Montag, 25. November 2013

Sehenden Auges

Ich moechte hiermit einen Hinweis aufgreifen, den ich bei pinkepinke gefunden habe.
Es geht dabei um einen Aufsatz von Johann Eekhoff aus dem Jahr 2004 zum Thema deutsche Exportueberschuesse, das z.Zt. mal wieder fuer interessante Diskussionen und noch interessantere Stellungnahmen sorgt.
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Mein Schluss aus dem Artikel in Verbindung mit dem Datum seines Erscheinens ist, den Betreibern des schiefen, deutschen Geschaeftsmodells ist vollkommen klar, welche Folgen und Risiken es hat. Sie betreiben es trotzdem und im vollen Bewusstsein.
Aber was ist von jemandem, der so etwas ohne Not tut, zu halten?
Was ist von jemandem zu halten, der, obwohl er genau weiss, welche Folgen ein derartiges Geschaeftsmodell hat, die politische Kaste, die sog. Experten und die Medien dafuer einspannt, dem Volk zu erklaeren, dass dies alles nur zu seinem Besten geschieht?
Kann man mit so jemandem in realistischer Aussicht auf einen ehrlichen Interessenausgleich in Verhandlungen treten? Oder angesichts einer solchen Gruppierung an die Moeglichkeit dritter Wege glauben? Was ist von denen zu halten, die sich da bereitwilligst und in grosser Zahl einspannen lassen? Von denen, die im Auftrag von Friede Springer, den Quandts und Klattens dieser Welt das Volk in einen Nebel fuehren, der die Geschichte so aussehen laesst, als waeren die negativen Seiten die unausweichlichen Folgen eines Sachzwangs, der die Entscheidung fuer dieses Geschaeftsmodell alternativlos macht und dem man sich daher zu unterwerfen habe?
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Es gibt eine erhebliche Diskrepanz zwischen den kumulierten deutschen Leistungsbilanzueberschuessen und der deutschen NIIP.

http://www.querschuesse.de/deutschland-niip-mit-1122298-mrd-euro/

D.h. erstens, die finanziellen Mittel, die aus den Leistungsbilanzueberschuessen zugeflossen sind, wurden schlecht angelegt, und zweitens es muss eine Gegenposition zu diesen Verlusten geben.



Wenn man sich auf die Suche nach dieser Gegenposition macht, dann wird man im UK und in den USA fuendig. Trotz eskalierender kumulierter Leistungsbilanzdefizite gelingt es dem UK seine NIIP nahe oder knapp ueber Null zu halten.









Und den USA gelingt es immerhin die Errosion ihrer NIIP durch esklalierende kumulierte Leistungsbilanzdefizite zu halbieren.









Wie funktioniert soetwas? Ganz einfach! An “den Maerkten” werden nicht nur die Preise fuer die aktuellen Transaktionen gebildet, sondern auch ueber diese Preise die Bewertung der bis Dato aufgelaufenen Bestaende. Wenn es also gelingt die Geldstroeme so zu lenken, das sie Titel nachfragen, die dem UK oder den USA zugerechnet werden, dann ist es so offenbar moeglich durch die dadurch ausgeloeste Aufwertung/Abwertung der Bestaende gigantische Leistungsbilanzdefizite auszugleichen (UK) bzw. zu halbieren (USA). Deutschland zaehlt zu denjenigen, die die zwangslaeufig notwendige Gegenposition inne haben. Trotzt enormer Leistungsbilanzueberschuesse steigt die deutsche NIIP deutlich schwaecher, was bedeutet, das die bestehenden Bestaende abgewertet werden. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass “die Maerkte”, die diese Magie leisten in New York und in der City of London ansaessig sind. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass die groesste deutsche Bank mehrheitlich nicht mehr Deutschen gehoert, sondern der einzige ueber der Meldeschwelle liegende Grossaktionaer Black Rock heisst und in New York seinen Sitz hat.
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Der Knueller ist nun, dass ein sog. Wirtschaftswissenschaftler mit einem gewissen Renomee und sehr guten Beziehungen zu den allerhoechsten Etagen unserer Gesellschaft dies in einem Aufsatz im Jahr 2004, also dem Jahr in dem die Eskalation der deutschen Leistungsbilanzueberschuesse beginnt, haargenau beschreibt. Das wiederum kann nur heissen, dass diejenigen, die in Deutschland das Sagen haben, dies im vollen Bewusstsein nicht nur getan haben, sondern auch weiterhin tun. Diese Kreise haben ueber Deutschland den Daumen gesenkt. Diese Kreise haben beschlossen, dass es sich nicht mehr lohnt in Deutschland zu investieren. Weder privat noch oeffentlich. Es ist auch tabu den Arbeitnehmern, die den Reichtum erarbeiten, eine dem Produktivitaetsfortschritt entsprechende Entlohnung zukommen zu lassen und so einen entsprechenden Konsum zu ermoeglichen. Diese Kreise haben beschlossen, das Land auf die kalte Tour auszubluten und koennen sich dabei noch der Unterstuetzung einer Politik sicher sein, die ihnen temporaere Bewertungsverluste grosszuegig ausgleicht indem sie sie der Allgemeinheit aufbuerdet.
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Gleichzeitig wird die Oeffentlichkeit via Politik, “Experten” und Medien in eine abstruse, die Sachverhalte vollkommen vernebelnde Debatte gelenkt. Ein mieseres Schurkenstueck ist kaum vorstellbar.
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Die Gruppierung, die dieses Schurkenstueck betreibt, besteht aus den Quandt, Klatten, Springer, Albrecht, Mohn etc. Familien, die sich offenbar einer internationalen, kosmopolitischen Elite zugehoerig fuehlen, die inzwischen keine nationalen Grenzen mehr kennt. Die Vorstellung von nationalen Oekonomien oder gar Wohlfahrtsoekonomien ist ueberholt. Seitdem Kapital frei beweglich ist und ohne jede Einschraenkung Landesgrenzen queren kann, muss national orientiertes Denken in die Irre fuehren. Der Aufstieg multinationaler Grosskonzerne hat sein uebriges dazu getan. Selbst der amerikanische Staat sieht sich nicht mehr in der Lage von diesen Giganten und ihren Eigentuemern die dringend benoetigten Steuern einzutreiben. Ueberall unterwirft das Kapital das Gemeinwesen und macht es sich in seinem Sinne zu nutze.
Dies ist die eigentliche Essenz des Begriffs Globalisierung.
Nationale Korrektive wie z.B. eine Senkung der allgemeinen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich werden damit unmoeglich. Nationale Wirtschaftspolitik beschraenkt sich dann nur noch darauf, die Betroffenen ruhig zu stellen und so sukzessive ihre Anpassung an die aufziehenden neofeudalen Verhaeltnisse zu betreiben.
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Wie oben angedeutet bin ich der Meinung, dass man die real existierende Oekonomie nicht mehr als Nationaloekonomie oder gar Wohlfahrtsoekonomie denken kann, wenn man sich nicht einem Wunschdenken hingeben will. Vereinfacht gesagt wird vielmehr in einem uebertragenen Sinn das Portfoliomanagement nach der Boston Consulting Group Matrix praktiziert.
