Mittwoch, 26. November 2014

Weisheit? Sachverstand?

Ich dachte schon die sog. Wirtschaftsweisen haetten fast unbemerkt ihr Jahresgutachten 14/15 an die Regierung uebergeben. Ganz so ist es aber wohl doch nicht. Auf der Webseite des Sachverstaendigenrates ist z.Zt. das Kapitel 6 in seiner englischen Uebersetzung gesondert zugaenglich gemacht. Das soll auslaendischen Kritikern der deutschen Wirtschaftspolitik dabei entgegen kommen, besser zu verstehen warum man chronische Leistungsbilanzungleichgewichte fuer unbedenklich haelt.






Fuer das Publikum in Deutschland hingegen haelt man es fuer paedagogisch wertvoller die Mindestlohndebatte um eine weitere absurde Runde zu verlaengern. Dabei ist der ueber die Jahrzehnte angehaeufte Berg an Forderungen=Papierwerten gegenueber dem Ausland schon so gigantisch, dass sich kein vernuenftig denkender Mensch mehr vorstellen kann, wie diese Forderungen jemals realisiert werden sollen. Der Sachverstaendigenrat ignoriert das nicht nur vollkommen, sondern bestaerkt die deutsche Politik darin, diesen Pfad mit Vehemenz fortzusetzen. Das ist im Licht der inzwischen gemachten Erfahrungen Wahnsinn. Denn am Ende steht der Offenbarungseid der Handelspartner und die Entwertung dieser Forderungen=Papierwerte.

Eine lesenswerte Sammlung/Zusammenfassung von Kritiken am Gutachten, die weit ueber den hier aufgezeigten Punkt hinaus gehen, finden Sie hier.

Sapere Aude!

Georg Trappe


P.S.: Fragen (von Dr. Haering) und Antworten (des Sachverstaendigenrates) zum Gutachten. Quelle

Kommentare:

  1. Ich musste in den letzten Tagen dazulernen, dass es sich bei den "Papierwerten" oder Zahlenkolonnen streng genommen um keine Forderungen handelt. Forderung bedeutet ja einklagbar oder verpflichtend, nur kann man ja gerne mal mit den Geldscheinen rumwedeln, eine Herausgabe*pflicht* von irgendwas besteht dabei nicht.
    Es ist ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens, dass man mit Geld reale Leistung einkaufen kann. Mehr als ein Versprechen ist es aber nicht.

    Das soll keine Haarspalterei sein, aber der Teufel steckt ja meistens im Detail. Ironischerweise sind ja genau die Verfechter der Leistungsbilanzüberschüsse diejenigen, die herauskehren, dass damit Forderungen gegen das Ausland oder sogar Vermögensaufbau im Ausland bestünde. Das ist purer Selbstbetrug, denn die Kapitalströme im Hier und Jetzt laufen ja gegenläufig Richtung Überschussländer.
    Man bekommt das große Grausen, wenn man sowas hier liest: http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/volkswirtschaften-ueberschuesse-in-der-leistungsbilanz-sind-ein-segen/5700960.html

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    1. Es ist sicherlich keine Haarspalterei darueber nachzudenken, was eine Forderung durchsetzbar macht oder nicht. Wenn ich eine reale Leistung an einen Vertragspartner liefere und eine Rechnung schreibe, dann stellt diese Rechnung einesehr spezifische und exakt adressierte Forderung dar. Wenn diese Forderung im Einklang mit den vertraglichen Vereinbarungen ist, dann ist sie in aller Regel erfolgreich einklagbar. Es sei denn, der Adressat erklaert eidesstattlich Zahlungsunfaehigkeit oder greift zu Mitteln ausserhalb des geltenden Rechts um sich seiner Verpflichtung zu entziehen. Kommt er jedoch seiner Verpflichtung nach, dann tausche ich die Rechnung, also die spezifische, exakt adresierte Forderung aus dem Vertragsverhaeltnis gegen eine mit viel Brimborium zur Umlauffaehigkeit veredelte Forderung gegen die Bank bzw. gegen die Zentralbank. Die haelt ihrerseits jetzt spezifische und exakt adressierte Forderungen in Form von Kreditvertraegen, die bei der Schoepfung des Geldes, welches ich als Zahlung akzeptiert habe, entstanden sind. Die Wirkung ist, dass die Schuldner, um ihre Kreditvertraege erfuellen zu koennen, ihrerseits wirtschaftlich aktiv werden, also Geld nachfragen und "Leistungen" anbieten und somit ein Leistungsangebot entsteht, das hoffentlich etwas enthaelt,was ich mit meinem Geld erwerben kann. Wenn das nicht geschieht oder die Bank, gegen die ich die Forderungen halte, den Geschaeftsbetrieb wegen Zahlungsunfaehigkeit, z.B. bei einem Bank Run einstellt, ist es fuer mich dumm gelaufen. Vorleistung ist immer mit Risikn verbunden. Die Illusion, diese Risiken verschwaenden ist truegerisch. Wer Forderungen anhaeuft, haeuft auch Ausfallrisiken an. Bei Forderungen in Form von Geld kommt tatsaechlich hinzu, dass der Adressat letztendlich die Zentralbank ist und dort per Klage im Ernstfall wohl nichts zu holen ist. Man steht dort dann vor dem Mythos "Nichts" ;-).

