Sonntag, 23. August 2015

Fortschritt bei der Linken

Lafontaine macht sich offenbar Sorgen um die Linke und Europa.

Quelle: („OskarLafontaine 2005“ von Gunther Hißler - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:OskarLafontaine_2005.jpg#/media/File:OskarLafontaine_2005.jpg)

Und da ich mir als Aussenstehender weniger Gedanken um evtl. Anmassungen und Ungerechtigkeiten gegenueber einem ehemaligen SPD Parteivorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister mache, als er sich offensichtlich gegenueber dem zurueck getretenen griechischen Ministerpraesidenten Tsipras macht, kann ich nur Fortschritt in Trippelschritten diagnostizieren. Obwohl, so langsam geht dem einen oder anderen ein Licht auf. Denn wenn man mal halbwegs verstanden hat, wie Banken funktionieren, dann kommt das grosse Erwachen, was gesetzlich verbriefte “Unabhaengigkeit” und die Verlagerung in den supranationalen Raum beim zentralen Fuehrungs-und Lenkungsinstrument kapitalistischer Wirtschaften bedeutet. Wuerde man dann noch verstehen, was das Erfolgsrezept “Investieren” , von allen wirtschaftlichen Akteuren nach Kraeften immer wieder angewendet, hervorbringt, dann wuerde man sich auch ueber eine Rueckkehr zum EWS als “Loesung” keine Illusionen mehr machen.

Wie war das mit dem Groschen, der pfennigsweise faellt?

Da muss man wohl angesichts der Legionen von politikberatenden sog. Wirtschaftswissenschaftlern, die mit absurden Gleichgewichtstheorien nicht nur  Banken in ihrer realen Funktionsweise komplett ausklammern sondern auch das Fettaugensyndrom und seine Ursachen negieren, das Gebotene als enormen Fortschritt in der politischen Klasse betrachten.

Sapere Aude! 

Samstag, 1. August 2015

Wo "Die Linke" auf dem Schlauch steht

Wo "Die Linke" auf dem Schlauch steht. Und sehr wahrscheinlich ein grosser Teil der 99% auch.
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Im Laufe einer Diskussion auf dem faktenorientierten und sehr empfehlenswerten Wirtschaftsblog Querschuesse, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.



"Die Linke" weiss nicht wie Banken funktionieren! Und der Rest der 99% moeglicherweise auch nicht. Das der Saeulenheilge der Linken, Karl Marx, es nicht wusste, leicht erkennbar an den ausufernden verbalen Kunstfluegen um Banken, Geld und M-C-M´, hatte ich ja schon mal an anderer Stelle erwaehnt. Das die linke Analyse seitdem offenbar immer noch in weiten Teilen auf der Stelle tritt, war mir nicht bewusst.
Aufgedeckt hat das ein Hinweis eines Mitkommentators auf Querschuesse, der dort auf eine Einleitung zum Buch "Apologie von links: Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien" von Sandleben und Schaefer verlinkte. Darin heisst es u.a.:

“In der gesamten linken Krisentheorie ist das fiktive Kapital ein Buch mit
sieben Siegeln geblieben. Die verschiedenen Bestimmungen des Kapitals
werden nicht klar genug voneinander geschieden und immer wieder durcheinander
gewürfelt: Das Leihkapital, das im Kredit vom Verleiher an den
Borger fortgegeben wird, verschmilzt häufig mit dem Rückzahlungs- und
Zinsversprechen, das nur einen Anspruch auf Geld beinhaltet. Dann wiederum
wird dieser Anspruch auf Geld, der das fiktive Kapital bildet, mit dem
Geld selbst verquickt, sodass der Schein entsteht, als wären Bankeinlagen,
Anleihen und selbst Aktien eine Form des Geldes. Häufig verschwimmen
die Bestimmungen des Leihkapitals mit denen des Geldkapitals, das vom
fungierenden Kapital vorgeschossen wird, sodass der falsche Eindruck entsteht,
als würden verleihende Banken das Kapital auch in der Industrie und
im Handel steuern. Solche Missverständnisse gehen teilweise aus dem zinstragendenKapital selbst hervor, weshalb es Marx gelegentlich als „die Mutter
aller verrückten Formen“ (MEW 25: 483) bezeichnete. Statt diesen Kapitalfetisch
zu enthüllen, wird er in der linken Krisendebatte nur breitgetreten
und zu einer Macht der Banken und Finanzmärkte mystifiziert.
In unserem Exkurs, den das fünfte Kapitel beinhaltet, wollen wir systematisch
die verkehrten und widersinnigen Vorstellungen von der besonderen
Macht der Banken widerlegen, indem wir Schritt für Schritt die verschiedenen
Sparten des Bankgeschäfts, angefangen vom Zahlungsverkehr bis hin
zu den verschiedenen Geschäftsbereichen des Investment-Banking, unter der
Fragestellung durchkämmen, ob sich irgendwo für die Banken eine Quelle
der Macht auftut. ”
Und:
“Wenn wir nachfolgend ein rabenschwarzes Bild von der linken Krisen-
theorie malen, dann darf eine wichtige und sehr erfreuliche Tatsache nicht
übersehen werden: Wenngleich mehr im Verborgenen stößt man immer wieder
auf Beiträge und Diskussionen, die das ideologische Feld der Systemverteidigung verlassen. …..
Unsere Analyse
der verschiedenen Phasen der großen Krise führte zu dem Ergebnis, dass die
Krise ihrem inneren Zusammenhang nach eine Überproduktionskrise war,
anfangs eine Überproduktion in der Bauwirtschaft, gefolgt von einer allgemeinen
Überproduktionskrise 2008, die alle bedeutenden Wirtschaftszweige
erfasste und ihre Ursache im Kernprozess kapitalistischer Warenproduktion,
im systematischen und notwendigen Auseinanderfallen von Produktion und
Markt hatte. Die in der linken Krisendebatte verbreitete Vorstellung, die
Schockwellen der Finanzkrise hätten die „Realwirtschaft“ infiziert und in
eine Krise gestürzt, wiesen wir schon damals als „Mythos“ zurück (Sandleben/
Schäfer 2009: 16). Entlang des tatsächlichen Krisenverlaufs konnten
wir belegen, dass es sich umgekehrt verhielt, dass die Krise der Finanzmärkte
durch die Folgen der Überproduktionskrise hervorgerufen worden war.
Auf der Grundlage dieser Krisenerklärung werden wir im letzten Kapitel
einige Tendenzen des bisherigen Krisenzyklus thematisieren, um auf dieser
Grundlage eine Antwort anzudeuten, wohin die Krise treiben wird. ”
Da durfte man gespannt sein.
Insbesondere vor dem Hintergrund dessen, was der ebenfalls verlinkte Gustavus Meyer auf ca. 800 Seiten wohl sehr wort- und facettenreich illustrierte.
Ein paar spontane Fragezeichen meinerseits, waren:
Wie passen “eine Überproduktion in der Bauwirtschaft” und Zeltstaedte sowie 40 Millionen von Foodstamps Abhaengige zusammen?
Naja und auf “wollen wir systematisch die verkehrten und widersinnigen Vorstellungen von der besonderen Macht der Banken widerlegen,…” war ich wirklich extrem gespannt.

Im Nachlauf bin ich dann auf Folgendes gestossen:
http://www.guenther-sandleben.de/finanzkapital.html
http://www.guenther-sandleben.de/mediapool/57/574173/data/Sandleben_Hilferding.pdf


Ich zitiere mal:
“Im Konstitutionsprozess des Finanzkapitals sollen die Banken bereits durch die Art ih-
res Geschäfts eine Sonderrolle einnehmen: Sie verfügten über das notwendige Geld-
kapital der Wirtschaft und könnten diese Macht, wie Hilferding meinte, mehr und
mehr zu ihrem Gunsten ausbeuten. In An-lehnung an die Marxsche Kredittheorie
zeigt Hilferding insbesondere im viertenKapitel seines Buches, wie den Banken
das verleihbare Geld zufließt. Er nennt diefolgenden beiden Quellen: Erstens den
Kreislaufprozess der jenseits der Bankenfungierenden industriellen und kommerziel-
len Kapitale (bei Hilferding fälschlicherwei-se unter dem Begriff der „produktiven“ Ka-
pitalisten zusammengefasst). Die wichtigs-ten Momente der Freisetzung sind die un-
terschiedlich langen Umschlagszeiten derverschiedenen Kapitalteile, die Verkürzung
der Zirkulations- und Produktionsperioden,Preisänderungen und nicht zuletzt der rea-
lisierte Profit, soweit dieser vom Unterneh-mer bzw. seinem Anhang weder konsumiert
noch akkumuliert werde.Zweitens würde den Banken das Geld aus
dem Vorübergehend oder auch für längereZeit nicht genutzten Einkommen aller Klas-
sen zufließen. All diese Gelder würden von der Bank gesammelt, zentralisiert und
könnten den fungierenden industriellen und kommerziellen Kapitalisten als Kredit zur
Verfügung gestellt werden. …….”

Und dann:

“Eine hegemoniale Stellung der Banken als neue Qualität kapitalistischer Entwicklung
ist daraus nicht so ohne weiteres abzulei-ten. Denn die Geschäftsbeziehungen be-
stehen aus wechselseitigen Verpflichtungen zwischen Banken und Kunden, ohne dass
eine besondere Machtquelle der Banken erkennbar wäre: Die Bank muss verleihen,
um ihr Kapital zu verwerten; umgekehrt be-nötigen die Unternehmen das Geld, um
wirklich fungieren zu können, d.h. um In-vestitionen oder sonstige Zahlungen zu tä-
tigen. Hilferding beginnt den Triumphzugdes Finanzkapitals mit einer willkürlichen
Herangehensweise, indem er die wechsel-seitigen Abhängigkeiten in einseitige ver-
wandelt, bei denen die Banken als Gewin-ner, die fungierenden Kapitalisten dann als
die Verlierer dastehen. …..”

