem steigenden Wohlstand honoriert wird.
Das Fargione Integral weisst aber schluessig nach, dass ein stetiges Streben aller nach "Mehr" in Verbindung mit der Moeglichkeit zur unbegrenzten Eigentumsakkumulation zwar zu einer stetig steigenden Summe von materiellen Guetern fuehrt, aber auch zu einer stetig zunehmenden Konzentration dieser Gueter in den Haenden weniger. D.h. die anfaengliche Erfahrung, dass das gemeinsame Streben nach "Mehr" auch fuer Mehrheiten zu mehr Wohlstand fuehrt, kehrt sich zwangslaeufig in ihr Gegenteil um. Damit verliert das wirtschaftsliberale Rezept seine Legitimation und eine arbeitsteilige Wirtschaft ihre unabdingbare Voraussetzung, naemlich gegenseitiges Vertrauen. Die Rate mit der die Konzentrationsprozesse, die dies bewirken, voran schreiten, wird sogar durch wirtschaftsliberale Rezepte, die die moeglichen Returns spreizen (niedrigste Mindestloehne, exorbitante Spitzenenkommen), um so die Motivation zu erhoehen,  beschleunigt. D.h. sie wirken in einer spaeten Phase der wirtschaftlichen Entwicklung extrem kontraproduktiv. Wer nun seine Hoffnungen auf Wettbewerb zur Aufloesung dieser paradoxen Situation setzt, wird mit der Tatsache konfrontiert, dass durch diese Konzentrationsprozesse auch ein extrem stark beharrendes Moment entsteht, das seine Ursache in einer sich selbstverstaerkenden Mitkopplung hat, die derart ist, dass grosse Vermoegen grosse Einkommen bewirken und grosse Einkommen grosse Vermoegen entstehen lassen. D.h. der Wettbewerb, der anfaenglich Fehlallokationen problemlos korrigieren konnte, erstarrt  zunehmend durch die Entstehung ewig gleicher Gewinner und wird sogar als Gefahr fuer das Ganze wahrgenommen (too big to fail). Die Entscheidung eines Einzelnen, sich dieser fatalen Mechanik in irgendeiner Form zu entziehen, aendert nichts an ihrem tragischen Verlauf. Die einzige Loesung besteht darin, das Kollektiv ueber diesen Sachverhalt aufzuklaeren und dann eine gemeinsam zu tragende Loesung zu finden. Was ich den Eliten vorwerfe ist, an dieser Stelle vollkommen zu versagen und dies aus niedrigen Beweggruenden nicht zu tun. Es ist eindeutig eine Kopfgeschichte! Insofern, dass die Vorstellung, dass die ewige Anwendung eines anfaenglich erfolgreichen Rezepts, dauerhaft erfolgreich bleibt, falsch ist. Wenn dieser Fehler in den besten Koepfen der Gesellschaft nicht als solcher erkannt wird, dann hat diese Gesellschaft auf Dauer keine Chance. Sie wird untergehen, wie viele andere Gesellschaften, die diesem Denkfehler zum Opfer gefallen sind auch. Von unten wird ja staendig auf die existenzbedrohenden Folgen hingewiesen. Sie sind ja auch garnicht mehr zu uebersehen. Der Kopf aber ignoriert es, weil die vorherrschende Ideologie etwas anderes sagt und dabei ihre Rechtfertigung aus einer erfolgreichen Vergangenheit bezieht. Diese Vergangenheit war aber eine Aufbauphase, und wir befinden uns inzwischen seit laengerem in einer Phase wirtschaftlicher Reife, die nur mit einem diesem Zustand angepassten Rezept zu bewaeltigen ist. In den besten Koepfen herrscht ein geozentrisches Weltbild, das diesen Unterschied nicht kennt. Die Realitaet ist aber eine andere. Daraus entstehen verheerende Fehlentscheidungen, die sogar gut gemeint sein moegen, aber fatale Folgen zeitigen muessen, weil sie die Realitaeten, aus denen die Probleme entstehen nicht adressieren sondern sogar verschaerfen.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Um die Frage des Kommentators zu beantworten: Wenn die fuehrenden Koepfe ein falsches Weltbild pflegen, das wesentliche Realitaeten ignoriert, dann koennen sie ihrer Aufgabe und ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Selbst dann nicht, wenn sie es wollen. Denn ein Blinder kann nicht fuehren. Ich sehe meinen Beitrag seit einiger Zeit darin Wissenschaft zu betreiben, die hoffentlich hilft, diese blinden Flecken zu beseitigen, um so den besten Koepfen dieser Welt zu ermoeglichen ihrer Aufgabe und Verantwortung gerecht zu werden. Die bescheidenen Mittel, die mir dabei zur Verfuegung stehen, setze ich vorwiegend dazu ein. Ich habe 26 Jahre dem existierenden System in amerikanischen Firmen gedient. Zunaechst begeistert und mit grossem Erfolg. In der zweiten Haelfte der 90er Jahre bin ich aber mit Dingen in Beruehrung gekommen, die schwerwiegende Fragen aufwerfen. Seitdem suche ich einen Weg. Nicht nur fuer mich. Dabei bin ich der festen Ueberzeugung, dass es nur dann moeglich ist schwerwiegende Probleme zu loesen, wenn man ihre tieferen Ursachen wirklich verstanden hat. Inzwischen glaube ich mir zumindest soweit Klarheit ueber die tieferen Ursachen verschafft zu haben, dass ich das, was ich sehe, auch kommunizieren kann und es in einer ernsthaft gefuehrten Diskussion bestand haben kann. Ich halte das fuer sinnvoller als einen resignierenden Totalausstieg.

1 Kommentar: