Samstag, 15. Juni 2013

Wird die Welt von betriebsblinden Idioten regiert?

Ich denke man muss die Frage nach nun fast 6 Jahren Dauerkrise eindeutig mit Ja! beantworten. Denn auch in dieser Woche gab es mindestens zwei herausragende Schlagzeilen, die meiner Meinung nach diese sehr harte aber offensichtlich zutreffende Diagnose stuetzen.


1.) Klaus Regling:
"Der IWF macht den Stabilitätspakt lächerlich und erklärt sich selbst für die Schaffung von Wachstum für zuständig. Damit baut er nicht nur einen falschen Gegensatz auf. Vor allem lässt er erkennen, dass er die Regeln unserer Währungsunion nicht versteht. Der Euroraum mit einer einheitlichen Geldpolitik und 17 nationalen Wirtschafts- und Fiskalpolitiken kann nur funktionieren, wenn die Regeln eingehalten werden. Wenn der IWF das nicht versteht, ist das ein großes Problem."
Der Mann ist also felsenfest davon ueberzeugt, dass nur "die Regeln" eingehalten werden muessten, damit die Sache funktioniert. Das er dabei uebersieht, dass alle die sich nach Kraeften bemuehen, die Regeln einzuhalten immer tiefer in einer schweren Rezession versinken, die die ursaechlichen Probleme nur weiter verschaerft, faellt ihm offenbar nicht auf.
Der kritisierte IWF ist da ein kleines Stueck weiter. Aber auch dort sind die tieferen Problemursachen bisher aus ideologischer Betriebsblindheit nicht wirklich erkannt worden. Immerhin scheint man bereit zu sein zwischen der sich verschaerfenden Rezession in den  betroffenen Laendern und dem Spardiktat einen Zusammenhang zu sehen. Doch von einer wirklichen Loesung, die die ursaechlichen Probleme adressiert, ist auch der IWF meilenweit entfernt.

2.) Ziel: Transatlantisches Freihandelsabkommen:
"Die EU und die USA wollen zusammen die größte Freihandelszone der Welt schaffen. Die Hoffnungen sind ebenso groß wie die Ängste. Die 27 EU-Länder haben erst einmal grünes Licht für die Verhandlungen gegeben."
"Die EU-Kommission preist ein Freihandelsabkommen mit den USA in den höchsten Tönen und mit verlockenden Zahlen an. Kommissionspräsident José Manuel Barroso glaubt, das europäische Bruttoinlandsprodukt werde dadurch ein halbes Prozent zulegen. "Das bedeutet zig Milliarden Euro im Jahr und Zehntausende neue Arbeitsplätze" - Musik in den Ohren der rezessionsgeplagten europäischen Öffentlichkeit. Und Unternehmer und Politiker werden eine weitere Botschaft von Handelskommissar Karel De Gucht gern hören: "Längerfristig können wir zusätzliche Gewinne durch den Produktivitätszuwachs erwarten, den eine Marktöffnung begleitet, und kurzfristig mehr Vertrauen der Wirtschaft, weil wir die Gefahr des Protektionismus verringern." Die Brüsseler Dependance des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hofft mit einem Abkommen auf ein "kostenloses Konjunkturprogramm": "Angesichts leerer Kassen in Europa und den USA gibt es kaum Möglichkeiten, durch Staatsausgaben die Konjunktur anzukurbeln. Für beide Seiten ist es deshalb wichtig, Fortschritte beim Freihandel zu erzielen". Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft werde davon profitieren."
Da kann man sich dann wirklich nur noch an den Kopf fassen. Denn seit 2007/2008 ist doch hoffentlich allen klar geworden, dass die groesste Volkswirtschaft der Welt ihre horrenden und ueber Dekaden aufgetuermten Schulden nicht wird zahlen koennen. Selbst wenn sie es wollte und es in einem ernsthaften Versuch nur annaehernd schaffen wuerde, wuerde es bedeuten, dass die Volkswirtschaften, die bisher die entsprechenden Ueberschuesse produziert und geliefert haben in unglaublicher Arbeitslosigkeit versinken wuerden. Wie soll dies durch ein Freihandelsabkommen verhindert / geloest werden? Soetwas ist Schwachsinn hoch zehn, weil nur mehr vom staendig gleichen wirtschaftsliberalen Rezept, welches schnurstracks in diese inzwischen alles dominierenden Probleme und zu den bereits zu gigantischen Ausmassen herangewachsenen Ungleichgewichten gefuehrt hat.
-
Eine gesunde, gleichgewichtige Wirtschaftsbeziehung zeichnet sich dadurch aus, dass keine laengerfristigen Leistungsbilanzdefizite entstehen. Dies gilt sowohl auf der Ebene von Volkswirtschaften, wie auch auf der Ebene von Firmen und Individuen. Kurzfristige Leistungsbilanzdefizite sind kein Problem und es ist auch kein Problem diese durch entsprechende Kredite zu ueberbruecken. Wenn aber Leistungsbilanzdefizite ueber Dekaden immer in eine Richtung laufen, dann ist das Ausdruck dysfunktionaler Wirtschaftsbeziehungen, die zwangslaeufig entsprechende Schuldenberge nach sich ziehen muessen. Man kann so gesehen sagen, dass die anschwellende Bilanzsumme des globalen Bankensystems  der kumulierte Ausdruck dieser Dysfunktionalitaet unserer Wirtschaftsweise ist. Oder anders betrachtet, koennten diese Ungleichgewichte garnicht in diesem Ausmass entstehen, wenn es kein Bankensystem gaebe, das die Finanzierung dieser staendig wachsenden Ungleichgewichte betreiben wuerde. Denn die ungleichgewichtigen Wirtschaftsbeziehungen wuerden sofort abbrechen, sobald Leistungs- bzw. Zahlungsunfaehigkeit festgestellt wuerde. Das Problem ist, dass Ungleichgewichte, einmal eingetreten, eine sich selbstverstaerkende Tendenz entfalten. Wenn dadurch die erzielbaren Renditen und damit die wirtschaftlichen Wachstumschancen, zwischen den Teilnehmern  immer weiter streuen, kommt es zwangslaeufig zu eskalierenden Konzentrationsprozessen, die letztendlich die Fundamente und damit die Stabilitaet des Systems an mindestens drei Stellen massivst untergraben.

1.) Wird das Finanzsystem instabil, da die grundsaetzlichen Risiken Kreditausfall und Bank Run ueberproportional steigen.
2.) Die Anpassungsfaehigkeit an sich aendernde Umgebungsbedingungen = Innovationsfaehigkeit geht zunehmend verloren.
3.) Die gesellschaftliche Kohaesion, die unbedingt notwendig ist, um eine stark arbeitsteilige Wirtschaftsweise betreiben zu koennen, geht zunehmend verloren, da die Wohlstandszuwaechse nur noch einer immer kleiner werdenden Gruppe zufliessen.

Wer diese an sich simplen Zusammenhaenge ums Verrecken nach nun fast 6 Jahren immer noch nicht sehen oder begreifen will, ist, so leid es mir tut, nur noch als ausgemachter, betriebsblinder Idiot zu bezeichnen. Das diese Spezies ausgerechnet in den oberen Etagen unserer Gesellschaft durch geistige Inzucht an sog. Eliteschulen bzw.durch einen vollkommen irrationalen Glauben an die Alternativlosigkeit des neoliberalen Dogmas eine verheerende Verbreitung gefunden hat, ist dann nur noch ein weiterer, verschaerfender Grund fuer das eskalierende Ausmass der Tragoedie. Denn wenn in einer solchen Situation ausgerechnet die fuehrenden Koepfe einer Gesellschaft kein Einsehen haben, dann bleibt mit grosser Wahrscheinlichkeit und Dank der ebenfalls hochkonzentrierten und machtkonformen Strukturen der vierten Gewalt auch der Mehrheit der Blick auf die tieferen Ursachen versperrt und es kommt  unweigerlich zu einer Katastrophe.

Sapere Aude!

Georg Trappe



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen