Montag, 4. Februar 2013

Der Irrsinn geht in die naechste Runde

Es ist zum Haare aus raufen. Immer mehr von dem, was der Katastrophe voraus ging, soll die Folgen der Katastrophe ueberwinden. Das ist offenbar die merkwuerdig anmutende Logik neoliberaler Eliten in Wirtschaft und Politik weltweit, die damit letztendlich, wenn sie diesen Irrsinn nicht als solchen erkennen, den Rueckfall in Verhaeltnisse des Feudalismus betreiben. Die Frage nach den tieferen Ursachen der groessten Wirtschaftskrise seit der grossen Depression im vergangenen Jahrhundert wird dabei mit einer Konsequenz vermieden, die jeden vernuenftig denkenden Menschen nur in groesstest Erstaunen versetzen kann. Dass ganz offensichtlich die bestehenden Theorien der Mainstream Wirtschaftswissenschaften inzwischen reihenweise als durch die Realitaeten widerlegt zu betrachten sind, stoert dabei wohl nicht im geringsten. Denn obwohl die sog. Transmissionsmechanismen und der behauptete Multiplikator ganz offensichtlich nicht funktionieren, versuchen Notenbanken weltweit durch niedrigste Zinsen und eine extrem expansive Geldpolitik auf diesem Weg die Probleme zu "kurieren". Und das obwohl die der Krise vorangegangene lange Zeit der expansiven Geldpolitik unter Greenspan als eine der am wenigsten umstrittenen Hauptursachen fuer die Fehlentwicklungen von den meisten angesehen wird. Und obwohl sich inzwischen auch zumindest in Teilen der etablierten sog. Wirtschaftswissenschaften die Einsicht breit macht, dass exezessive,  sich selbst verstaerkende Ungleichgewichte entstanden sind, die ebenfalls als ursaechlich einzustufen sind, werden mit grossem Getoese transatlantische Freihandelszonen als Weg zur Loesung dieser Probleme von politischer Seite angepriesen. Die Frage, warum Freihandel die Richtungen der unausgeglichenen Waren- und Geldstroeme umkehren soll, bleibt dabei aber unbeantwortet. Die Vorstellung, die gigantischen Handelsbilanzdefizite der USA haetten ihre Ursache in Handelshemmnissen, scheint da eine gewisse Rolle zu spielen. Das aber die USA als fuehrender Geldproduzent inzwischen in einem Mass deindustrialisiert sind, das es vollkommen unmoeglich macht, das die USA im Aussenhandel einen gleichwertigen Waren- und Leistungsstrom erzeugen, der die einstroemenden Waren- und Leistungen aus China, Japan und Europa nur annaehernd kompensiert, wird vollkommen ausgeblendet. Sowie es Griechenland unmoeglich geworden ist in Europa eine gleichgewichtige Leistungsbilanz zu erzeugen, so ist es den USA unmoeglich geworden in der Weltwirtschaft eine gleichgewichtige Leistungsbilanz zu erzeugen. Daran aendert weder Zins- und Geldpolitik etwas noch die Einfuehrung einer transatlantischen Freihandelszone. Die USA wie Griechenland muessten vielmehr, wahrscheinlich fuer ein Jahrzehnt oder mehr, unter eine protektionistische Kaeseglocke, um ihre Industrien wieder auf einen dem Weltstandard entsprechenden Stand zu bringen. Das wuerde aber die Probleme auf der anderen Seite der Medaille eskalieren lassen. Denn dann wuerden die hyperproduktiven Exportweltmeister, China, Japan, Korea und Deutschland ihren bedeutensten, kreditfinanzierten Konsumenten verlieren und muessten sich mit dem Problem auseinander setzen, wie sie ihre Hyperproduktivitaet und eine vollkommen unterentwickelte Binnennachfrage in ein Gleichgewicht bringen.
Das alles will man aber offensichtlich nicht. Man will nicht wahrhaben, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise aufgrund des Fargione Integrals Konzentrationsprozesse entwickelt, die ihrerseits zu sich selbstverstaerkenden Ungleichgewichten fuehren, die der kapitalistischen Wirtschaftsweise letztendlich die Funktionsbedingungen zerstoeren. Man will ganz offensichtlich nicht wahrhaben, dass ein wirtschaftsliberales Rezept in einer Aufbauphase zwar unschlagbar ist, aber in einer spaeteren Phase der wirtschaftlichen Entwicklung, gemessen an den Idealen moderner Gesellschaften, vollkommen kontraproduktiv wirkt. Solange diese Uneinsichtigkeit und das ideologische Beharren auf falschen Rezepten fortbesteht, wird der Niedergang unbarmherzig voranschreiten. Der Wohlstand wird sich sowohl innerhalb der Volkswirtschaften, wie auch zwishen den Volkswirtschaften weiter polarisieren und die davon betroffenen Gesellschaften werden an dem daraus entstehenden Mangel an Kohaesion zerbrechen.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Dazu passt dann auch noch das Ergebniss dieser Untersuchung des CEPR.
Pakt der Giganten = 1 schwer Kranker + 1Kranker = Gesundheit fuer alle ?

