Mittwoch, 25. Dezember 2013

Die Konstruktion und Wirkung von Macht durch manipulative Kommunikation am Beispiel Einkommensverteilung

Die Propagierung eines Durchschnittseinkommens ist im Fall einer zunehmend rechtsschiefen Verteilung der Einkommen ein Witz. Denn es ist ein Konjunktiv. Durchschnitt heisst naemlich: Waere! das Gesamteinkommen auf alle Einkommensbezieher gleich! verteilt, dann wuerde! jeder das Durchschnittseinkommen erhalten. Viel aussagekraeftiger ist das Medianeinkommen, denn das beschreibt einen Fakt und keinen Konjunktiv. Denn das Medianeinkommen ist das Einkommen, das die Gesamtheit der Einkommensbezieher in zwei Haelften teilt. 50% erhalten mehr. 50% erhalten weniger. Der Abstand zwischen Median- und Durschnittseinkommen wird mit zunehmender Ungleichverteilung (Rechtsschiefe) der Einkommen groesser.
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Eine Gesellschaft in der das Durchschnitseinkommen etwa doppelt so hoch ist wie das Medianeinkommen und in der dieser Abstand staendig steigt, hat ein Problem. Nicht nur, weil der Slogan “Wohlstand fuer Alle” unglaubwuerdig wird und durch die Politik nicht mehr vermittelbar ist, sondern auch weil es Ausdruck einer inneren “Zahlungsbilanzkrise” ist. Das obere Dezil ertrinkt in Forderungen waehrend es in der unteren Haelfte am noetigsten fehlt. Das obere Dezil der Einkommensbezieher verdoedelt dann diese ueberschuessigen Forderungen im von der Finanzindustrie bereitgestellten Casino in Nullsummenspielen. Da die Spreizung/Streuung der Renditen in diesen Nullsummenspielen maximal ist (+x00% bis -100%) beschleunigen diese den Konzentrationsprozess der Bestaende=Vermoegen durch den Mechanismus des Fettaugensyndroms.
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Die Folgen sind:
1. Zunehmende Instabilitaet des Finanzsystems, da die beiden fundamentalen Risiken eines Bankensystems (Bank Run und gehaeufter/stark korrelierter Kreditausfall) ueberproportional steigen.
2. Zunehmende Instabilitaet des politischen Systems, da sich die gesellschaftliche Kohaesion nur noch durch explodierende Sozialetats = Alimentierung der Aermsten notduerftig aufrechterhalten laesst. Dabei kann die Finanzierung dieser “Klebstoff-Sozialetats” auf verschiedenen Wegen erfolgen.
a) Wie in Japan durch die Zeichnung von Nullzinsanleihen durch die Reichen=Innere Verschuldung bei Nichtbanken.
b) Wie in den USA durch das Ausland bzw. seit 2008 zunehmend durch die Zentralbank.
c) Wie in Europa, wo man auch bereit ist Staaten pleite gehen zu lassen, durch Kredite der Geschaeftsbanken.
Nur im Fall a) wird der viel beschworene aber kaum existente “Geldkreislauf” zumindest teilweise geschlossen. In den Faellen b) und c) blaehen sich die Bilanzen des jeweiligen Bankensystems notwendigerweise weiter auf bzw. die Schwaechsten fallen wie in Europa c), wo die Geschaeftsbanken ihre Bilanzen schrumpfen, durch den Rost in das Feuer einer deflationaeren Entwicklung.
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Ausloeser ist ein sich stetig steiler aufrichtender Machtgradient. Denn wirtschaftliche Macht ist an Eigentum gekoppelt und rechtsschiefe Einkommensverteilungen fueheren zu entsrechenden rechtschiefen Vermoegensverteilungen, die ihrerseits in einer Mitkopplung die Ungleichheit der Einkommen vorantreiben. Waehrend es sinnvoll erscheint einen solchen Machtgradienten zu errichten, wenn alles in Truemmern liegt, um so eine effiziente Koordination der wirtschaftlichen Aktivitaeten und Schoepfung der Poetentiale zu ermoeglichen, so wird die staendig steilere Aufrichtung dieses Machtgradienten im weiteren Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung immer fragwuerdiger und fuehrt offensichtlich ab einem gewissen Punkt zu pathologischen Auswuechsen. Ermoeglicht wird dieses stetige Aufrichten des Machtgradienten, der interessanterweise in den Mainstream Theorien der sog. Wirtschaftswissenschaften nicht vorkommt, u.a. durch das Geld- und Bankensystem. Denn dieses entkoppelt durch eine Indirektion (Tausch von gerichteten spezifischen Forderungen (offene Rechnungen) gegen zur Umlauffaehigkeit veredelte Forderungen) den “Staerkeren” vom “Schwaecheren”. In einer Tauschwirtschaft ohne Geld wuerde der “Schwaechere” das Tempo der Entwicklung bestimmen, da die Wirtschaftstaetigkeit sofort abbricht, wenn nichts Reales mehr zum Tausch angeboten wird/werden kann. Geld schafft, verkuerzt ausgedrueckt, die Illusion sich von dieser Restriktion beliebig weit entfernen zu koennen. Und es ist diese Illusion, die sich z.Zt. vor unseren Augen in Luft aufloest. Der Glaube an Theorien, die reale Wirtschaft (in denen es ja ein Geld- und Bankensystem gibt) als von sich aus auf Gleichgewichte zustrebend beschreiben, hat den Blick auf die Entstehung gigantischer globaler Ungleichgewichte nicht nur zwischen den Volkswirtschaften sondern auch im Innern dieser Volkswirtschaften, verstellt.
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Der faktenbasierte Blog Querschuesse raeumt dankenswerterweise den Blick auf diese Zustaende frei. Es ist sehr bitter, was dabei aus dem Nebel machtkonformer, weil die Macht ignorierende, Theorien ans Licht gefoerdert wird. Aber ich denke, nur dann, wenn man dies erkennt und sich diesen Realitaeten auch stellt, kann man der alles untergrabenden Restauration etwas entgegen setzen und so den Idealen der Moderne in ihrem urspruenglichen Sinn wieder naeher kommen.

Freiheit von Tyrannei und nicht Freiheit zur Tyrannei.
Gleichheit vor dem Gesetz und keine vermoegensabhaengigen “Deals” oder Schlupfloecher fuer korrupte, endlos gierige Oligarchen.
Bruederlichkeit.

Sapere Aude!

Georg Trappe

P.S.: Die entkoppelnde Wirkung von Geld aktiviert und legt wirtschaftliche Potentiale frei, die bei einer Bindung der "Staerkeren" an die "Schwaecheren" nicht oder nur durch den Einsatz von Gewalt zugaenglich waeren. Geld ist so gesehen ein Machtmittel im Sinne von Max Weber, der sagt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Tragischerweise beruht das aktivierende Motiv (das allgemene Streben nach Mehr unter der statischen Annahme Mehr = Besser), wie oben dargestellt, auf einer Illusion, die in der inzwischen entstandenen Auspraegung nicht aufrecht zu erhalten ist.

Kommentare:

  1. Wie immer elegant beschrieben!

    Es ist schon verblüffend, wie die gesamte Welt derzeit für einen Mega-Ballon an Forderungen aufbläst, die niemals erfüllt werden können. Selbst das Drucken von Geld hilft kaum mehr weiter, weil auch diese Forderungen sehr schnell bei den oberen 1% ankommen.

    Wann erheben sich die 99% gegen die oberen 1% und lehnen den Schuldendienst ab und erlären die Zahlungsunfähigkeit? Wann befreien die 99% sich aus dieser verschleierten Sklaverei? Wann kentert das Boot wegen einseitiger Beladung? Wann sehen wir die große Annihilation von Schulden und Vermögen?

    Die Banken manipulieren und zocken als hätte es 2007 nie gegeben. In den Aktienmärkten jagt ein Rekord den anderen und der Goldpreis bricht ein, wie seit Jahrzehnten nicht. Irrationalität der Massen, der Märkte?

    Haben wir etwa überhaupt kein Problem mehr? Können wir etwa doch ewig so weitermachen???

    Als Mahner ist man plötzlich sehr einsam und kommt sich so verblendet vor, wie Kapitän Ahab im Film Moby Dick in der Schlussszene, als er an den Wal gefesselt immer und immer wieder mit einer Harpune auf ihn einsticht, der Wal aber völlig unbeeindruckt einfach abtaucht und ihn mit in die Tiefe des Meeres reißt.

    Und doch! Dieses System ist nicht aufrecht zu erhalten. Es muss zu einem gewaltigen Bruch kommen und dann werden völlig unschuldige Sündenböcke gesucht, gefunden und aufgehängt.