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    2. Hallo Georg,

      im Zusammenhang mit dem von Marco Schmidt erwähnten Artikel der Göttinger Wirtschaftsprofessorin Renate Ohr wollte ich Ihnen nicht vorenthalten, welches Motto sie der Darstellung ihres Forschungsbereichs auf der Website der Uni Göttingen vorangestellt hat ;-).
      Sehen Sie einfach selbst:
      http://www.uni-goettingen.de/de/forschung/65384.html

      Viele Grüsse
      Thomas Hanke ("Thoha" aus dem Querschuesse-Forum)

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    3. Hallo Thomas,

      vielen Dank auch fuer diesen Hinweis. Wenn man bedenkt, dass Frau Ohr ja zu denjenigen gehoerte, die der Bildung einer Waehrungsunion zum damaligen Zeitpunk eher kritisch gegenueberstanden, weil sie die Spannungen, die aufgrund der stark unterschiedlichen Entwicklungsstaende der zu integrierenden Volkswirtschaften gesehen haben, muss man sich schon fragen, was da (in den Koepfen?) vorgeht.
      Viele Gruesse
      Georg

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  2. Hallo,
    kann ich die Grafik der kumulierten Leistungsbilanz der Eurozone so verstehen, dass diese seit kurzem im Plus ist?
    Dann sollte doch die Gesamtverschuldung sinken. Und es wäre auch das Geld da um die Staatsschulden zu senken. Über Steuern. Richtig?
    Gruß

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  3. Hallo Bill,
    die Leistungsbilanz ist eine sog. Stromgroesse im Gegensatz zu Bestandsgroessen. Das erkennt man immer daran, dass Stromgroesen in $ pro Jahr angegeben werden (wenn man praezise ist ;-), waehrend Bestandsgroessen in $ angegeben werden. Die kumulierte Leistungsbilanz ist eine solche Bestandsgroesse, da dort die entsprechende Stromgroesse ueber die Zeit integriert = aufaddiert wird. Stellen Sie sich eine wasser leitung und einen Wassereimer vor. Wenn die Wasserleitung einen Wasserstrom von 5l/h (Stromgroesse) liefert, dann ist der Eimer nach 3h mit 15l + Anfangsbestand (Bestandsgroesse) gefuellt. Die Leistungsbilanz eines Landes ist Schwankungen unterworfen und kann auch das Vorzeichen wechseln. Wenn die Leistungsbilanz uebr die Jahre um Null schwankt, kann die kumulierte Leistungsbilanz sich ebenfalls nicht von Null entfernen. Nur wenn eine Leistungsblanz chronisch positiv oder negativ ist, kommt es zu einer Befuellung = Bestandsbildung, deren zeitliche Entwicklung als kumulierte leistungsbilanz dargestellt wird. Eine chronisch positive Leistungsbilanz bedeutet, dass monetaere Ueberschuesse angehaeuft werden. Eine chronisch negative Leistungsbilanz, wie z.B. in den USA, bedeutet, das die entsprechende Gegenposition, also Schulden (im Ausland) angehaeuft werden.
    Bei der von Ihnen angesprochenen Verschuldung unterscheidet man zwischen aeusserer und innerer Verschuldung. Ein Land kann, wie z. B. Japan gegenueber dem Ausland monetaere Ueberschuesse anhaeufen und gleichzeitig kann sein Staat bei den Inlaendern hochverschuldet sein. Das ist kein Widerspruch.
    Um sich von seinen Schulden zu befreien muesste der Staat tatsaechlich nur per Steuern das Geld da holen, wo es ist. Bei den reichen Haushalten und den Cash anhaeufenden Unternehmen. Interessanterweise tut er das nicht.
    Viele Gruesse.

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