Samstag, 30. November 2013

Spinodale Zerlegung II

Wie die meisten wissen, laufe ich gegen die Vorstellung, Wirtschaft sei als ein gleichgewichtsnahes, aus sich heraus auf ein Gleichgewicht zustrebendes System zu beschreiben, seit einiger Zeit Sturm. Mein Hinweis auf die Existenz spinodaler Zerlegung moechte ich dabei als Hinweis darauf verstanden wissen, dass es soetwas wie Phasenuebergaenge, Keimbildung und Wachstum, Ostwaldreifung, Metastabilitaet und spontane Zerlegung/Entmischung gibt. Wenn man sich Wirtschaft als ein System, bestehend aus zwei Komponenten, Stoffen, Phasen denkt, indem es um materiellen Wohlstand (Komponente A) und Menschen (Komponente B) geht, dann kann man versuchen, die Vorgaenge in diesem System durch Analogien zu Zweistoff- / Zweiphasensystemen der Festkoerperphysik / Materialforschung zu beschreiben.
Ausgangspunkt fuer eine solche Beschreibung durch eine Analogie muss aber immer eine objektiv belegbare Beobachtung sein. Fuer mich ist dabei die vielfach belegte Tatsache, dass seit Mitte / Ende der 70er Jahre in den grossen westlichen Volkswirtschaften die Vermoegens- und Einkommensverteilungen zunehmend rechtsschief wurden, der wesentliche Ausgangspunkt. Denn d.h. das Vermoegen = materieller Wohlstand sich zunehmend konzentriert und zwar gegen einen bereits bestehenden Gradienten. Dies ist vollkommen untypisch fuer ein System, was angeblich aus sich heraus ein Gleichgewicht anstrebt. Denn Gleichgewicht bedeutet, dass kein Konzentrationsgradient vorhanden ist, der einen weiteren gerichteten Stofftransport antreiben koennte.Vielmehr ist der Fluss entgegen einem Gradienten ein Anzeichen von Instabilitaet, denn es muss eine Kraft geben, die nicht nur den bereits bestehenden Gradienten ueberwindet, sondern auch dessen weiter zunehmenden Anstieg. Bei physikalischen Systemen hat eine solche Kraft ihren Ursprung immer in einer Verbindung des Systems mit seiner Umwelt. Meistens werden dabei geschlossene aber nicht isolierte Systeme betrachtet. D.h. die entsprechenden Beobachtungen werden unter Auschluss von Massenaustausch mit der Umgebung aber bei moeglicher Energiezu- oder abfuhr gemacht. Hier muss also jede Analogie schon mit einem Fragezeichen versehen werden, denn das System Wirtschaft betreibt z.B. ueber Rohstoffe und Abfaelle einen intensiven Massenaustausch mit seiner Umwelt. Dennoch ist es sinnvoll sich mit solchen Phaenomenen und den zugehoerigen Theorien zu beschaeftigen. Denn die Spinodale Zerlegung, als Beispiel herausgegriffen, ist durchaus denkbar als eine Folge einer stetigen Zufuehrung einer Komponente des Systems bei konstanter Temperatur und konstantem Druck. Wenn die Konzentration dieser Komponente so bei konstanter Temperatur und konstantem Druck z.B. von rechts nach links die metastabile Phase durchquert, also steigt und dabei die Mischungsluecke, die Flaeche unter der Spinodalen erreicht, dann ist trotz weiterer Zufuhr dieser Komponente keine stabile Mischung zu erzielen, solange die Temperatur unter UCST verbleibt.




 Quelle

D.h. ein Wirtschaftssystem, welches bereits seit ueber drei Jahrzehnten eine Entmischung von Wohlstand/Geld und damit Symptome von Instabilitaet zeigt, durch die weitere Zufuhr von Geld stabilisieren zu wollen, ist bei der Annahme, dass eine Spinodale / Mischungsluecke vorhanden ist, vollkommen aussichtslos. Die Frage also ist, wenn man in diesem Bild der homogenen Phase naeher kommen will, wie bekommt man die Temperatur hoch? Mein Tip waere, dafuer zu sorgen, dass der Wettbewerb dort, wo er nicht mehr vorhanden ist, naemlich bei den Oligopolen "too big to fail", wieder seine Wirkung entfalten kann.

Sapere Aude!

Georg Trappe

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Trappe,

    bin ganz Ihrer Meinung und habe öfters versucht das darzustellen. Es ist der mangelnde Wettbewerb, der es ermöglicht, daß die Einkommensverteilung über Jahrzehnte schief läuft. Wer verhindert den regulierenden Wettbewerb?

    Meine These ist ja, daß den Investoren langfristig Risiken abgenommen werden.
    MfG Huthmann

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  2. Guten Morgen Herr Trappe,

    mir hat ihr Artikel sehr gut gefallen, und kann das ganze nur zustimmen.

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    1. Vielen Dank fuer den freundlichen Zuspruch

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  3. Das Märchen von der Unmöglichkeit marktwirtschaftlicher Selbstregulation

    Vor 3200 Jahren wusste noch niemand, wie marktwirtschaftliche Selbstregulation dauerhaft funktioniert, aber immerhin hatte man schon erkannt, wodurch die Selbstregulation verhindert wird:

    Himmel und Erde = Nachfrage (Geld) und Angebot (Waren)
    Garten Eden / Paradies = freie (d. h. monopolfreie) Marktwirtschaft
    Früchte tragende Bäume = Gewinn bringende Unternehmungen
    Baum des Lebens = Geldkreislauf
    Baum der Erkenntnis = Geldverleih
    Frucht vom Baum der Erkenntnis = Urzins (S. Gesell) / Liquiditätsprämie (J. M. Keynes)
    Gott (Jahwe) = künstlicher Archetyp: "Investor"
    Mann / Adam = Sachkapital / der mit eigenem Sachkapital arbeitende Kulturmensch
    Frau / Eva = Finanzkapital / der in Sachkapital investierende Kulturmensch
    Tiere auf dem Feld = angestellte Arbeiter ohne eigenes Kapital (Zinsverlierer)
    Schlange = Sparsamkeit (die Schlange erspart sich Arme und Beine)
    Nachkommen der Schlange = Geldersparnisse
    Nachkommen der Frau = neue Sachkapitalien
    Kopf der Schlange = Kapitalmarktzins (Sachkapitalrendite)
    Erbsünde = Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz)
    Vertreibung aus dem Paradies = Verlust der Unterscheidungsfähigkeit zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus
    Cherubim = Denkblockaden

    Ohne diese verflixten Denkblockaden, die leider notwendig waren, um erst einmal in das (noch) bestehende zivilisatorische Mittelalter (Zinsgeld-Ökonomie) hineinzukommen, wäre die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft) - und damit die marktwirtschaftliche Selbstregulation - nicht erst seit Silvio Gesell,...

    https://www.deweles.de/mut.html?file=files/_theme/pdf/soziale_marktwirtschaft.pdf

    ...sondern schon seit Jesus von Nazareth verwirklicht:

    https://www.deweles.de/phantasie.html?file=files/_theme/pdf/himmel_auf_erden.pdf

    Aber was nicht ist, kann ja noch werden:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2016/10/gesetze-der-zukunft.html

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