Kommentare:

  1. Diese zum Teil kaskadierend aufeinander aufbauenden Wachstums-Prozesse finden sich in der Biologie immer wieder. (Div. Stützgewebe...)
    Ich frage mich, wie diese Problematik im Zellularen Verband geregelt wird, da Zellen ja auch nicht freiwillig sterben wollen. Möglicher weise durch begrenzte Haltbarkeit bzw. Apoptose....

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    1. Vielen Dank fuer diesen Hinweis.
      In der Biologie und Medizin kennt man die Nekrose als den phatologischen Fall und die Apotose als den "guten" Fall.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Apoptose
      Und ich denke diese Analogie ist sehr anregend. Denn meiner Meinung nach fehlt es dem bestehenden Wirtschaftssystem an ausreichenden Moeglichkeiten, Verkrustungen und Erstarrungen durch lebendige Erneuerungen in einer Art und Weise zu ersetzen, die den Gesamtorganismus ueberlebensfaehig halten.
      Eine Wirtschaftsweise, in der dringend notwendige Anpassungsaenderungen als lebensbedrohlich bekaempft werden, kann nicht ueberlebensfaehig sein. Von daher halte ich den Dialog mit der Natur fuer wegweisend, wenn es um die Suche nach Loesungen geht.

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    2. Amoeben sind auch einen Blick wert:
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/12/von-amoeben-lernen.html

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  2. Sehr geehrter Herr Trappe,

    ich finde es nicht korrekt, wenn Sie die Bildung von Vermögenskonzentrationen als Gesetzmäßigkeit darstellen. Es ist ein Gesetz, WENN sie über einen langen Zeitraum nachhaltig positive Renditen im Mittel erzielen.

    Nur ist die Frage damit nicht beantwortet, wie eine Marktwirtschaft gestaltet werden müßte, damit diese nachhaltig positiven Renditen im Mittel über einen langen Zeitraum nicht möglich werden. Oder anders gefragt: was ist schief gelaufen, damit die nachhaltig positiven Renditen überhaupt möglich wurden.

    Und hier müssen wir ansetzen. Da fällt mir schnell viel ein:
    - Geldschöpfungsbeschleunigung durch die Geschäftsbanken
    - Unterstützung der Geldschöpfungsbeschleunigung durch z.B. niedrige Zinssätze der Notenbanken
    - Wirtschaftspolitik, die eine Bereinigung einer Überinvestitionsphase über Staatsintervention vermeiden will (z.B. Keynessche Konjunkturprogramme
    - fehlende Ordnungspolitik, die das Entstehen von Oligopolen nicht vermeidet
    - gewonnener gesellschaftlicher Konsenz, daß Wettbewerb auf allen Ebenen eingeschränkt werden sollte
    - und und und

    Hier gilt es die Fehler zu finden.

    Aus meiner Erfahrung her muß ich sagen: die Marktwirtschaft funktioniert recht gut, dahingehend, daß die Innovation einer Unternehmung wettbewerbliche Nachahmer findet, die dem Innovator seinen Gewinn in den Folgeperioden wieder zu NUll machen (siehe Schumpeter). Und das im Mittel über alle Märkte. In Wachstumsmärkten gibt es mehr Gewinn und steigende Preise und in Märkten, in den Verdrängungswettbewerb vorherrscht eher Verlustminimierung.

    Um ein Grundverstehen der Wirtschaft, so wie sie ist, kommen wir bei der Diskussion nicht herum.

