Montag, 10. Juni 2013

Geld, ein erfolgreiches Konzept?

Wenn man die schiere Menge des Geldes oder seine Verbreitung zum Masstab waehlt, dann wird man die im Titel gestellte Frage sicher und eindeutig mit Ja beanworten muessen. Wenn man sich aber klar macht, dass weder der Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, wie auch die Aufruestung und Kriegsvorbereitungen Deutschlands zum Weltkrieg ohne Geld nicht moeglich gewesen waeren, dann wird die Antwort weniger eindeutig ausfallen und diese Frage hoffentlich ein gruendliches Nachdenken ausloesen. Dies erscheint mir insbesondere nach fast sechs Jahren Wirtschaftskrise mit spektakulaeren und so noch nie dagewesenen geldpolitischen Operationen ohne absehbares Ende angebracht zu sein.
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Mit dem folgenden Artikel moechte ich dieses bitter noetige Nachdenken ueber das etablierte Geldkonzept aus einer fuer den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstraem wahrscheinlich ungewoehnlichen Perspektive anregen. Ausgangangspunkt ist dabei das Konzept der Zahlungsbilanz , welches ich fuer eines der wenigen Konzepte halte, die in der vorherrschenden VWL als einigermassen brauchbar zur Klaerung von Sachverhalten zu bezeichnen sind. Auch dann, wenn es an einigen Stellen, wie in der Mainstream VWL ueblich, die notwendige begriffliche Schaerfe vermissen laesst, wenn es z.B. Erwerbs- und Vermoegenseinkommen aus oder an die uebrige Welt als einen Teil der Leistungsbilanz nennt. Denn dadurch wird, wenn auch in geringem Umfang, die wichtige Unterscheidung zwischen Fluessen realer Leistungen (Waren und Dienstleistungen), die ihren Ursprung immer in menschlicher Arbeit haben, und Fluessen von finanziellen Forderungen verwaessert bzw. unnoetig erschwert. Aus diesem Grund werde ich in der folgenden Diskussion die Positionen 3,4 und 5 der Zahlungsbilanz bewusst ausklammern.
Die Zahlungsbilanz ist abweichend von der ueblichen Bestandsbilanz einer Firma eine Bilanz von Stromgroessen. Sie unterteilt sich in eine Leistungsbilanz, in der (vorwiegend, s.o.) Leistungsstroeme (Waren und Dienstleistungen) betrachtet werden, und eine Kapitalbilanz, in der Kapitalstroeme (Gelder und andere Finanztitel) betrachtet werden.  Kernpunkt dabei ist, dass Netto-Leistungsabfluessen immer Netto-Kapitalzufluesse in gleicher Hoehe gegenueber stehen muessen. Umgekehrt gilt, Netto-Leistungszufluessen muessen immer gleich hohe Netto-Kapitalabfluesse gegenueber stehen. Waere das nicht so, dann waere das Ausdruck der Zahlungs- bzw. Leistungsunfaehigkeit einer der involvierten Parteien.
Die Zahlungsbilanz beschreibt so implizit eine Schnittstelle, mit der jede wirtschaftliche Einheit (Individuum, Firma, Volkswirtschaft) zwecks Kommunikation an den Rest der wirtschaftenden Welt angekoppelt ist. Diese Schnittstelle kann man sich bestehend aus zwei Rohrbuendeln mit jeweils zwei Rohren und den dazugehoerigen Flanschen  vorstellen, wobei durch das Rohrpaar 1 (blau) reale Leistungen zu- und abfliessen und durch das Rohrpaar 2 (rot) Kapital zu- und abfliesst. Innerhalb der wirtschaftlichen Einheit, die ueber diese Schnittstelle mit dem Rest der Welt kommuniziert, sind zwei Behaelter, in denen sich die jeweiligen Bestaende durch Integration der Differenz aus dem jeweilgen Zu- und Abfluss ueber Zeit abbilden. Ergaenzend und in Modifikation zur ueblichen Denkweise gibt es zwei Quellen, die reale Leistungen bzw. Kapital=Forderungen erzeugen koennen. Ebenso gibt es zwei Senken, die reale Leistungen verbrauchen bzw. Forderungen abschreiben koennen.