Holy Moly! Da zieht es einem glatt die Socken aus.
Es ist zum Haare ausraufen. Die Linke (inkl. Marx) versteht nicht wie Banken funktionieren und die Kapitalisten begreifen nicht, dass, wenn sie ihr Spiel endlos fortsetzen, dank stetig fortschreitender Konzentrationsprozesse auf allen Ebenen (aka Fettaugensyndrom) die Verhaeltnisse auf die Verhaeltnisse in einer zentralistischen totalitaeren Planwirtschaft zusteuern.

Hilferding hat die Macht der Banken vollkommen richtig erkannt. Aber er wusste nicht, dass Banken Geld aus dem Nichts schoepfen. Daher schwurbelt er etwas zusammen, was keinen Sinn macht.
Sandleben kritisiert Hilferding zwar an der richtigen Stelle, aber er verdreht es dann vollstaendig, weil auch er nicht verstanden hat, wie Banken funktionieren.
Sandleben ist ein Depp.
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Geld wird von den Banken im Zuge der Kreditvergabe geschoepft. Das ist ein willkuerlicher Akt, der an nichts gebunden ist. Banken entscheiden frei, wer, wann, wieviel Geld zu welchen Konditionen und zu welchem Zweck bekommt. Damit sind Banken die Planungsbueros des Kapitalismus und Dank Konzentrationsprozessen auch im Finanzsektor zunehmend die zentralen Planungsbueros.

http://de.reuters.com/article/economicsNews/idDEKCN0PY12L20150724


Dazu noch mal Herrhausen (1982/83):
“Ich wähle deshalb eine rein theoretische, nicht eine ideologische Ausgangsposition für die Betrachtung wirtschaftspolitischer Strategien. Solche Strategien müssen sich ableiten von dem, was man als die Aufgabe der Wirtschaft versteht. Und ich denke, daß jede Wirtschaft, gleichgültig ob sie in einer kapitalistischen, sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaftsordnung angesiedelt ist, drei Hauptaufgaben zu erfüllen hat und daß ihre Effizienz daran gemessen werden kann, wie gut sie das tut.
Diese drei Hauptaufgaben sind: Allokation, Produktion, Distribution oder, um die Fachsprache ins Alltagsdeutsche zu übersetzen: Aufbau und Anordnung von industriellen und gewerblichen Kapazitäten, Einsatz und Beschäftigung dieser Kapazitäten, Verteilung der Beschäftigungsergebnisse.
Es geht in jeglicher Volkswirtschaft darum, möglichst solide Grundlagen zu schaffen, auf denen Güter und Dienste erzeugt werden, und diese Güter und Dienste dann denjenigen, die an dieser Wirtschaft als Verbraucher und/oder Erzeuger teilnehmen, zukommen zu lassen.”
Und wie macht man das als Baenker?

In dem man Geld schoepft und gezielt dort einsetzt wo es zum Aufbau von industriellen und gewerblichen Kapazitäten, dem Einsatz und der Beschäftigung dieser Kapazitäten und zur Verteilung der Beschäftigungsergebnisse benoetigt wird.

Und zwar nach Gutsherrenart, Kraft souveraener Willkuer!

Das funktioniert auch wunderbar in einer Aufbauphase wie in Deutschland aber auch in Japan nach 1945. Aber dann entwickelt sich etwas, was offenbar keiner auf der Rechnung hat, trotz eindeutiger historischer Erfahrungen. Konzentrationsprozesse fuehren in eine Erstarrung. Machtkonzentration fuehrt dazu das Fehler und Machtmissbrauch katastrophale Folgen fuer das Gesamtgebilde haben. Es gibt keine Redundanzen und damit keine Korrektive mehr, die Fehlentwicklungen ausgleichen koennten. Zentralistische Systeme sind zwar hoch effizient aber eben auch extrem empfindlich gegenueber Fehlern und Problemen.
Da reicht eine Fehlentscheidung um alles zum Einsturz zu bringen.
Dezentrale Strukturen sind da viel robuster.

Und hier noch das, was Marx, die Linke und Sandleben nicht verstehen bzw. nicht verstehen wollen:

http://www.bankofengland.co.uk/publications/Pages/quarterlybulletin/2014/qb14q1.aspx
http://www.bankofengland.co.uk/publications/Documents/quarterlybulletin/2014/qb14q102.pdf

Und nochmal Prof. Richard Werner mit einem Experiment, welches obiges verifiziert:

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1057521914001070

Sapere Aude!

Georg Trappe