http://de.wikipedia.org/wiki/BCG-Matrix
Deutschland als Asset betrachtet, ist in dieser Analyse eine Cash Cow. Das ist sogar kompatibel mit modernen evolutorischen Betrachtungsweisen. Aus der Sicht des internationalen, kosmopolitischen Management Teams geht es also im wesentlichen darum das Portfolio so zu strukturieren, dass man Dogs vermeidet, Fragezeichen = Opportunities so besetzt, dass sie ausgebaut werden koennen, wenn sie sich zu Stars entwickeln sollten und Cash Cows auf ihrem Weg zu Dogs maximal zu melken ohne sie dabei vorzeitig trocken laufen zu lassen.
Interessant ist auch der Satz im Wikiartikel bezogen auf das dort abgebildete und diskutierte Beispiel:
“Eine solche Situation hat auch starke Auswirkungen auf das Unternehmensrating gemäß Basel II. So wirft das Unternehmen zwar derzeit hohe Deckungsbeiträge ab, damit ist jedoch nicht gesagt, dass die wohl gute Kapitalisierung des Unternehmens auch rechtzeitig in die Produktinnovation investiert wird. Da bei einer Kreditanfrage die Unternehmensbewertung durch die Bank nach Basel II nur die statischen Leistungskennzahlen abfragt, ohne die Betrachtung einer dynamischen Ausschichtung des Produktportfolios, wird das Unternehmen aus vorliegendem Beispiel sowohl die EBIT-Analyse (EBIT: earnings before interest and tax) als auch die Wertschöpfungskennzahlen hervorragend darstellen können.”
Denn abweichend zur rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung ist es nun so, dass Volkswirtschaften ihre eigene, endogene, Finanzierung auf die Beine stellen koennen, wenn sie ueber eine eigenen Zentralbank und eine eigene Waehrung verfuegen. Etwas aehnliches koennen nur Grosskonzerne, die ueber eine eigene Banklizenz verfuegen, was bei vielen DAX Konzerne inzwischen der Fall ist, oder starke Koalitionen zwischen Grosskonzernen und Grossbanken. Denn damit entsteht die Moeglichkeit sich an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen bzw. eine sich selbsterfuellende Prophezeiung in Gang zu setzen. Allerdings scheint dies auf der Ebene der Volkswirtschaften nur solange zu funktionieren, bis die Verschuldung aller volkswirtschaftlichen Sektoren jeweils 100% des BIPs erreicht. Bei einem Gesamtschuldenstand von 350 bis 400% des BIPs entsteht eine Art mentale Sperre, die es offenbar unvorstellbar macht, das derartige “Stars” laenger “Stars” bleiben koennen. Und so werden sie zu Cash Cows und dann zu Dogs. Das Ganze bekommt ueber diesen Zusammenhang eine zyklischen Charakter der Art Aufstieg, Stagnation und Untergang. Das ist fuer die meisten Betroffenen in den Volkswirtschaften natuerlich ausgesprochen unbefriedigend und schmerzhaft. Fuer das internationale, kosmopolitische Management Team aber eher unbedeutend, wenn man ueber ein “kompetentes” Team von Helfern in der Politik, den sog. Wirtschaftswissenschaften und Medien verfuegt, was den Betroffenen die notwendigen und “alternativlosen” Anpassungsprozesse durch eine professionelle palliative Therapie erleichtert. Insbesondere die Erklaerung, dass sich das Ganze auf ein pareto optimales Gleichgewicht zu bewegt, hilft offenbar besonders Vielen, den Glauben an Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit auch in schweren Stunden nicht zu verlieren. Den Medien kommt dabei die besondere Aufgabe zu, die fuenf Schritte zur Akzeptanz nach Kuebler Ross bei ihrer Kommunikation der Ablaeufe immer im Auge zu behalten. Sicherlich keine leichte Aufgabe. Aber fuer junge Chefredakteure, die diese Herausforderung als Chance begreifen eine grossartige Gelegenheit Karriere bei Friede Springer oder in aehnlichen Kommuniktionsimperien zu machen.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Ich danke pinkepinke fuer den wirklich erhellenden Hinweis auf den Eekhoff Aufsatz.
Ich danke weiterhin Steffen Bogs, dem Betreiber des Blogs Querschuesse fuer seine immer faktenbasierten Beitraege zurAufhellung dieser Sachverhalte. Wenn Sie zu denen gehoeren, die sich mehr oder weniger freiwillig jeden Monat 20 Euro von der GEZ fuer eine die Zusammenhaenge vernebelnde Berichtserstattung abziehen lassen, dann empfehle ich Ihnen  zur Abwechslung mal einen Blick in seinen Blog. Die 5 oder besser 10 Euro pro Monat lohnen sich auf jeden Fall.

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