Um dieses Modell zu erklaeren moechte ich einige fundamentale Transaktionen anhand einer beispielhaften Volkswirtschaft bestehend aus Eva, Adam und evtl. einer Bank hier ausformulieren.
Wenn Eva einen Apfel pflueckt (L-Quelle > L-Bestand), zum Preis von 1$ anbietet und Adam Interesse zeigt, in dem er das Angebot annimmt, dann wird Eva den Apfel uebergeben (L-Abfluss) und eine Rechnung = eine spezifische, gerichtete Forderung an Adam schreiben (K-Quelle > K-Bestand). Ihre Bestandsbilanz verlaengert sich um den einen Dollar, denn sie wird auf Seiten der Aktiva die Position offene Rechnungen um 1$ erhoehen und als lebenserfahrene, konservative Frau auf Seiten der Passiva eine Rueckstellung von 1$ bilden, die mit dem Vermerk "Risikovorsorge fuer potentiell uneinbringliche Forderungen" gekennzeichnet ist. Bei Adam kommt es gleichzeitig zu einem Leistungszufluss in Form eines Apfels, der seinen Leistungsbestand entsprechend erhoeht. Wenn Adam liquide ist, also einen Kapitalbestand groesser Null ausweist, wird er zahlen und einen Kapitalabfluss von 1$ verbuchen, der seinen Kapitalbestand um 1$ senkt. Eva wuerde einen entsprechenden Kapitalzufluss von 1$ verbuchen und die Sache ist abgeschlossen. Wenn Adam allerdings keinen Dollar hat, wird es interessant, denn dann geht er zur Bank und bittet um Kredit. Wenn die Bank den Kredit gewaehrt und Adam 1$ auf seinem Girokonto gut schreibt und eine entgegengerichtete Forderung in Hoehe von 1$ auf seinem Schuldkonto vermerkt, dann kommt es bei Adam zunaechst zu einem Kapitalzufluss von 1$. Wenn Adam nun den 1$ an Eva ueberweisst, dann fliesst dieses Kapital bei Adam ab und bei Eva zu. Eva wird in ihrer Bestandsbilanz auf Seiten der Aktiva die Position offene Rechnungen um 1$ senken und die Position Kassenbestand um 1$ erhoehen. Auf Seiten der Passiva wird sie die Rueckstellung aufloesen und den Dollar (ueber die GuV) ihrem Eigenkapital zuschreiben.
Die Situation an dieser Stelle ist nun Folgende: Adam hat seinen Leistungsbestand um einen Apfel erhoeht. Die Bank haelt eine spezifische, gerichtete Forderung gegen Adam in Hoehe von 1$ und Eva haelt eine zur Umlauffaehigkeit veredelte Forderung gegen den Rest der Welt von 1$. Interessant ist, dass Eva bei Zahlung durch Adam einen Aktivtausch vornimmt. Die spezifische auf Adam gerichtete offene Rechnung gegen eine Forderung gegen den Rest der Welt. Gleichzeitig landet die spezifische Forderung gegen Adam bei der Bank. Weiterhin ist interessant, dass sich im Moment der Kreditgewaehrung der Bestand aller Forderungen verdoppelt hat, denn zu der urspruenglichen gerichteten Forderung gegen Adam, die nun von der Bank gehalten wird, ist nun noch das Geld = Evas zur Umlauffaehigkeit veredelte Forderung gegen den Rest der Welt hinzugekommen.
Wenn sich dieser Vorgang staendig wiederholt und sonst nichts passiert, dann erhoehen sich die jeweiligen Bestaende / Konten in den jeweiligen Bilanzen entsprechend.
Man sieht sehr schoen, bei Zahlung durch Adam findet bei Eva nur ein Aktivtausch statt. Offene Rechnung gegen Geld=umlauffaehige Forderung gegen den Rest der Welt. Nun kann Adam zu Eva gehen und sie bitten, ihr den 1$ zu leihen, damit er seine Schuld bei der Bank tilgen kann. Wenn Eva darauf eingeht, dann erhaehlt Adam den Dollar und Eva einen (triple A rated?) Schuldschein mit nominal Wert 1$, den sie in ihrer Bilanz auf Seiten der Aktiva unter der Position langfristige Forderungen eintraegt. Also wieder ein Aktivtausch. Wenn Adam tatsaechlich zur Bank geht und seine Schuld tilgt, dann verkuerzt sich die Bankbilanz um 1$. Wenn Adam aber einen weiteren Dollar Schulden aufnimmt, um dann mit 2$ bei naechster Gelegnheit bei Eva 2 weitere Aepfel zu kaufen, waechst seine Schuld bei der Bank auf 2$ und nach dem Kauf Evas Forderungen gegen den Rest der Welt auf 2$ + 1$ spezifisch, gerichtet auf Adam in Form eines Schuldscheins. Solange Adam nicht den Ruecken krumm macht und ein paar Kartoffeln aus seinem Acker ausgraebt, die er an Eva verkaufen kann, nuetzen die ganzen weiteren Finanztransaktionen inkl. Saeumniszuschlaege, Zinsbelastungen bzw. Zinsgutschriften = Erhoehungen des Forderungsbestands nichts.
Weiterhin tauchen interessante Fragen auf, wenn man sich ueberlegt, was mit den Forderungsbestaenden passiert, wenn der Apfel gegessen = verbraucht wird oder bei Eva im Regal verfault. Auch Kapitalstroeme ausgeloest durch zeitweilige Ueberlassung eines Gegenstands (Mieten, Pachten etc.) sind in diesem Modell ausgesprochen interessant.
Aber das sind Diskussionen, die ich erst zu einem spaeteren Zeitpunkt aufgreifen moechte.


Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Hallo Herr Trappe,

    ich bin vor einiger Zeit auf dieses Buch gestoßen:
    http://thememorybank.co.uk/book/

    Vielleicht habe ich das schonmal empfohlen? (KA)

    Die Gedanken über Geld und seine Gesellschaftliche Bedeutung die der Wirtschaftsanthropologe Keith Hart da zu Papier bringt sind extrem inspirierend. Sein Buch ist zwar mühsam zu lesen aber sehr zu empfehlen.

    Gruß

    AlienObserver

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  2. Hallo AlienObserver,

    freut mich mal wieder von Ihnen zu hoeren.
    Vielen Dank fuer den Lesetip.
    Ich wuensche Ihnen alles Gute.

    Georg Trappe

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  3. Sehr geehrter Herr Trappe,

    bin gespannt auf Ihre Folgeartikel.

    MfG

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  4. Hallo Herr Huthmann,

    vorab, es wird bei einer qualitativen Betrachtung bleiben. Man kann mit dem gezeigten Modell in drei Schritten vorgehen. 1.) Man nimmt es so wie es ist und schliesst es kurz. D.h. man verbindet die Abfluesse mit den jeweiligen Zufluessen. Dann braucht man noch eine "Verbindung", den Markt, der die Kopplung der Differentialgleichungen herstellt und schon hat man eine geschlossene Volkswirtschaft. Da es nur zwei Dimensionen/Freiheitsgrade gibt, entsteht als interessantester Fall ein Zyklus.
    2.) Man nimmt zwei dieser Elemente und verbindet sie entsprechend. Dann hat man eine Volkswirtschaft A mit dem "Rest der Welt" verbunden. Dazu die oben erwaehnte Kopplung ("Markt") und die Sache wird schon interessanter, da es jetzt vier Freiheitsgrade / Dimensionen gibt und damit ein Phasenraum aufgespannt wird, der schon deutlich mehr zu bieten hat als das Auf- und Ab eines Raeuber- Beute Modells.
    3.) Man verknuepft hunderte/tausende dieser Einheiten, koppelt sie entsprechend und schaut was geschieht. Und siehe da, natuerlich abhaengig von der Parametrisierung und der Ausfuehrung der Kopplung, ergeben sich in diesem hochdimensionalen Gebilde Dinge, die man so ersteinmal nicht erwarten wuerde. Gleichgewichte muss man z.B. suchen. Es gibt sie, aber sie stellen sich nicht von selber ein.

    Was unter dem Strich bleibt ist: Der Kopf ist rund und ermoeglicht uns so in alle Richtungen zu denken. Das sollten wir auch tun. Aber wenn wir uns dahin versteigen, das wir eine Richtung als alternativlos auswaehlen, dann verpassen wir nicht nur eine ganze Menge, sondern riskieren am Ende (wie z.Zt.) ausgesprochen dumm dazu stehen.

    Ein schoenes Wochenende wuenscht

    Georg Trappe

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