    (Wer die Szene aus Moby Dick nicht kennt, hier ein Bild:
    http://www.kotzendes-einhorn.de/blog/wp-content/uploads/2012/10/Ahab-Moby-Dick-600x432.jpg)




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    1. Hallo RealTerm,

      Vielen Dank fuer das Lob. Sie werfen eine Reihe guter Fragen auf und es erschuetternd zu sehen, wie sowohl diejenigen, die die Mittel an sich gerissen haben sowie ihre Helfer inkl. der sog. Wirtschaftswissenschaftler jede vernueftige Antwort schuldig bleiben. Larry Summers redet allen ernstes von QE forever und Paul Krugman hat nichts besseres zu tun als ihm mit lautem Hurra zuzustimmen. Auf der anderen Seite des grossen Teiches werden Rekordarbeitslosenstaende erzwungen und eine Steigerung der Wettbewerbsfaehikeit gefordert. Um was zu erreichen?
      Das alles ist tatsaechlich vollkommen absurd und am eigentlichen Problem vollkommen vorbei.Ihr Bild vom an den Wal gefesselten Kapitaen Ahab ist absolut zutreffend. Anstatt die Moeglichkeiten einer Symbiose zu begreifen betreibt man den "alternativlosen" Untergang mit aller Gewalt.

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    2. Sie sagen es!
      Es ist eine Katastrophe. Gerade die von Ihnen genannten Ökonomen kommen zu immer perverseren Lösungsansätzen, die wirklich auch den letzten Rest an gesunden Menschenverstand verspotten, nur weil sie die einfache Ursache der ungleichen Vermögensverteilung nicht erkennen (wollen). Sie kennen sicher folgenden Link, wenn nicht, er ist meines Erachtens ein absolutes "Must Read!" Besser kann man diese Perversion nicht auf den Punkt bringen!

      http://www.heise.de/tp/artikel/40/40530/1.html

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    3. Danke fuer den Hnweis auf den Telepolis Artikel. Ja ich kannte ihn schon. Trotzdem vielen Dank, denn es lesen ja vielleicht einige hier . Und Heise / Telepolis ist eine Erwaehnung wert. Es ist eine der ganz wenigen Ausnahmen bezueglich einer zum kritischen Denken anregenden Berichterstattung / Kommentierung. Auch diese Artikel Reihe ist lesenswert:
      http://www.heise.de/tp/artikel/40/40650/1.html
      Der dritte Teil endet mit dem Fazit:
      "Die Kulthandlung dieser säkularisierten Kapitalreligion vermag somit etwas, wovon alle Religionsanhänger Jahrtausende lang träumten: die durch kultische Handlungen vollführte Erweckung ihrer Götter zum Leben. Doch zugleich führt das immer weiter utilitaristisch perfektionierte Arbeitsregime den Tod auch dieses unter uns wandelnden und die Welt verheerenden Gottes herbei.

      Diese fremde, überwältigende Macht, die in ihrer Agonie wild um sich schlägt, scheint göttlich-unüberwindbar. Doch zugleich stellt sie eine fetischistische Herrschaftsform dar, sie wird – unbewusst – von den Menschen hervorgebracht. Alltäglich. Die gesellschaftliche Herrschaft im Kapitalismus besteht im Kern nicht in der Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern in der Beherrschung von Menschen durch abstrakte gesellschaftliche Strukturen, die von den Menschen selbst konstituiert werden. Wir machen uns unsere Götter – und folglich können wir sie auch stürzen."

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  2. "Wie immer elegant beschrieben!"
    Ich darf mich dem anschließen.

    " Wir machen uns unsere Götter – und folglich können wir sie auch stürzen."
    "Wir" sind ja sicherlich nicht alle Menschen, da stellt sich mir die Frage - vor allem für den zweiten Satz - aus welchen und wie beschaffenen Teilmengen muss ein tatsächlich den Sturz herbeiführendes "wir" bestehen?

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    1. Von Siegern lernen! Wenn man also mal anerkennt, was drei Jahrzehnte Neoliberalismus angerichtet haben und sich ueber die tieferen Ursachen klar geworden ist, dann kann man nur sagen nicht schlecht der Specht. Die angewendeten Strategien sind in ihrer Wirkung aber nicht unidirektional. Klassenkampf kann man nicht nur von oben nach unten fuehren. Teilen und herrschen funktioniert auch schon seit Ewigkeiten. Und Wettbewerb sollte endlich mal dahin getragen werden, wo er hin gehoert. Die Hoffnung ist also, dass sich ueber eine Bewusstwerdung ein "Wir" formiert, das diese Moeglichkeiten erkennt und den Spiess umdreht.

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