    Es macht nur Sinn, die Anteile zu identifizieren, die nicht zufriedenstellend funktionieren. Die positiven Anteile sollten ja erhalten werden können. Oder nicht.

    MfG

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    1. Sehr geehter Herr Huthmann,

      ich denke ich habe bisher an keiner Stelle behauptet, dass an den durch das Fargione Integral ausgeloesten Konzentrationsprozessen nichts zu aendern ist. Vielmehr geht es mir darum die Konzentrationsprozesse und ihre tieferen Ursachen in die Diskussion um Loesungen einzubringen. Sie sind einer der ganz wenigen, der sich bisher offen genug gezeigt hat, diese Konzentrationsprozesse und ihre Ursachen ueberhaupt in Betracht zu ziehen. Und es ist tatsaechlich die relativ unwahrscheinliche (im Modell als zufaellig angenommene) Moeglichkeit dauerhaft ueberdurchschnittliche positive Renditen zu erzielen, die diese Konzentrationsprozesse entstehen lassen.
      -
      Wenn Ingenieure die Qualitaet eines Produktionsprozesses verbessern wollen, dann untersuchen sie u.a. den Zusammenhang zwischen Maengeln und Prozessfehlern. Oft ist es so, dass 80% der Maengel auf 20% der Prozessfehler zurueck zu fuehren sind. Wenn es so ist, ist es sinnvoll sich auf die Behebung dieser 20% Prozessfehler zu konzentrieren. Damit wird dann die Verteilung Maengel vs. Ursachenkategorie eingeebnet.
      In der Wirtschaft laeuft es aber eher umgekehrt, wenn man exzessive Konzentration von Vermoegen und wirtschaftlichem Potential mal als Risiko bzw. Mangel begriffen hat. Jede Firma raeumt ihren Grosskunden bessere Konditionen ein als den vielen Kleinen. Jede Bank verhaetschelt ihre Grosskunden mit mit Gold- und Platinprogrammen und laesst die kleineren Kunden entweder hoehere Sollzinsen zahlen und/oder niedrigere Habenzinsen zukommen. Usw. usf. Das zieht sich quer durch und wird dann irgendwann Skaleneffekt genannt. Alle diese Dinge haben ihren Grund in einem Effizienzstreben. Jeder weiss oder glaubt zu wissen, einen verlorenen grossen Kunden wieder zu gewinnen ist sehr teuer etc.. Keiner hat den Wert von Redundanz auf der Rechnung, der in diesem Effizienzwettlauf vollkommen untergeht. Und so kommt es, das die ueberdurchschnittlichen positiven Renditen nicht nur zufaellig moeglich sind, wie im Modell angenommen, sondern schon in einer "naturgesetzlichen", sich selbstverstaerkenden Mitkopplung an einige grosse und ewige Gewinner gebunden bleiben. Und das hat Konsequenzen bis hin zum Zusammenbruch, wenn man das ignoriert und nicht durch eine geeignete Wirtschaftspolitik korrigiert / kompensiert. Wenn man das mal begriffen hat und dann das Modell heran zieht um Loesungen zu suchen, dann kommt man selbstverstaendlich auch zu solchen. Dann wird klar, das Verbrauchssteuern auf die Gueter des taeglichen Bedarfs den Fortschritt der Konzentration beschleunigen, dann wird klar, das eine weitere Spreizung der moeglichen Renditen durch Verweigerung von Mindestloehnen auf der einen Seite und und der Ermoeglichung von gigantischen Renditen im "Casino" der Schluesselantreiber fuer den Konzentrationsprozess ist. Das alles laesst sich dann sehr schoen in entsprechenden Simulationen nachweisen. Das setzt aber ersteinmal voraus, dass man wie Sie offen genug dafuer ist, die alten Dogmen fuer einen Augenblick zu vergessen, und diese Sichtweise fuer einen weiteren Moment ernsthaft in Betracht zu ziehen.

      Viele Gruesse

      Georg Trappe

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  3. (Leider) vollste Zustimmung zum Artikel! Auch das Beispiel der Amöben-Lebensart passt exzellent hierher; führt das nicht die Gedanken zu völlig anderen Arten der Geldschöpfung? Ständig neu schöpfen und verteilen, aber nicht sehr lange Haltbarkeit, ein Beispiel hier => http://joytopia.net/

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